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Gefragt: FJØRT – Teil 1

Wir spielen nicht in einer Band, um persönlich glorifiziert zu werden!

FJØRT gehen ab nächster Woche auf große „Südwärts“-Tour und wir durften uns im Vorfeld mit David und Chris aus der Band unterhalten.
Da wir uns möglicherweise ein Bisschen verquatscht haben, packen wir das einfach in zwei Teile, dass eure Aufmerksamkeitsspanne nicht überstrapaziert wird.

Im Ersten Teil geht es um Konzerte in Nürnberg, Lyrik und darüber, ob es in der aktuellen Zeit politische Texte braucht.

HDIYL: Im Januar startet Eure „Südwärts“ Tour und macht am 30.01. auch in Nürnberg Halt. Welche besonderen Erinnerungen verbindet Ihr denn mit Nürnberg?

FJØRT:
Chris: Wenn ich an unsere erste Club Stereo Show denke, dann hab ich im Kopf, dass das so eine der ersten Shows war, bei denen man dachte: „Wow, da sind ja gar nicht so wenige Leute da.“, und: „Wow, was ist das, was hier gerade passiert?!“ So von der Intensität her und der Laden ist ja auch tausend Grad heiß, wenn da ein paar Leute drin sind. Irgendwie war das so, Club Stereo, krass, was geht hier ab?!

David: Ich glaub das haben wir dann auch entsprechend begossen. Es war auch gar nicht die „Kontakt“-Tour Show, sondern wir haben da zwei Jahre früher schon gespielt. Ich weiß gar nicht wie wir dazu kamen. Es gibt im Stereo ja einen Backstageraum, der gefühlt einen halben Quadratmeter groß ist. Das war halt so ne wunderbare Show, dass wir danach noch superlange getrunken haben und in der Bandwohnung drüber geschlafen haben. Wir haben uns aber nicht im Club Stereo aufgehalten, sondern im Backstage. Dann haben uns immer relativ viele Leute dumm angeguckt, wenn dann irgendwie die Tür aufging und sich ein Typ, der auf die Toilette musste, rauspresste. Wir hingen da wirklich ungelogen mit 15-20 Mann in diesem Backstageraum. Jeder hat geraucht, es war einfach ne Wahnsinnsparty. Wir haben uns gestapelt, aber das war super.

Chris: Wie so ne gute WG-Küchen Party. Wo sich einfach alle drin quetschen, obwohl noch viel mehr Platz ist.

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HDIYL: Die Tour bringt Euch im Gegensatz zu den vorherigen Touren auch in größere Hallen. Spürt man da als Künstler auch einen Unterschied zwischen Clubkonzert und Saalkonzert, oder geht man einfach auf der Bühne ab, ohne zu registrieren, wie viele Leute da vor einem stehen?

FJØRT:
Chris: Man registriert das durchaus, aber man merkt erst was das bedeutet, wenn man rausgeht und auf der Bühne steht. Im ersten Moment ist das so: „Krass, die Leute stehen ja voll weit weg.“ Man hat das Gefühl, die Distanz zu den Leuten ist größer. Im zweiten Gedanken ist das dann so: „Wow, so viele Leute und die haben alle Spaß.“ Dann ist auf einmal die Energie eine krassere und andere, als wenn nur zehn Leute da sind.

David: Wir spielen auch gerne, wenn’s irgendwie geht, ohne Crash-Barrier. Dass die Leute auch wirklich bis an die Bühnenkante rankommen können. Wenn man das gegeben hat, dann kann man auch in ner 5000 Mann Halle spielen, weil man dann sofort in den ersten 10 Reihen drin ist. Wenn die Dinger dann da stehen, ist das halt sofort dieser Festivaleffekt, „Och, der Graben…“ Klar, das muss aus Sicherheitsgründen so sein, weil man sich da schon was Schlimmes tun könnte, das ist uns auch klar. Da hat man ja aus der Geschichte gelernt. Wir versuchen das dann zu überspielen. Möglichst trotzdem weit in den Graben zu kommen, um irgendwie zu den Leuten hinzukommen. Das ist uns auch wichtig, dass wir ne sehr enge Connection zu den Leuten haben.

HDIYL: Euer letztes Album „Couleur“ ist ja richtig durch die Decke gegangen, hat sich dadurch für Euch persönlich etwas geändert? Werdet ihr jetzt auf der Straße angequatscht, oder könnt ihr auf einen Nebenjob verzichten?

