reden ist silber

Konfetti! Und außerdem … Freizeitavatar

Bin ich nicht gefragt worden, ob ich eigentlich wirklich alles immer so erleb, wie ich’s hier hineintagebuche, oder ob es nicht vielleicht sein kann, dass ich gelegentlich ein bisschen schlecht träume. Da bin ich dann direkt ein bisschen rot angelaufen. Wegen Ertappung. Mist, hab ich mir gedacht, jetzt kommen sie mir doch langsam drauf, dass ich zwar mit einer blühenden Fantasie und flexiblen Grammatik, im Gegenzug aber auch mit einem verdörrten Leben gesegnet bin. Sogleich hab ich mich daheim wieder ins dunkle Kabuff verzogen, meine Gewitter-Kassette eingelegt und traumweltend weitergehofft, dass dieser bereits 57 Wochen dauernde Sommer vorbei und endlich wieder November ist. In der Zwischenzeit kann mein Avatar, der mir dank guter Verbindungen zum chinesischen Geheimdienst und Herrn Mu-ming Poo vor einigen Jahren zur Verfügung gestellt wurde, draußen herumspazieren und meinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachgehen. Leider ist der Apfel ebenso alt wie sein Stamm, weswegen es hier und da gewisse Verbesserungsbedürftigkeiten gibt. So entspricht die Speicherfähigkeit des Avatargehirns dem Besten, was die Technik hergibt. Will sagen: was sie hergeben konnte zum Zeitpunkt der Kreation. Hier kneifen wir feste die Augen zusammen und drücken ganz dolle und pressen eine Erinnerung an etwas namens „Diskette“ aus unserem tiefsten Erinnerungsschlund hervor (die Jüngeren unter euch lesen am besten gleich doppelt weiter, wegen 1. noch nie gehört von „Diskette“ und 2. prinzipieller Problematik mit „Erinnerung“ weil wieso erinnern, steht doch alles im Wischkastl). Das war das Ding von der Größe einer halben Schokoladentafel (zartschmelzend), auf das grad so viel Datei gepasst hat, dass man eine Zeit lang Prince of Persia hat spielen können und zwar dergestalt, dass kleine Quadrate in den Farben Schwarz, Weiß, Hell- und Dunkelgrau sich irgendwo umeinanderbewegt und dazu schwierige Knattergeräusche von sich gegeben haben und mit Glück irgendwann Prinzessin, sprich Klumpungen von grauen Quadraten mit hellen obendrauf und dazu Jubelorchester und Fanfaren von einer Klangqualität wo du heut sagst hab ich’s vielleicht doch ein bisschen übertrieben mit der Geilepartymukkefreibadkomplettbeschallung aus meiner portablen und jetzt verschiedenen Superbox. Also so viel Datei wie heut eine Whatsappnachricht. Geschrieben, nicht in Voice. Das könnt ihr jetzt gleich einmal nachwischkasteln. Was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass hiermit das Geheimnis meiner angeblichen Gesichtsblindheit geklärt wäre. Wenn ihr den Avatar also irgendwo seht und grüßt und dann kriegt ihr statt Zurückgruß einfach nur ein sehr, sehr dumpfes Glotzen zurück – nehmt’s ihm nicht übel. Ein freundschaftlicher Knuff und eine kühle Limo bewirken unter Umständen eine Defragmentierung. Ich bleib derweil hier liegen und erfinde Geschichten aus dem echten Leben. „40 Jahre Desi“ (Fr&Sa, Brückenstr), „Xylotrip Supersommerfete“ (Z-Bau, Frankenstr), „Querbeat“ (KK, Königstr), „Darkest Friday“ (Cult, Dooser Str), „Need for Beat“ (Stereo, Klaragasse) und am Samstag „Singleparty“ (T90, Flughafen), „Gold & Butter“ (MUZ, Fürther Str), „Kiss Club pres. Wolke 7 Aftershow“ (Rakete, Vogelweiherstr), und ansonsten hab ich allen Nacht- und Kellereulen eine irrsinnig traurige Mitteilung zu machen: Es geht nauswärts! Ihr müsst ins Tageslicht und unter unzumutbaren Umständen draußen festivalfeiern. Oder halt daheim und Gewitterkassette. Leih ich euch!

 

 

// Text: Katharina Wasmeier / Bild: Hannah Rabenstein //

~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~