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Nachbericht: Glücksgefühle Festival 2026

Bevor wir zu dem Nachbericht kommen, ein paar Dinge in eigener Sache: Wir hatten das Glücksgefühle Festival nicht wirklich bei uns auf dem Schirm. Zu unterschiedliche Genres und KünstlerInnen/Acts, die bei uns auf dem Blog eigentlich keine Rolle spielen. Und die wir auch wegen ihrer politischen Äußerungen, wie bei Andreas Gabalier, auf keinen Fall unterstützen. Davon abgesehen, können wir mit dieser Art Musik eh sehr wenig anfangen. Wir haben eine Einladung bekommen, ob wir nicht kommen wollen und über das Festival berichten möchten. Und da ja auch einige KünstlerInnen und Acts sehr wohl zu uns passen und uns gefallen und auch regelmässig auf dem Blog auftauchen, haben wir diese Einladung angenommen. Wir konnten umsonst auf Deutschlands größtes Festival, umsonst Essen und uns Live KünstlerInnen ansehen, die uns gefallen. Also warum nicht. Das war aber auch lange vor der Geschichte um Alphaville. Auch der Vorbericht entstand lange vor dieser Nummer. Es gab überlegungen, die Berichterstattung von unserer Seite danach abzubrechen, aber es ist vermutlich viel sinnvoller darüber zu schreiben und zu diskutieren als es totzuschweigen. Und jetzt zum schönen Nachbericht mit wunderbaren Bildern von Annabel!


Noch bevor das Glücksgefühle Festival am Hockenheimring überhaupt begonnen hatte, stand bereits ein Thema im Mittelpunkt: die kurzfristige Ausladung von Alphaville. Die Veranstalter erklärten, politische Äußerungen auf ihren Bühnen grundsätzlich vermeiden zu wollen. Zuvor habe es bei einem Auftritt der Band zahlreiche politische Statements gegeben, weshalb man vor dem geplanten Auftritt erneut darum gebeten habe, darauf zu verzichten.

Alphaville und tausende Besucher*innen kritisierten die Entscheidung und verwiesen auf Meinungs-, Rede- und Kunstfreiheit. Kurz darauf entschuldigten sich die Veranstalter und luden die Band wieder ein, woraufhin Alphaville den Auftritt jedoch endgültig ablehnte.

Damit war das Thema auch auf dem Festival selbst präsent. Mehrere Acts griffen die Debatte auf und stimmten im Laufe des Wochenendes spontan Alphavilles „Forever Young“ an. Was zunächst wie eine Diskussion im Vorfeld des Festivals begonnen hatte, wurde dadurch zu einem wiederkehrenden Thema auf den Bühnen.

Vom 3. bis 5. September fand das Glücksgefühle Festival auch in diesem Jahr wieder am Hockenheimring statt. Für mich war es das erste Mal bei dem Festival und damit eine ganz andere Festivalerfahrung als bei den anderen Festivals, die ich sonst besuche.

Donnerstag: Preparty

Am Donnerstag nahm ich mir zunächst vor, mich auf dem Gelände zu orientieren und einfach anzukommen. An diesem ersten Festivaltag war zunächst nur die Dopamin Stage zugänglich. Hier spielten unter anderem Alexander Marcus und Pietro Lombardi.

Danach stand Malle Anja auf dem Programm. Mit ihrer Musik kann ich persönlich nicht besonders viel anfangen, weshalb ich mich dazu entschied, das Gelände für den Abend zu verlassen. Dadurch habe ich zwar einige der weiteren Acts wie z.B. Alle Farben verpasst, war gleichzeitig aber beeindruckt davon, wie schnell und reibungslos der Wechsel zwischen den einzelnen Acts auf der Bühne funktionierte. Trotz kurzer Umbauphasen ging es immer direkt weiter. Gerade bei einem Festival dieser Größe ist das keine Selbstverständlichkeit.