FJØRT:
David: In unserer Subkultur und in dem Stil von Musik den wir fahren, ist das ein relativ kleines Thema. Ich glaube, selbst wenn dich Leute erkennen, dann kommt keiner über die Straße gestürmt und sagt: „Eyheyhey!“, das ist dann eher so: „Das ist doch der Dude von der und der Band, cool was er macht.“ Jüngstes Beispiel, wir machen einmal im Monat einen sogenannten „Strammtisch“ in einer Bar hier und da war halt ne Dame mit einem FJØRT-T-Shirt, aber ich glaube, die hat noch nicht mal gecheckt, dass wir da sind. Ich glaube, der Name FJØRT ist viel größer als die Musiker dahinter, die die Mucke machen und das ist das Schönste, was du dir wünschen kannst als Band. Wir spielen ja nicht in einer Band, um persönlich glorifiziert zu werden, sondern wir wollen ja, dass unsere Mucke wen erreicht. Wenn das der Fakt ist, optimal. Und so ist das bei uns, wir können sehr gut einkaufen gehen, überhaupt kein Problem. Das wird auch glaub ich immer so bleiben, solange es FJØRT gibt.

HDIYL: Wenn man dann eher in die poppigere Richtung geht, z.B. Kraftklub, die Jungs haben dann schon eher Probleme, aber das kann auch am Publikum liegen, welches sie anziehen.

FJØRT:
David: Ich glaube auch Flake kann morgens in Berlin Cornflakes kaufen gehen und der spielt bei Rammstein, der verkauft Stadien aus. Da wird keiner über die Straße laufen: „Hi Flake, können wir Foto machen?“ Das ist sehr schön, so gesettlet zu sein, dass die Musik abseits der Person stattfindet.

HDIYL: Das ist irgendwie auch das Schöne an der Indie-, bzw. Hardcoreszene. Wenn du dir nach einem poppigeren Konzert einfach nur am Merchstand ne Platte kaufen willst und da stehen schon 40 kleine Mädels und warten, dass Bosse rauskommt.

FJØRT:
David: Ich glaube Kraftklub, oder Casper haben da auch keinen Bock drauf. Das passiert dann irgendwie und du musst dann schauen, dass du damit umgehst und weiterhin der kreative Künstler bleiben kannst. Das ist glaub ich richtig schwierig, wenn sowas passiert. Ich beneide die Künstler auf keinen Fall und bin echt froh, dass das bei uns nicht so ist.

HDIYL: Was mir bei Eurer Musik auch auffällt, ist, dass im Gegensatz zu anderen Bands in Eurem Genre die Texte schon fast lyrisch sind. Zum Beispiel die Textzeile „Was dir fehlt, schneide ich aus mir heraus.“ ist mit das Romantischste, was ich je in einem Lied gehört habe. Wie läuft das bei Euch genau ab, kommt einer und meint: „Ich hab nen geilen Text, lass mal Mucke drum rum bauen“ oder ist das eher ein Gemeinschaftswerk?

FJØRT:
Chris: Ich glaube, Texte sind der schwierigste Baustein an der Mucke. Wir sind bei den Texten schon so, dass wir auf keinen Fall irgendwas singen, wo nicht jede Zeile hundertprozentig sitzt und wo nicht jede Zeile genau das aussagt, was wir gerne ausdrücken möchten. Es ist halt oftmals nicht so einfach diese Worte zu finden. Deshalb findet das dann eher statt, wenn es schon eine Idee gibt, oder wenn es schon einen Song gibt. In irgendeiner Form ne Struktur, irgendwelche Parts. Dann findet das schon eher im stillen Kämmerlein, bei dem ein oder anderen Cognäkchen statt, dass man intensiv darüber nachdenkt, was man da aussagen möchte und wie man das in Worte gedrückt bekommt. Man kann das nicht irgendwie beschreiben. Es ist einfach das, was du denkst, dass das ausdrückt, was du im Kopf hast. Es wird dann vielleicht lyrisch und verspielt, mit Worten, die vielleicht nicht in jedermanns Sprachgebrauch jeden Tag 50 mal fallen. Es ist schwer zu beschreiben, es passiert einfach in irgendeiner Form.

HDIYL: Ihr habt bei Euren Songs ja doch einige mit klaren politischen Statements gegen den aktuellen Rechtsruck. Sind das eher bewusste Statements, weil ihr Euch dachtet: „Hier läuft’s grad scheiße, wir müssen da einen Song machen, um unsere Meinung klarzustellen“, oder war das eher so aus dem Flow, weil das gerade Eure Gefühle waren und ihr die raushauen wolltet?

