Konfetti! Und außerdem … Ausruhezeichen
Herzlich willkommen zu unserer heutigen Interpunktionologie-Stunde. Heute: das !. Das „!“ kennen wir alle. Es ist ein Ausrufezeichen, und wir verwenden es oft falsch, meistens aber, um eine Aufforderung oder irgendwas Nachdrückliches, Dringendes zu kennzeichnen. Manchen Menschen ist immer irgendwas ganz besonders dringend, deswegen begnügen sie sich nicht mit einem ! sondern mit ganz vielen !!!!!!! und weil sie dabei im Eifer des Gefechts manchmal nicht nur die Kontrolle über ihren Wortschatz, sondern auch die ihrer Finger über die Tastatur verlieren, schreiben sie dann !!!!!!!!!!!!11, weswegen lustige Menschen manchmal im Scherz „1elf“ oder ähnliches hinter Sachen schreiben, um sie ironisch als wichtig zu markieren. Daraus folgt: Mit diesem höchst stressigen Ausrufezeichen möchte ich nichts zu tun haben !!!!!11elf Deswegen habe ich es flachgelegt. Umgebügelt. Schön aufs Kreuz gelegt. Und dann neben mir aufs Kanapee gebettet. Jetzt sieht das ! aus wie ▄ ▄▄▄ und ja, damit wie der Morsecode für den Buchstaben A. Vor allem aber wird somit aus dem unfassbar anstrengenden, herumbrüllenden, nervtötenden, hektikverbreitenden Stresszeichen etwas ganz Sanftes, Ruhiges. Nämlich ein: Ausruhezeichen. Hier liegen wir zwei Hübschen jetzt also nebeneinander, atmen tief durch und fragen uns, wie um alles in der Welt wir ab spätestens kommender Woche wieder in dieses „Alltag“ einsteigen sollen, von dem wir uns in den letzten Tagen mit großer Anstrengung erholt haben. Also das Ausruhezeichen und ich fragen uns das. Bei euch weiß ich’s ja nicht. Aber ich hör schon viel Schnaufen und Ächzen und Stöhnen um mich herum, weil es war doch ganz schön viel in den letzten Wochen, und dann auch noch die Jahresendfestspiele – püüüüh. Indeed bin ich mit Beendigung derselben in einen tiefen Sozialschlaf verfallen, der es mir unmöglich machte, größere Unternehmungen zu veranstalten als vielleicht einmal in ein Museum hineinzulinsen, ganz zu schweigen von menschlichen Begegnungen, die ich aufs Penibelste vermieden habe. Es war genug! Die Bedürfnispyramide: Liegen, essen, schlafen, lesen, fernsehen. Und dazwischen gelegentlich ein kleiner Schreck: Wie um alles in der Welt soll ich nur in dieses „Alltag“ wiedereinsteigen, wenn ich nicht mehr wie eine dicke Amöbe in der Nährlösung zwischen den Jahren und im namenlosen Nirgendwo der ersten Januarwoche herumdümpeln kann? Zugegeben: Da hat sich dann kurz ein kleines Ausrufezeichen in die ganze Gemütlichkeit gemogelt und wahrscheinlich auch in mein Gesicht. Als das Ausruhezeichen das gesehen hat, hat es mir sogleich zärtlich über die Wange gestrichen und mich beruhigt: „Gemach, gemach“, hat es gesagt und meine Hand getätschelt, es ist ja eine kommode Woche, und außerdem will grad ungefähr niemand aktiver sein als zwingend nötig, weil schließlich sind alle sehr beschäftigt mit Frieren bzw. Vermeidung dieses misslichen Zustandes! Ich bin dem Ausruhezeichen dankbar. So kann das Jahr beginnen!!!1elf
// Text: Katharina Wasmeier / Foto: David Häuser //
~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~
