Nachbericht: Jolle in Frankfurt
Zwischen dem Free Flow Festival und Reeperbahn Festival hatte ich Gott sei dank noch Zeit, für ein Jolle Konzert im Rahmen der Ballons halten Tour im Zoom in Frankfurt. Ich habe Jolle zuvor schon öfters auf Festivals live erleben dürfen und war jedes mal sehr begeistert von Ihrer Ausstrahlung und dem ganzen Auftritt, weshalb ich umso mehr gefreut habe am 15.09. dann ein ganzes richtiges Konzert von ihr erleben zu dürfen, welches definitiv all meine Erwartungen übertroffen hat.

Als Support Act war in Frankfurt Bekka mit dabei. Einige von euch kennen sie bestimmt von TikTok. Dort postet sie seit einiger Zeit ihre Texte, welche an PoetrySlams erinnern. Schnell wurde aber klar, sie kann viel mehr. Mit ihren poetischen Texten und eingängigen Melodien schaffte Bekka es schnell die Crowd von sich zu überzeugen. Bei einigen ihrer Lieder sangen einzelne sogar textsicher mit. Ich bin mir sicher, wir werden noch viel von Bekka hören und hoffe ich hab bald die Möglichkeit sie normal live zu sehen. Nach dem Konzert lief sie hier nämlich auf Dauerschleife.
Anschließend war es Zeit für Jolle, die gegen 21:00 Uhr gemeinsam mit ihrer Drummerin Enya die Bühne betrat. Zwischen Songs ihres neuen Albums und älteren Titeln gab sie dem Publikum immer wieder persönliche Einblicke und erzählte interessante Hintergrundgeschichten zu ihrer Musik.

So auch vor „50 Stufen Grau“, einem Song, mit dem Jolle selbst zunächst nicht ganz warm wurde. Dabei verriet sie eine bisher wenig bekannte Geschichte: Der Track wurde von KitschKrieg produziert. Jolle sei sich anfangs unsicher gewesen und habe nicht wirklich gewusst, was sie mit dem Song anfangen sollte. Daraufhin schickte sie ihn kurzerhand an KitschKrieg und diese legten noch einige Synthesizer-Spuren unter den Track und gaben ihm damit genau den letztenSchliff, der ihm ihrer Meinung nach gefehlt hatte.

Für Jolle sei es bis heute surreal, dass ausgerechnet KitschKrieg an dem Song beteiligt waren. Umso größer ihre Dankbarkeit für die Zusammenarbeit und dafür, dass der Track am Ende doch noch seinen Weg auf das Album gefunden hat.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das harmonische Zusammenspiel zwischen Jolle und ihrer Drummerin Enya. Die beiden wirkten auf der Bühne nicht nur musikalisch perfekt aufeinander eingespielt, sondern strahlten auch eine spürbare Freundschaft und Vertrautheit aus. Immer wieder suchten sie den Blickkontakt, grinsten sich an und schienen gemeinsam sichtlich Spaß an der Show zu haben.

Jolle zeigte sich dabei auch immer wieder begeistert von Enyas vielseitigen Talenten: Neben dem Schlagzeug spielt sie auch Gitarre und ist sogar Landesmeisterin im Bogenschießen.

Auch über die Entstehung ihres Albums gab Jolle dem Publikum einige persönliche Einblicke. Dabei sprach sie offen über ihre bipolare Störung und darüber, wie stark unterschiedliche Gefühlszustände in die Entstehung des Albums eingeflossen sind. Die Songs entstanden teilweise während depressiver, teilweise während hypomanischer Phasen und spiegeln damit auch das persönliche Auf und Ab wider, das Jolle selbst erlebt.

