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schubsen – Sprachfetzen (Review)

Nach den Alben „Neue Blessuren“ und „Stühle rücken in Formationen“ veröffentlichen schubsen am 26. Februar die EP „Sprachfetzen“ – ein Werk, das sich konzeptuell ganz dem Thema Sprache und Macht widmet. schubsen sind sich dabei treu geblieben, musikalisch wie auch sprachlich. In gewohnt abstrakten und offenen Texten spielen die Nürnberger Post-Punker rund um Sänger und Schreiberling Krupski wieder mit verschiedenen Deutungswegen. Was man aber so oder so raushört: „Sprachfetzen“ ist mindestens genauso gesellschaftlich und politisch wie die beiden Vorgänger-Releases und damit brandaktuell.

Wie sonst soll man den ersten Song der EP, Auftakt des steten Endes, verstehen? Unweigerlich fragt man sich als Hörer:in – wie dystopisch darf und muss diese Frage gedacht werden? Welches Ende besingt Krupski eigentlich? Wird das Ende einer funktionierenden Gesellschaft, das Ende des sozialen Miteinanders, das Ende der gesellschaftlichen (N)Etiquette prophezeit und deklariert? Und kann ein Ende überhaupt „stet“ und andauernd sein? Bei all den Fragen, die der Auftakt der EP aufwirft, kann eine Frage aber beantwortet werden: das Ende der Band schubsen bedeutet es sicher nicht. Zu dringend sind die Inhalte, zu eingängig die Melodien.

So werden in dem zweiten Song Marode Silben in gewohnter schubsen-Manier Silben verschluckt und Wörter undeutlich ausgesprochen, aber das verleiht dem durchdringenden Inhalt nur noch mehr Authentizität und Nachdruck. Denn wie heißt es in dem Song:

„Sprache schafft Realität.“

Und wie sie das tut! So losgelöst kommt dieser Satz eigentlich als recht trocken-rationale Erkenntnis daher. Und doch schaffen schubsen es, diese Tatsache in einen sehr emotionalen Themenkomplex einzubetten. Die Sprache, die schubsen dabei wählen, ist keine glattgebügelte und hochpolierte. Sie ist vielmehr eine musikalische Momentaufnahme beobachteter Situationen, Reaktionen und Emotionen – im Großen wie im Kleinen. Grundlegend ist Sprache noch viel mehr als das gesprochene Wort, sie definiert sich eben auch durch das Nichtgesagte und Nichtgetane, wie der nächste Song Der Akzeptanz verdeutlicht:

„Was du im Wegsehen alles zeigt und im Schweigen alles sagst, wie du dich im Nichtstun befreist, begreifst.“

Nach dieser vergleichsweise noch recht ruhigen Tatsachenbeschreibung von Sänger Krupksi zu Beginn des Songs unterstützen ihn nun auch die restlichen Bandmitglieder bei seiner Anklage mit eindringlicher Gitarre, Bass und Schlagzeug. Schließlich setzt Krupski zum gar mantraartigen Flüstern und das gesamte schubsen-Quartett zum finalen Drohtanz an. Was danach übrig bleibt: ein erschöpftes Ausklingen des Songs, das kurz Luft holen lässt für das, was folgt.

Eine kontrastierend fröhliche und beschwingte Atmosphäre verbreitet anschließend Aroma. Zweifelsohne kann Aroma als der Song mit dem größten Pophit-Potenzial auf der EP durchgehen, so ironisch ausgelassen und melodisch klingt Krupski hier. Doch auch dieser Song kommt nicht ohne das „schale Alles und saure Nichts“ auf der Zunge aus und deutet somit an, dass diese fröhliche Sequenz nur eine kurze (Verschnauf-)Pause ist. Eine eindringliche Gesprächseinladung folgt prompt: „wir müssen reden, jetzt sofort“ über etwas, das schon längst Kein kleiner Jux mehr ist. Nicht nur aus diesen Zeilen könnte man alle aktuellen gesellschaftlichen wie auch politischen Geschehnisse und Grenzüberschreitungen heraushören – sei es Trump, Verschwörungsfanatismus, Coronaleugnung, Impfgegnertum oder Rassismus. Was auch immer man hinter diesen Zeilen vermuten mag, falsch liegen kann man damit nie. So abstrakt und deutungsoffen und dadurch zeitlos sind die Texte von schubsen.