FJØRT:
David: Ich sag mal so, geil wäre, wenn wir sowas nicht schreiben müssten. Geil wäre, wenn wir in einer absolut toleranten Gesellschaft leben würden und auf einander aufpassen würden. Ich glaub, darum geht’s uns auch im Wesentlichen. Wir wehren uns auch mit Händen und Füßen dagegen, dass FJØRT ne rein politische Band ist. Wir wollen halt, dass Menschen vernünftig miteinander zusammenleben, respektvoll miteinander umgehen und die Schwächeren schützen. Die politische Entwicklung in Deutschland und im europäischen Umland läuft leider in eine andere Richtung. Viel mehr auf Abgrenzung, Abschottung, Nichthinsehen und, obwohl es uns so gut geht, nicht bereit sein zu helfen. Das sind dann einfach Punkte, die bei uns ein bestimmtes Gefühl auslösen, das dann sehr schnell mit den dazugehörigen Akkorden gepaart werden kann und dann kommt ein Song dabei raus. Das war auf der „Kontakt“ bei Paroli der Fall, das so ein Gewitter von Akkorden hatte. Das kam uns dabei als einziges in den Kopf, weil uns das bei den Demos 2016 begleitet hatte und kam auf der letzten Platte durch Raison wieder zum Tragen. Wo wir eigentlich politische Misstände aufzeigen wollten, aber viel mehr Leuten auch danke sagen wollten, dass sie ab der Geburt von Pegida auf die Straße gegangen sind und auf Gegendemonstrationen da waren und was dafür getan haben, auf jeden Fall ihre Stimme erhoben haben um zu sagen „Mit mir nicht!“ und ich möchte, dass das hier nicht so läuft, egal wie sich die politischen Machtverhältnisse entwickeln. Sondern einfach klare Kante zu zeigen. Sowas kommt dann in Songs rein. Das können die politisch angehauchten zwischenmenschlichen Themen sein, das geht aber auch bis auf die persönliche Freundschafts- und Beziehungsebene runter. Es sind die verschiedenartigsten Themen, mit denen wir uns befassen, aber es ist immer ein Themenbereich, der weh tut. Und sehr weh tut momentan die politische Entwicklung europaweit, vielleicht auch weltweit.

HDIYL: Ist Aachen vielleicht auch auf Grund der Nähe zu Holland und Belgien weltoffener und nicht so xenophob, wie sich andere Städte in Deutschland geben?

FJØRT:
David: Aachen ist halt immer noch Nordrhein-Westfalen und in NRW haben wir immer noch relativ viel Glück, wenn man in andere Bereiche Deutschlands guckt. Das ist dann wirklich Glück, es kann sich auch hier vom einen auf den anderen Tag entwickeln, dass sich hier die politischen Machtverhältnisse ändern. Unser Schlagzeuger hat viele Jahre in Belgien gewohnt, mein Tätowierer kommt von da. Viel in FJØRTs Sprache steckt auch im Flämischen und im Französischen drin. Das hat uns ganz klar geprägt, wir sind hier groß geworden und wir mögen den Zusammenhalt, den wir vor allem in der Hardcoreszene erleben. Es gab da Eastside-Festivals in Eupen und Westside-Festivals hier bei uns in Aachen. Wir haben das immer als sehr positiv erlebt, aber es ist auch nicht so, dass wir hier in nem europäischen Kriegs-Grenzgebiet leben. Ob du jetzt in Holland oder in Belgien einkaufen fährst, dat is Jacke wie Hose, wie man bei uns sagt. Man kann jetzt nicht sagen, dass es hier einen besonderen kulturellen Austausch gibt, das ist wie in Skandinavien. Da ist es auch egal, ob du in Norwegen oder in Schweden bist, die mögen sich.
Wenn uns mal an Texten nix mehr einfallen würde, dann würden wir uns ne Stunde an die Supermarktkasse stellen, dann haben wir wieder Inspiration. Der Bürgerkrieg im Kleinen findet ja an der Supermarktkasse statt. Uns geht es hier in unserem Land so gut, dass wir uns über Themen streiten, wo jeder normal denkende Mensch sagen würde: „Sagt mal, habt ihr Sie noch alle?“  Das ist die Diskussion, die auch in der Flüchtlingsdebatte dazu geführt hat, dass da gewisse Parteien hochgekommen sind. Würde es uns schlecht gehen, dann würde man sich um den anderen kümmern und man würde zusammenhalten. Aber die Abschottung funktioniert ja hier sehr gut.

Im zweiten Teil erfahrt Ihr morgen alles über Mark Forster und warum man einen guten Song auch gerne mal mit einer Pizza vergleichen kann.

 

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/ Interview: Simon Strauß /
/ Bilder: Pressefreigabe und Bing-Hong Hsiao