Freitag: Nura, Leony, 01099, Ayliva und Ski Aggu

Der erste richtige Festivaltag startete für mich direkt mit einem meiner Highlights des Festivals: Nura auf der Dopamin Stage. Mit alten SXTN-Songs und ihren eigenen Liedern sorgte sie für ordentlich Stimmung. Gleichzeitig nahm sie auf der Bühne kein Blatt vor den Mund und griff auch die Diskussion um Alphaville auf.

Nura

Besonders deutlich wurde ihre Haltung, als sie die Ausladung direkt mit anderen Acts auf dem Festival verglich:

„Andreas Gabalier darf hier auftreten, aber Alphaville nicht??“

Anschließend wurde Nura noch deutlicher und positionierte sich klar gegen die AfD und für eine offene Gesellschaft. Das Publikum reagierte darauf mit lautem Jubel.

Nach einem kurzen Abstecher zur MainStage, wo ich mir Leony anschaute, ging es wieder zurück zur Euphoria Stage zu 01099. Auch sie ließen es sich nicht nehmen, die politische Debatte aufzugreifen. Zachi, einer der Sänger der Gruppe, sagte:

01099

„Alles hier ist politisch, Musik ist politisch, Crowds sind politisch … 01099 ist politisch und vor allem in solchen Zeiten lassen wir uns den Mund nicht verbieten…“

Er betonte außerdem, dass 01099 für Toleranz und Demokratie stehe und man sich weiterhin für eine offene Gesellschaft einsetzen wolle. Als besonderes Highlight performten sie anschließend gemeinsam mit Nura „Bongzimmer“.

Danach ging es für mich zur MainStage zu Ayliva. Musikalisch ist sie zwar nicht unbedingt mein Fall, trotzdem war ihr Auftritt definitiv sehenswert. Vor allem die vielen textsicheren Fans sorgten für eine starke Atmosphäre. Ayliva war bereits im vergangenen Jahr bei der Abschlusszeremonie als Special Guest angekündigt worden, weshalb ihr Auftritt dieses Jahr für viele ein besonderes Highlight war.

Ayliva

Auch die Show selbst hatte einiges zu bieten: Mehrere Tänzerinnen, ein Auto, mit dem sie bis zur B-Stage fuhr, und ein Wasserbrunnen rund um die Bühne machten den Auftritt zu einer aufwendig inszenierten Show.

Ayliva

Zwischen den einzelnen Acts gab es immer wieder ein abwechslungsreiches Platzprogramm direkt vor der Bühne. Dadurch wurde auch die Wartezeit auf den nächsten Act kurzweilig und es kam kaum das Gefühl auf, dass man einfach nur auf den nächsten Auftritt wartet.

Anschließend ging es für mich wieder zurück zur Dopamin Stage zu SkiAggu. Auch er nutzte seinen Auftritt, um sich politisch zu positionieren und sprach sich klar für Demokratie und gegen rechte Tendenzen aus. Dabei sagte er:

SkiAggu

„Als Künstler sollte man Haltung zeigen können und dürfen. Man sollte für die Dinge einstehen dürfen, für die man steht.“

Auch er stimmte anschließend „Forever Young“ an. Damit zog sich das Thema der Alphaville-Ausladung weiter durch den Festivaltag.

SkiAggu

Samstag: Max Giesinger, Mark Medlock, Mark Forster und Zartmann

Am Samstag schaffte ich es endlich, die Cloud9 Stage zu besuchen. Hier spielten das gesamte Festival über unterschiedliche DJs. Auch wenn diese Art von Musik nicht ganz meins ist, war ich beeindruckt von der Energie vor Ort und der riesigen, aufwendig gestalteten Bühne, die mit zahlreichen Licht- und Designelementen immer wieder für eine besondere Atmosphäre sorgte.

Bevor Culcha Candela auf der Dopamin Stage spielte, kam es zu einem Einlassstopp. Unzählige Menschen warteten vor einer Absperrung darauf, doch noch in die Nähe der Bühne zu kommen. Nach einiger Zeit wurde diese wieder geöffnet, nachdem einige Besucher*innen den Bühnenbereich verlassen hatten.