Die eigentliche Perle der EP ist zugleich eine Zwingende Aussicht. Auch hier spielen schubsen mit den Deutungsmöglichkeiten. Der eine mag dahinter einen hoffnungsvollen Ausblick auf bessere und gemeinschaftlichere Zeiten erkennen, die andere eine Aussicht auf neue Negativ-Superlativen und kommende Grenzüberschreitungen unter dem Deckmantel von Tugenden und Tradition.

 „Schikanieren, dann applaudieren. Du wirfst keine Steine, du gehst durch Scheiben.“

Nach den sechs Songs und knapp 20 Minuten Spieldauer ist man nicht unbedingt schlauer, aber man wird vielleicht wieder daran erinnert, dass es in der Gesellschaft Dinge gibt, die (sprachlich) stet miteinander ausgehandelt werden müssen.

Schubsen beweisen erneut, dass es immer wieder Themen und Inhalte gibt, die eine Dringlichkeit haben, die raus müssen. Dabei zeigen sie, wie Sprache und Musik als Machtinstrumente wirken können und begeben sich auf einen gekonnten Drahtseilakt zwischen kryptischer Wortmalerei und einem direkten Auf-den-Punkt-kommen.

artwork schubsen

Was man in dieser EP hört und deutet, liegt vermutlich am individuellen Gemütszustand. Praktischerweise geben schubsen bereits mit dem Cover zur EP eine klare Empfehlung ab, wie man dieses Werk hören sollte: mit angespitzten Ohren, ja bitte auch laut aufgedreht. Wir sprechen eine dringliche und uneingeschränkte Hörempfehlung für „Sprachfetzen“ aus.

Tracklist: schubsen – Sprachfetzen EP (VÖ: 26. Februar 2021)

Auftakt des steten Endes
Marode Silben
Der Akzeptanz
Aroma
Kein kleiner Jux
Zwingende Aussicht

PS: ein interview mit der Band zur EP findet ihr hier und hier.

// Text: Sarah Grodd //
// Bild: Lisa Closer //

schubsen | Andreas Hornoff

Interview mit schubsen – Sprachfetzen

Nach den Alben „Neue Blessuren“ und „Stühle rücken in Formationen“ veröffentlichen die Nürnberger Post-Punker schubsen am 26. Februar über Swing Deluxe Records die EP „Sprachfetzen“ – ein Werk, das sich mit sechs Songs konzeptuell ganz dem Thema Sprache und Macht widmet. Aufgenommen haben die Jungs die Platte wieder im Hersbrooklyn Studio. Wir haben uns bereits im Januar zum virtuellen Kaffeekränzchen mit Sänger Krupski und Schlagzeuger Tornado getroffen und über den Aufnahmeprozess in Ausnahmezeiten, hoffnungsvolle Enden und das Komprimieren von Sommergefühlen gesprochen.

Aus aktueller Sicht (Stand Januar) ist das kein optimaler Zeitpunkt, um ein Release zu feiern. Wie geht´s euch mit der EP?

Tornado: Es ist komisch, weil es anders ist als sonst. Auf der anderen Seite ist es spannend, weil die Musik auf der EP viel mehr für sich alleine steht. Es wird nicht begleitet von einer Tour, sondern es sind dann erst einmal nur die sechs Songs.

Wenn ihr die Wahl hättet: Würdet ihr lieber ein reduziertes Konzert mit wenigen Leuten und viel Abstand spielen oder dann lieber auf ein Releasekonzert verzichten?

Tornado: Das ist eine gute Frage. In unserer Band gibt es zwei Pole. Total viel von dem, was bei uns Musik ausmacht, ist das Zusammensein und das gemeinsame Erleben. Das ist die Seite, die gegen ein Releasekonzert unter den aktuellen Umständen ist. Und die andere Seite der Band sagt, dass wieder etwas passieren muss, weil Kultur fehlt. Und Kultur kann nicht nur sein, auf der Watchlist bei Netflix zu checken, welchen Film man sich anschaut.

Viele Bands haben sich im letzten Jahr an Online-Konzerten ausprobiert. Das hat man bei euch nicht gesehen. Findet Kultur für euch nur live, also im realen Leben statt?

Krupski: Das ist bei uns Typsache. Ich persönlich habe mir auch online zwei Theaterstücke angeschaut, fand es aber komisch, weil ich es mag, während der Vorstellung auch das Geschehen außerhalb der Bühne zu beobachten. Als Literaturfigur Krupski habe ich es abgelehnt, online zu lesen, weil eine Lesung von dem Austausch und der Performance vor Ort lebt. Auch die Art, wie ich bei schubsen auf der Bühne agiere, kommt vom Publikum. Ich nehme die Atmosphäre vom Ort, der Bühne und den Personen auf und reagiere darauf. Deswegen kann ich es mir überhaupt nicht vorstellen, in einem leeren Club zu spielen und dabei gefilmt zu werden.