Während der Arbeit an dem Album habe sie sich zunehmend besser verstanden und herausgefunden, wer sie eigentlich ist. Gleichzeitig betonte sie, wie wichtig es sei, über psychische Belastungen zu sprechen, statt sie mit sich allein auszumachen. Für sie habe es einen großen Unterschied gemacht, Gedanken und Gefühle aufzuschreiben und ihnen dadurch Raum zu geben.
Besonders deutlich wird diese Ambivalenz bereits im Aufbau des Albums: „Sunny side up/:down“ beginnt auf der ersten Seite mit einer eher glücklichen, helleren Stimmung, während sich auf der zweiten Seite die dunkleren und schwereren Themen finden.

Viele der Songs entstanden während unterschiedlicher depressiver und hypomanischer Phasen. Gleichzeitig steckt in dem Album eine Vielzahl an kleinen Easter Eggs. So trug die Demo von „Alle Märchen sind gelogen“ zunächst den Namen „hoch“, während der zweite Song „tief“ heißt, passend zu dem wiederkehrenden Gefühl von Auf und Ab, welches sich durch das gesamte Album und auch durch das Leben zieht.
Auch musikalisch finden sich solche Details: Beim Song „plusminus“ wechselt die Tonart genau in der Mitte der Vinyl von Dur zu Moll. An genau diesem Punkt kippt auch die Stimmung des Songs und wer die Platte hört, muss sie in dem Moment tatsächlich umdrehen.

Einen weiteren besonderen Moment der Entstehungsgeschichte erzählte Jolle im Zusammenhang mit „Schwarzes Wasser“, das sie gemeinsam mit Morten geschrieben hat. Immer wieder wurde dabei deutlich, wie persönlich das Album für sie ist und wie viel von ihren eigenen Erfahrungen und Gefühlen darin steckt.
Auch von ihrer Zusammenarbeit mit dem Produzenten Bazzazian und der Entstehung des Songs „Zinnsoldaten“ erzählt Jolle eine persönliche Geschichte aus ihrer Kindheit. Sie wuchs teilweise in Polen auf, wo es kaum Spielzeug gab. Eines ist ihr jedoch deshalb besonders in Erinnerung geblieben: eine Spieluhr, die in der Glasvitrine ihres Opas stand. Wenn sie besonders brav gewesen war, durfte sie die Spieluhr aufziehen. Für Jolle war das jedes Mal ein kleines Highlight.

Aus dieser Erinnerung entstand schließlich „Zinnsoldaten“. Als später der Trailer zum Album produziert wurde, kam die Idee auf, die Spieluhr auch visuell in das Video einzubauen. Der Sounddesigner sollte anschließend den passenden Sound unter die Szene legen. Für Jolle war dabei besonders wichtig, dass der bereits produzierte Sound des Songs verwendet wird, damit der Bezug zum Album für die Zuschauer*innen erkennbar bleibt.
Als dieser schließlich meinte: „Hab ich gemacht – ist nur halt derselbe“, sorgte das bei Jolle und dem Publikum für einen kurzen Lacher. Denn tatsächlich war der Sound der Spieluhr bereits genau so im fertigen Song zu hören.

Da die Spieluhr für Jolle und das Album eine so besondere Bedeutung bekommen hat, ist sie auch weiterhin Teil der Tour. Auf der Bühne selbst steht sie allerdings nicht. Nachdem Jolle bereits ein Stück davon abgebrochen hatte, wollte sie das gute Stück offenbar lieber nicht dem Bühnenalltag aussetzen.
Jolle bezeichnete die Geschichte rund um die Spieluhr als einen der magischsten Momente des gesamten Jahres. Anschließend leitete sie damit direkt den Song „Zinnsoldaten“ ein und ließ ihre Erzählung so unmittelbar in den Song übergehen. Ein besonders persönlicher Moment des Abends, bei dem deutlich wurde, wie eng die Musik mit ihren eigenen Erinnerungen und ihrer Geschichte verbunden ist.