Für mich ging es anschließend wieder zur MainStage, wo ich mir Max Giesinger und Mark Medlock anschaute. Beide kenne ich schon seit Ewigkeiten, hatte sie bisher aber noch nie live gesehen. Gerade deshalb war es für mich spannend, die beiden nach all den Jahren nun endlich einmal auf einer Bühne erleben zu können.

Mark Medlock

Auch Max griff die Alphaville-Debatte auf und stimmte „Forever Young“ an.

Danach ging es für mich zu Zartmann, dessen Auftritt für mich zu den emotionalsten Momenten des gesamten Festivals gehörte. Gemeinsam mit seiner Band und seiner Pianistin Franka sorgte er für eine sehr intensive und gefühlvolle Show. Besonders emotional wurde es bei Franka, die während des Auftritts sogar einige Tränen vergoss, natürlich nicht aus Traurigkeit, sondern weil der Festivalsommer für sie und die Band so schön war und nun langsam zu Ende ging.

Zartmann

Auf Instagram hatte Zartmann bereits sein politisches Statement angeteasert, weshalb ich besonders gespannt war, was er zur aktuellen Situation auf der Bühne sagen würde. Seine Aussage fiel deutlich aus:

„Ich persönlich halte es für keine gute Idee, nicht über Politik zu reden.“

Dabei betonte er, dass es ihm nicht darum gehe, Werbung für bestimmte Parteien zu machen, sondern darum, sich gegen Rechtsextremismus, Sexismus, Rassismus und Homophobie zu stellen. Er wolle sein Leben lang seine Stimme gegen diese Dinge erheben und bezog sich dabei auch auf eine Partei, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird.

Anschließend stimmte er sein Lied „Meinen die uns“ an. Bei der Zeile „fick die AfD, ich frag mich wirklich, wer die wählt“ schrie die gesamte Crowd mit – ein Moment, der für ordentlich Gänsehaut sorgte.

Anschließend ging es für mich erneut zur MainStage zu Mark Forster, der ebenfalls ein klares politisches linkes Statement abgab. Für mich war sein Auftritt aber auch aus einem anderen Grund besonders: Mark Forster kenne ich schon seit meiner Kindheit. Umso schöner war es für mich, ihn nun endlich einmal live erleben zu können.

Mark Forster

Nach Mark Forster ging es für mich noch kurz zu SDP, bevor ich einen Abstecher zur Cloud9 Stage machte, wo Timmy Trumpet für ordentlich Stimmung sorgte. Danach ging es wieder zurück zur MainStage zu David Guetta. Der Platz vor der Bühne war zu diesem Zeitpunkt bereits extrem voll, die Stimmung entsprechend gewaltig. Mit viel Feuer und Pyrotechnik wurde daraus eine riesige Show.

SDP

Direkt im Anschluss folgte die Abschlusszeremonie, die es wirklich in sich hatte. Gleichzeitig passierte an mehreren Stellen vor und auf der Bühne etwas: Geigerinnen spielten auf hohen Stelzen an der B-Stage, mitten in der Crowd schwebte ein Flügel mit einer Pianistin und Heißluftballons mit Seilen waren an Akrobat*innen befestigt, die zusätzlich über den Fans schwebten.

Dazu kamen ein Chor und ein Orchester auf der Bühne, eine große Lichtshow, eine Drohnenshow und immer wieder Feuer, Feuerwerk und weitere Pyroeffekte. Es war so viel gleichzeitig los, dass man kaum wusste, wohin man zuerst schauen sollte. Ein ziemlich spektakulärer Abschluss für das Festival.

Gelände, Angebote und Festivalerlebnis

Das Gelände des Glücksgefühle Festivals ist riesig, das merkt man auch an den täglichen Laufwegen und ist Stärke und Schwäche zugleich. Zwischen den verschiedenen Bühnen und Bereichen liegen teilweise größere Entfernungen, sodass man gerade über einen langen Festivaltag hinweg einiges an Strecke zurücklegt. Gleichzeitig bringt die Größe aber auch Vorteile mit sich: Es gab viele Sitzgelegenheiten und deutlich mehr Platz, um sich zwischendurch hinzusetzen oder abseits der Bühnen etwas Ruhe zu finden.