Tornado: Bei Musik ist das gemeinsame Erleben wichtig. Zwar gibt es bei Konzerten auf der einen Seite eine Bühne mit Künstler:innen drauf und auf der anderen Seite steht das Publikum, aber manchmal verschwimmen diese Grenzen zwischen diesen beiden Seiten. Und dieses Auflösen von Grenzen und das gemeinsame Erleben von Kultur funktioniert online nicht. Es gibt keine Reaktionen und Gegenreaktionen.

Wie war denn der Schreib- und Aufnahmeprozess für „Sprachfetzen“ in diese Ausnahme-Jahr für euch?

Krupski: Im Frühjahr haben wir überlegt, in welche Richtung das gehen kann und welche Songs wir haben. Aus persönlichen Gründen haben wir beschlossen, im Sommer im Hersbrooklyn Studio aufzunehmen, wo auch schon „Stühle rücken in Formationen“ entstanden ist. Und dann war klar, dass wir bis zum Sommer Zeit haben, Songs zu schreiben und daraus eine knackige EP zum Thema Sprache und Macht zu produzieren. Im Studio selbst haben wir gar nicht mehr so viel rumgewerkelt, die Grundsachen standen davor schon und deshalb waren wir auch gar nicht so lange im Studio. So habe ich es in Erinnerung.

Tornado: Ich würde das ganz anders erzählen, das ist jetzt eine ganz klassische schubsen-Situation. Eigentlich hatten wir mit dem Start des Lockdowns im Frühling eineinhalb fertige Songs nach der LP. Nach dem Lockdown waren wir viel im Proberaum und gefühlt stand bei jeder Probe ein neuer Song. So leicht ging uns schon lange nichts mehr von der Hand wie diese sechs Songs. Und so war auch das Aufnehmen. Wir mussten uns gar nicht anstrengen, es ging uns alles leicht von der Hand. Wir haben eine starke Erleichterung gespürt, im Sommer wieder was machen zu können. Es ist unsere Pandemie-Platte, auch inhaltlich. Es geht um vieles, das das letzte Jahr bestimmt hat.

Krupski: Ich weiß noch, wie ich in Hersbruck über Nacht geblieben bin und ich nach den Aufnahmen noch an den See gefahren bin, das war ein richtiges Sommergefühl. Das war fast die unbeschwerteste Zeit des letzten Jahres.

Dann konntet ihr auf „Sprachfetzen“ auch ein bisschen den Sommer konservieren. Musikalisch und klanglich seid ihr euch aus meiner Sicht dabei treu geblieben. Wie seht ihr das? Habt ihr etwas auf der EP anders gemacht als auf den Vorgängeralben?

Krupski: Wir haben uns nicht neu erfunden, wir sind immer noch schubsen und ich finde es auch wichtig, dass schubsen nach schubsen klingt. Es hat aber eine neue Facette aufgemacht, die EP ist präziser, schärfer und rougher geworden. „Stühle rücken in Formationen“ war keine High-End-Platte, aber die hört sich halt anders an: das Schlagzeug klingt klarer, die Verzerrung der Gitarre klingt perfekt. Das ist bei der „Sprachfetzen“ EP nicht mehr so. Beim Song „Der Akzeptanz“ haben wir Percussions mit dabei, bei „Aroma“ gibt es einen kleinen Singsang.

Tornado: Für mich war der große Unterschied, dass wir auf einen Punkt hin zusammengespielt haben, wie wir das vorher noch nicht gemacht haben – auch was die Aussage eines Songs angeht. Jeder Song wie auch die Gesamt-EP steht inhaltlich für etwas Bestimmtes. Wir haben gemeinsam versucht, das auszudrücken, worum es auf den Songs eigentlich geht. Wir waren eine Band, sowohl von der Aussage bis hin zu den Songs.

Ihr habt die Songs dieses Mal also mehr zusammen erarbeitet. Wie seid ihr dabei vorgegangen? War wieder zuerst Melodie da und dann kam der Text?

Tornado: Wir haben viel miteinander geredet und das ist ja schon spannend bei einer EP, dessen Thema Sprache ist. Wir haben darüber geredet, wie wir etwas spielen und singen, und auch, was wir bewusst weg lassen: welches Wort wo gesetzt wird, welcher Schlag gespielt und welcher weggelassen wird. Das ist das Gute an der EP: Es ist nicht nur das, was da ist, sondern das, was nicht da ist. Wir haben einfach versucht, ganz viel wegzulassen. Das passt wieder zu dem, worum es geht: Wie kommen wir auf eine Ebene des Verstehens?