Im weiteren Verlauf des Abends sprach Jolle auch sehr offen über ihre Vergangenheit und ihren Weg zur Abstinenz von Alkohol und Drogen. Dabei zeigte sie sich besonders dankbar für ihr Team, das sich für sie deutlich von den Strukturen und Dynamiken der Musikindustrie abhebe. Sie sei froh, Menschen um sich zu haben, die sie unterstützen und ihr ein Umfeld geben, in dem sie sich wohlfühlt.
Heute gehe es ihr endlich gut. Sie sei dankbar, am Leben zu sein, Musik machen und auf der Bühne stehen zu können. Einen großen Anteil daran hätten für sie ihr Team und ihre Therapie. Ihre offenen Worte machten deutlich, wie wichtig dieser persönliche Weg für sie gewesen ist.

Anschließend gab es noch einen kleinen Vorgeschmack auf etwas Neues: Jolle präsentierte Kleidung von Homeboy Skateshop, einem Familienunternehmen aus Frankfurt, das auch vor Ort vertreten war. Gemeinsam mit dem Skateshop ist eine eigene Kollektion geplant, die im kommenden Jahr erscheinen soll. Einige Teile daraus sind bereits jetzt zu sehen. Jolle trug ausgewählte Pieces der kommenden Kollektion bereits während ihres Auftritts auf der Bühne. Ich freu mich schon sehr darauf!
Anschließend präsentierte Jolle einen weiteren, bisher unveröffentlichten Song: „Kreise“, den sie gemeinsam mit Amy Warning aufgenommen hat. Amy konnte an diesem Abend leider nicht vor Ort sein, dennoch gab Jolle dem Publikum einen ersten Einblick in den gemeinsamen Song.

Bei einem anderen Song erzählte Jolle außerdem, dass ihre Nichte und ihr Neffe daran beteiligt sind und dafür sogar eigene Credits auf Spotify erhalten haben. Ihre Mitschüler*innen hätten zunächst nicht glauben wollen, dass die beiden tatsächlich einen Part des Songs mitsingen würden.

Auch über „Danke für gar nichts“ erzählte Jolle eine besondere Geschichte. Der Song ist der einzige Titel des Albums, den sie nicht selbst geschrieben hat. Zu ihrem Vater habe sie bis heute keinen Kontakt, während sie mittlerweile ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter habe. Jolle erzählte, dass sie ein schlechtes Gewissen dabei gehabt hätte, selbst einen Song über diese persönliche Geschichte zu schreiben. Deshalb sprach sie mit Morten darüber und dieser schrieb den Song schließlich für sie.
So entstand „Danke für gar nichts“, ein sehr persönlicher Titel, der für Jolle eine besondere Bedeutung innerhalb des Albums einnimmt.

Zum Abschluss kehrte Jolle noch einmal zu „Alle Märchen sind gelogen“ zurück und richtete einen persönlichen Appell an das Publikum: Man solle die Dinge tun, die einem wirklich Freude bereiten und die einem etwas bedeuten. Für sie sei es ein großes Geschenk, mit ihrer Musik auf Tour sein und diese Abende mit dem Publikum teilen zu dürfen. Und auch wenn nicht alle Märchen wahr seien, so gebe es doch immer wieder Momente, in denen etwas, das man kaum für möglich hält, tatsächlich wahr wird.
Mit diesen persönlichen Worten und einem letzten musikalischen Höhepunkt verabschiedete sich Jolle von ihrem Frankfurter Publikum und ließ einen Abend zurück, der nicht nur von Musik, sondern vor allem von Offenheit, persönlichen Geschichten und spürbarer Verbundenheit geprägt war. Nach dem Konzert nahm sich Jolle noch Zeit für ihre Fans am Merchstand, machte Fotos, unterhielt sich mit den Menschen vor Ort und nahm sich Zeit für persönliche Gespräche. Dabei zeigte sie sich unglaublich sympathisch und nahbar. Definitiv ein schöner Abschluss eines Abends, der auch abseits der Bühne von viel Herzlichkeit geprägt war.

// Text & Bilder: Annabel Bader //
(Die Bilder sind teilweise auch bei der Show in Köln entstanden)