Auch abseits des eigentlichen Musikprogramms wurde einiges geboten. Zahlreiche Stände von Organisationen und Unternehmen waren auf dem Gelände vertreten. Dazu kamen Gewinnspiele, verschiedene Mitmachaktionen und weitere Angebote, die zum Verweilen einluden. Mit einer Zipline und verschiedenen Fahrgeschäften gab es außerdem Möglichkeiten, die über das klassische Festivalprogramm hinausgingen. Besonders spannend waren kleinere Bühnen und Musikangebote, darunter beispielsweise Karaoke und sogar eine DJ-Bühne in einem umgebauten Bus.

Gleichzeitig wurde dadurch aber auch sehr deutlich, welchen Stellenwert Sponsoring auf dem Festival einnimmt. An vielen Stellen war die Präsenz von Unternehmen und Marken sichtbar. Zwischen Gewinnspielen, Aktionsflächen, Werbebannern und gebrandeten Angeboten entstand teilweise eher der Eindruck einer großen Erlebnis- und Werbefläche als bei den Festivals, die ich sonst besuche. Das gehört bei einem Festival dieser Größenordnung sicherlich zum Konzept, war für mich persönlich aber stellenweise etwas viel.

Kritischer sehe ich das verwendete Tokensystem. Statt direkt mit Karte, Chip am Bändchen oder Bargeld zu bezahlen, musste das Guthaben zunächst in Festival-Tokens auf dem Chip am Bändchen umgewandelt werden, um anschließend auf dem Gelände bezahlen zu können. Dadurch entstand ein zusätzlicher Zwischenschritt beim Bezahlen und gleichzeitig musste man im Blick behalten, wie viele Tokens man noch hatte und ob diese für den nächsten Kauf ausreichen. Dadurch war für mich teilweise nur schwer einzuschätzen, wie viel die einzelnen Dinge tatsächlich kosten. Gerade wenn man mehrere Dinge kauft, verliert man dadurch schnell den Überblick darüber, wie viel man eigentlich ausgibt. Eine direkte Zahlung mit Karte, bei der der tatsächliche Preis in Euro angegeben wird, wäre deutlich transparenter und unkomplizierter gewesen.

Fazit:

Mein erstes Glücksgefühle Festival war definitiv anders als die Festivals, die ich sonst besuche. Besonders beeindruckt hat mich die Größe und die aufwendige Produktion. Von den verschiedenen Bühnen über die kurzen Umbauzeiten bis hin zur Abschlusszeremonie wurde unglaublich viel geboten und es gab eigentlich immer irgendwo etwas zu entdecken.

Auch die Diskussion rund um Alphaville hat das Festival für mich geprägt. Gerade deshalb fand ich es spannend zu beobachten, wie viele Künstler*innen ihre Bühnen nutzten, um sich dazu zu positionieren. Nura, 01099, Ski Aggu, Zartmann und weitere Acts machten deutlich, dass sie Musik nicht als unpolitischen Raum verstehen. Besonders die wiederkehrenden Bezüge zu Alphaville und „Forever Young“ zogen sich dabei wie ein roter Faden durch das Wochenende.

Einen Punkt hätte ich mir bei einem Festival dieser Größe allerdings anders gewünscht: die Anbindung an den Bahnhof. Es gab keine Shuttlebusse zwischen Festivalgelände und Bahnhof, wodurch jeweils rund 50 Minuten Fußweg zurückgelegt werden mussten. Gerade nach einem langen Festivaltag und bei der Größe des Geländes war das nicht unbedingt ideal.

Trotzdem nehme ich aus meinem ersten Glücksgefühle Festival vor allem viele besondere Live-Momente, eine beeindruckende Produktion und eine Festivalerfahrung mit, der mit dieser Abschlusszeremonie einen ziemlich spektakulären Abschluss für mein persönlichen Festivalsommer bekommen hat.

// Einleitung: Jens Riedel / Text & Bilder: Annabel Bader //