Dann lasst uns jetzt doch über das Thema von „Sprachfetzen“ sprechen. Das ist das erste Mal, dass ihr ein Konzeptwerk veröffentlicht. Woher kommt die Idee für diese Konzept-EP über Sprache und Macht?

Krupski: Mich interessiert einfach, inwiefern Sprache und Macht sich gegenseitig bedingen. Wie Macht und Sprache funktionieren können, wie man z.B. jemanden dadurch ausgrenzt, dass man eine andere Sprache spricht. Und damit meine ich nicht unbedingt tatsächlich unterschiedliche Sprachen wie Deutsch, Englisch, Türkisch, sondern wie man Vokabeln und Akzente setzt und wie man durch Sprache auch manipulieren kann. Es ist einfach rauer geworden in vielen Gesellschaften. Und bei der Sprache fängt es schon an, das finde ich sehr schlimm und gewalttätig, aber auch sehr interessant, wie solche Mechanismen funktionieren.

Es war aber nicht von Anfang an klar, dass wir die EP mit diesem Konzept machen wollen, sondern es hat sich eigentlich peu à peu ergeben. Den Song „Kein kleiner Jux“ auf der EP gibt es schon seit 2019 und der hat das Thema gewissermaßen vorgegeben.

Tornado: Wobei das schon auch etwas ist, was uns im letzten Jahr beschäftigt hat. Im letzten Jahr war einerseits so viel Sprache und so wenig tatsächliche Begegnung da. In virtuellen Treffen muss man sich noch mehr um Sprache bemühen als in der Begegnung, bei der man stärker mit nonverbaler Kommunikation arbeiten kann. Und auf der anderen Seite ist auf der politischen Ebene so viel hochgekocht. Das Spannende im letzten Jahr war, dass so viele Fragen gestellt wurden, die vor zwei, drei Jahren noch gar nicht so gestellt wurden. Es gibt Menschen, die sagen, sie werden nicht gehört und ihnen wird das Falsche gesagt und etwas verschwiegen. Dazu kommen Aussagen wie „Ich habe die richtige Position“. Und das ist das, was unser Zusammenleben gerade total komplex macht. Was ist denn die richtige Position, gibt es die überhaupt? Wie können wir uns wieder ein Stück weit mehr zuhören, wo können wir uns begegnen? Wer sagt eigentlich was, wer unterbricht wen mit Recht oder mit Unrecht?

Das Besondere an euren Texten ist, dass sie einerseits abstrakt und dadurch offen und zeitlos sind, andererseits konkret genug, um viele aktuelle gesellschaftliche und zwischenmenschliche Ereignisse darin deuten zu können. Könnt ihr etwas zu euren Songs erzählen?

Tornado: Der Song „Marode Silben“ beschreibt, was Sprache eigentlich kann. Im Positiven wie im negativen Sinne. Eigentlich ist das eine Zustandsbeschreibung. Dann sind vier Songs dabei, die beschreiben, was wir als Band bzw. Krupski als Schreiberling problematisch ansieht.

Und der letzte Song „Zwingende Aussicht“ hat, weil wir auch ein bisschen kitschig sind, ein positives Ende. Bei all dem, was Sprache kann, kann sie eben nicht nur Macht ausdrücken und diskriminieren, sondern auch Verbindung schaffen und zusammenführen – das genaue Gegenteil von dem, was wir gerade bemängeln und betrauern. Uns war wichtig, neben der Zustandsbeschreibung am Ende auch einen Song zu haben, der inhaltlich aufzeigt, dass es auch einen anderen Weg und die Möglichkeit gibt, über Sprache zusammen zu finden. Das schafft den Bogen zu Kultur, weil ein Konzert ein gemeinsames Erlebnis ist, bei dem man zusammenfindet. Wir müssen lernen, wieder mehr zuzuhören und auf den anderen einzugehen, andere Positionen nachzuvollziehen.

Wir sagen: vielen Dank für das virtuelle Kaffeekränzchen und wünschen schon einmal einen Happy Release Day!

PS: hört das Interview auch bei unseren Freunden von Tommy & Brit oder lest das Interview mit schubsen zum Vorgänger „Stühle rücken in Formationen“.

// Interview: Sarah Grodd //
// Foto: Andreas Hornoff //

schubsen | Andreas Hornoff

schubsen – Stühle rücken in Formationen

schubsen. Ein Akt der Auflehnung, des in Bewegung Kommens. Ein Akt, der Blessuren hinterlässt. schubsen. Eine stürmische Vierer-Combo mit Haftpflichtversicherung, bestehend aus den Bandmitgliedern Friedo, Habery, Tornado und Krupski.

Am 1. März erscheint das zweite Album „Stühle rücken in Formationen“ der Nürnberger Post-Punker. Pünktlich zum Release und leicht biergetränkt haben wir mit Sänger Krupski über den Entstehungsprozess des Albums, die textlichen Inspirationen und die Gefahren großer Bühnen philosophiert.

HDIYL: Als Schreibkopf hinter schubsen ist Literatur ein wichtiger Bestandteil für dich persönlich und für die Band. Wie verläuft euer Aufnahmeprozess im Allgemeinen?

Krupski: Der Entstehungsprozess bei der zweiten Platte hat sich im Vergleich zur ersten verändert. Wie auch schon bei der ersten Platte ist Friedo, unser Gitarrist und Kreativkopf der Band, mit einer Grundidee im Proberaum angekommen. Dann spielen Habery am Bass und Tornado am Schlagzeug ein bisschen rum und wir überlegen, in welche Richtung wir wollen. Erst danach entstehen die Texte. Mein Instrument ist nur die Stimme, aber ich bin in dem musikalischen Prozess auch immer dabei. Das entsteht alles miteinander.

Bei der zweiten Platte hat Friedo aber noch mehr vorbereitet, weil wir in einem engen Zeitkorsett arbeiten müssen und sehr eingebunden sind. Wir proben regelmäßig, aber bei uns muss relativ viel schnell geklärt werden – wir müssen auf Knopfdruck kreativ sein. Wir sind sehr anspruchsvoll, deswegen hat die Platte auch so lange gedauert. Es sind keine zehn oder elf Songs geworden, weil uns das egal ist. Es bestand eine Dringlichkeit von den Inhalten her und wir wollten die acht Songs einfach raus bringen.

HDIYL: Ihr habt einen hohen Anspruch an euch selbst?

Krupski: Definitiv. Wir wollen nicht berühmt werden, aber wir wollen gute Songs schreiben, mitreißende Konzerte spielen, Musik machen, die den Leuten was bedeutet und die was zu sagen hat.

HDIYL: Hat dieser hohe Anspruch etwas mit euren Erfolgen und Erfahrungen eurer Vorgängerprojekte zu tun?

Krupski: Jeder hat seine Erfahrungen gesammelt. Unser Schlagzeuger Tornado war früher bei Robocop Kraus, die DIE Nürnberger Indieband war und Touren in England, USA und Japan gespielt hat. Unser Gitarrist Friedo hat schon in vielen Bands gespielt, wie z.B. For Arkadia oder One Ironaut. Habery hat früher bei The Klondike Derby und bei Wings of Love gespielt und ich war bei Reflekta Reflekta. schubsen war eigentlich ein Gag-Projekt, weil wir noch einmal so eine kleine Allstar-Band zusammenstellen wollten. Das hat sich ergeben, als ich mit Reflekta Reflekta und Habery und Tornado mit Wings of Love zusammen auf Tour war. Wir haben fünf, sechs Konzerte miteinander gespielt. Ich habe 2013 in Heidelberg vor Wings of Love eine Lesung gehalten und da ist die Idee entstanden, eine 7 Inch zu produzieren: auf der einen Seite zwei Wings of Love-Songs und auf der anderen Seite zwei Texte von Krupski. Die EP ist nie entstanden, aber das war die Geburtsstunde von schubsen. Dann brauchten wir noch einen Gitarristen und so kam Friedo dazu. Es hätte niemand gedacht, dass das mal so etwas wird. Wir sind nicht groß, aber wir haben schon verdammt coole Sachen erlebt – wir spielen demnächst unsere vierte/fünfte Show mit Turbostaat, waren mittlerweile in ganz Deutschland, in Österreich und der Schweiz unterwegs und bringen jetzt die zweite Platte raus, das ist cool!

HDIYL: Etwa zweieinhalb Jahre liegen zwischen eurem ersten Album „Neue Blessuren“ und der neuen Scheibe. So eine Albumproduktion ist ein langwieriges Projekt. Wenn man so lange auf diesen einen Release-Zeitpunkt hin arbeitet, kommt nach dem Erreichen nicht ein tiefes Loch? Bei euch ist es jetzt soweit, wie fühlt sich das an?

Krupski: Für mich ist das Album schon so alt. Wir haben den Song „Vorzeichen“ schon 2017 gespielt. Das gewinnt aber alles nochmal an Qualität, wenn man Entscheidungen treffen muss, z.B. in welcher Reihenfolge die Songs auf die Platte kommen. Im Herbst haben wir mit den ersten Leuten gesprochen – wer soll das Artwork, Booklet, Poster, Shirts etc. machen? Nach diesem ganzen Prozess kommt das Touren. Es ist fantastisch, das Album endlich in der Hand zu halten und ich freue mich wahnsinnig, dass wir nächste Woche auf Tour gehen.

HDIYL: Gab es während des Prozesses auch Streitigkeiten innerhalb der Band?

Krupski: Es sind keine Streits, es sind Diskussionen. In einer Band zu spielen ist wie mit drei Menschen gleichzeitig eine Beziehung zu führen. In einer guten Beziehung wird viel diskutiert und in einer guten Band wird eben auch viel diskutiert. Wir kennen uns schon sehr lange und haben eine starke Bindung zueinander. Aber wir sind mittlerweile alle sehr eingebunden und das macht es komplizierter, am Anfang war alles etwas einfacher.

HDIYL: Eure Songtexte bilden ein eher düsteres Gesellschaftsbild ab. Woraus speisen sich deine Textinspirationen?

Krupski: Die Texte entstehen durch relevante Themen innerhalb der Band und der Gesellschaft. Bei der ersten Platte hat mir unser Schlagzeuger Tornado von dem israelischen Friedensaktivisten Abie Nathan erzählt. Der ist durchs Mittelmeer geschippert und hat mit seiner Radiostation Geld für Friedensprojekte in Israel und Palästina gesammelt. Über den haben wir dann den Song „Abie“ geschrieben. So entstand das auch mit den Songs auf dem neuen Album. Diesmal habe ich aber alle Songs extra für die Band geschrieben. Beim ersten Album habe ich drei Gedichte aus meinem Gedichtband „Bitterhonig & Der Klang des Taumelns“ mit Bird Berlin vertont.

HDIYL: Die Songtexte sind teilweise sehr kryptisch, abstrakt und nicht direkt. Schreibst du bewusst so unscharf und indirekt?

Krupski: Es kommt tatsächlich einfach raus. Ich zerarbeite Texte nicht. Der Text liegt nicht ewig bei mir rum. Es sind ausschlaggebende Ereignisse, ob im Freundes- und Familienkreis, in der Politik und Gesellschaft oder eine Stimmung, die mich anregt, etwas zu beschreiben. Ich möchte die Texte offen lassen und eben nicht erklären. Die Leute sollen sich entweder ihre eigenen Gedanken machen oder es lassen. Wir wollen die Musik und die Texte sprechen lassen. Ich möchte, dass, wenn man gut gelaunt ist, was anderes drin liest als wenn man schlecht gelaunt ist. Oder wie bei „Flucht“ – dass man es da aus einer persönlichen Perspektive mit Orientierungslosigkeit und Alltagsflucht sehen kann, aber natürlich auch mit der Misere der Flüchtlingspolitik.

Es passt nicht zu mir und auch nicht zur Band, Parolen zu klopfen. Irgendjemand hat mal gesagt, wir machen lyrischen Post-Punk. Ich finde es schöner, Wortmalerei zu betreiben als schnell auf den Punkt zu kommen. Klar, die neue Platte ist direkter, es ist ein bisschen offensichtlicher, um was es geht. Es hat aber definitiv auch mit den gesellschaftlichen Zusammenhängen zu tun. Die erste Platte, wie der Name „Neue Blessuren“ schon sagt, hat eher was mit den persönlichen Blessuren von Menschen zu tun, die in der Gesellschaft anecken. Das neue Album „Stühle rücken in Formationen“ hat eher eine gesellschaftliche Ebene – die Stühle in der ersten Reihe bleiben besetzt und um die in der zweiten Reihe wird mehr gekämpft. Und wer sagt überhaupt, wie viele Stühle es in der Gesellschaft zu verteilen gibt? Es ist viel gesellschaftlicher und politischer geworden als „Neue Blessuren“.

„Ein lausiger Satz missverstanden, die Returntaste ramponiert.
Wenn die Kommas bitter strahlen, sind die Fake News längst nummeriert“
(Im Netz)

HDIYL: Dieser Textpassus in eurem Song „Im Netz“ gefällt mir besonders gut. Ich muss sofort an Trump denken, wie er mit nur einem falschen Tweet den nächsten Krieg auslösen könnte. Habe ich ins Schwarze getroffen?

Krupski: Jein, ich habe nicht direkt nur an Trump gedacht. Es gibt auch viele andere Fake News, die die politische Landschaft beeinflussen. Aber der Song dreht sich natürlich schon um die Macht der Digitalisierung, das Zwischenmenschliche oder wie man übers Internet miteinander kommuniziert und dass dabei vielleicht auch eine gewisse Sprache verloren geht.

HDIYL: Hat der Song auch etwas mit eurem Albumcover zu? Dort sieht man ein kleines Haus, aus dessen Fenstern scheinbar das blaue Flimmern von Fernsehern und Bildschirmen erstrahlt.

Krupski: Genau richtig! Das hat Thomas Bergner fotografiert, Dozent an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg.

Schubsen_Cover_web

HDIYL: Ihr seid die dritte Band, die über das Label mono-Ton Records veröffentlicht. mono-Ton Records ist ja eher so ein Liebhaberding neben dem eigentlichen Plattenladen – aus meiner Sicht ist das daher eine große Ehre! Wie kam es dazu und wie fühlt ihr euch damit?

Krupski: Wir finden großartig, dass Tobi und das gesamte Team vom mono-Ton uns unterstützen. Wir sind alle Musikliebhaber, die seit Jahren dort Platten kaufen, das ist unser Plattendealer! Den Grundstein hat damals eine Livesendung vom Zündfunk im mono-Ton gelegt, in der wir ein paar Songs dort live gespielt haben. Seitdem hat uns Tobi immer mehr oder weniger begleitet. Wir hatten auch Gespräche mit anderen, überregionalen Labels, aber wir mögen es schon sehr, die Leute zu kennen, mit denen wir zusammen arbeiten.

HDIYL: Viele Bands haben mir erzählt, dass man mit einem Label im Rücken sofort professioneller und ernsthafter von Veranstaltern wahrgenommen wird – ist das aus eurer Erfahrung auch so?

Krupski: Wenn es ein Label wie Audiolith oder Grand Hotel van Cleef ist, dann ist das natürlich schon ein Name. Aber es gibt mittlerweile so viele kleine Labels, dass es nicht mehr die Relevanz besitzt. Das Wichtigste ist eigentlich die Booking-Agentur. Wir haben keine, weil wir es in unserer Hand belassen wollen. Aber natürlich ist es uns dadurch verwehrt, gewisse Clubs und Festivals zu bespielen. Die Festivals bedienen sich von den Booking-Agenturen und nicht von DIY-Bands. Auch wenn wir mono-Ton Records im Rücken haben, sind wir eine DIY-Band. mono-Ton Records ist ein Liebhaberkind von Tobi und seinem Team, aber es ist immer noch ein Plattenladen und kein professionell arbeitendes Label.

HDIYL: Wollt ihr denn auf großen Festivals spielen, an die man nur über solche Booking-Agenturen rankommt?

Krupski: Wir wollen auf Festivals spielen – ob die groß sind oder nicht, ist uns eigentlich rille. Aber auf einer großen Bühne breche ich mir wahrscheinlich was. Ich springe bei Konzerten gerne mal von Bühnen runter und wenn die zu groß sind, wäre es für mich ein bisschen schwierig, da wieder hoch zu kommen ohne mir irgendwas zu brechen. Deswegen bleibe ich lieber auf der kleinen Bühne.

HDIYL: Wie viele Verletzungen musstest du schon während eurer Konzerte erleiden?

Krupski: Da gab´s schon einige. Es gab auch gewisses Material, was kaputt gegangen ist. Ich habe schon ein paar Mal den Satz gesagt „Hallo, wir sind schubsen. Wir sind haftpflichtversichert.“ und es hat sich schon so in die Bandgeschichte und in Ansagen eingefügt. Mittlerweile hat es das sogar in die Credits vom Album geschafft!

HDIYL: Ist das Touren eher Urlaub oder harte Arbeit für euch?

Krupski: Urlaub ist es eigentlich nicht, es ist unfassbar anstrengend. Aber Touren ist das Beste, was es gibt. Vor allem, wenn man super weit weg vom Wohnort ist und keinen kennt.

HDIYL: Weil man sich dann wie Sau benehmen kann?

Krupski: Nee, weil man das Gefühl hat, dass die Leute das einfach gut finden, was man macht – oder eben nicht.

HDIYL: Ist das Publikum weit weg denn anders als das Publikum der eigenen Home-Base?

Krupski: Für mich ist es immer anstrengend, Home-Shows zu spielen. Ich bin wahnsinnig aufgeregt, weil es ganz viele Leute im Publikum gibt, die ich kenne.

HDIYL: Hast du gewisse Taktiken oder Rituale vor Shows, um dagegen anzugehen?

Krupski: Ich schreie viel und bin viel in Bewegung während eines Konzertes. Für mich ist es wahnsinnig wichtig, mich mit Dehn- und Singübungen warm zu machen. Ich muss mich auch in eine gewisse Stimmung bringen. Ich bin vor den Shows sehr isoliert. Ich stehe nicht rum und unterhalte mich an der Bar mit Leuten, sondern bin irgendwo versteckt im Backstage oder draußen und habe nur mein direktes Umfeld um mich, also meine Bandmitglieder.
Ich bin ganz nah am Publikum dran und ich muss mich konzentrieren und brauche kurz diese Isolation und Leere und das Sprudelnde in mir. Am Anfang eines Konzertes gehe ich durchs Publikum. Ich schaue die Leute an und bin in einem Acting drin, um mich einzugrooven. Beim Soundcheck setze ich mich mit der Bühne auseinander: wie hoch ist die Bühne? Wo kann ich hochklettern? Wo nicht? Wo sind Gefahrenpotenziale? Aber meistens missachte ich das und dann sprudelt es eher aus mir raus. Ich habe auch schon mal das Mikro durchs Hosenbein gesteckt, Leute im Publikum eingewickelt, das Bier von denen ausgetrunken oder solche Sachen.

HDIYL: Dieses offensive Zugehen und Einbinden des Publikums ist schon sehr abstrus und außergewöhnlich für den normalen Konzertbesucher! Da ist doch die Gefahr groß, den einen oder anderen zu verschrecken?

Krupski: Das ist schubsen – zu jedem guten schubsen-Konzert gehören auch Eskalation und Körperkontakt! Aber ich denke schon, dass ich mit dem ganzen Adrenalin trotzdem noch so klar bin, dass ich die Situationen immer noch gut einschätzen kann, wenn es den Menschen zu viel wird. Diese Energie, die wir live haben, wollten wir aber auch ein Stück mit auf Platte bringen und das ist uns geglückt.

HDIYL: Worauf kam es euch also bei der Albumproduktion zu „Stühle rücken in Formationen“ an? Sollte es eher eine Eins-zu-Eins-Reproduktion einer Liveshow oder doch ein präzises, sauberes Studioalbum werden?

Krupski: Es gab Teile der Band, die eine Live-Erfahrung wegen der Energie produzieren wollten. Und andere wollten es präzise, gerade haben. Es ist eine Mischung geworden. Genau das ist schubsen. Wir sind alle ganz unterschiedliche Charaktere und kommen aus ganz unterschiedlichen Musikrichtungen. Friedo, der eher so den Rock an sich und Post-Rock feiert. Tornado, der eher so im Post-Hardcore verwurzelt ist. Habery und ich sind schon sehr die Post-Punker. Wir sind eigentlich auch keine klassische Punkrock-Band. Wir sind die Rhythmusgruppe schubsen! Wir wollen nicht, dass uns irgendjemand ein Label aufdrückt. Natürlich schreibt man Post-Punk, das ist das Naheliegendste. Aber man könnte uns mittlerweile auch mit Noise-Rock beschreiben. Man könnte auch Indie-Punk schreiben, machen tatsächlich einige – okay, sollen sie halt machen!

Bier und Whiskey Sour sind vertilgt, die Kneipe leer gefegt. Wir sagen: vielen Dank für das Gespräch! Das fulminante Live-Feuer von schubsen könnt und solltet ihr am 22. und 23. März hautnah als Support von Turbostaat im E-Werk und in der Desi erleben.

schubsen live:
01.03.2019 | Nürnberg | mono-Ton: Release Meet & Greet (ohne Konzert)
06.03.2019 | Berlin | Loophole
07.03.2019 | Hamburg | Astra Stube
08.03.2019 | Duisburg | Djäzz
09.03.2019 | Köln | King Georg
22.03.2019 | Erlangen | E-Werk w/ Turbostaat
23.03.2019 | Nürnberg | Desi w/ Turbostaat
13.06.2019 | Wien | Das Werk

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/ Interview: Sarah Grodd /
/ Bild: Andreas Hornoff /