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Im Gespräch mit dem Lieferamt

Alexander Ludwig (43) und Matthias Arold (33) versorgen eigentlich mit dem „Lieferamt“ Gastronomie, Kultureinrichtungen oder Büros mit Getränken. Doch der Lockdown zwang sie umzudenken. So kam der „Heimdienst“ in Fahrt – Getränke werden auch nach Hause geliefert. Das Projekt sichert die Existenz der Unternehmer, zeigt aber unerwartete Nebenwirkungen: so freuen sich einsame und anfällige Menschen über den Kontakt. Kleine Brauereien und viele Kneipen und Gasthäuser, auch das ist eine Corona-Folge, haben zunehmend um ihre Existenz zu kämpfen. Deshalb ist inzwischen die „Spendenkiste“ am Start. Eine Idee, die nur den anderen nützt. Damit die fränkische Braukultur nicht weniger wird. Ein Gespräch über Not und Brot.

Wie seid ihr auf die Idee mit dem Heimdienst gekommen?
Alexander Ludwig: Uns ging es so wie wohl den meisten Menschen: Unser Tagesablauf wurde mit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen komplett auf den Kopf gestellt. Wir hatten von heute auf morgen keine Kunden mehr, da die Gastronomie, Büros, Museen oder Hotels ja alle zu waren.
Matthias Arold: Ich kann mich noch daran erinnern, dass am Tag vor dem Lockdown eine kleine Brauerei, mit der wir zusammen arbeiten, mit 20 frischen Fässern Bier gekommen ist. Niemand wusste, ob wir dieses Bier noch würden verkaufen können. Unser Lager war eh rappelvoll. Wir sind dann auf die Idee mit dem Heimdienst gekommen, bei dem wir Getränke auf Bestellung nach Hause bringen.

Und so lernt ihr ganz andere Leute kennen?
Matthias Arold: Allerdings. Es gibt zum Beispiel auch jetzt noch einige Menschen, die kaum einen Schritt vor die Türe gehen und für die wir einer der wenigen Sozialkontakte sind. Der Heimdienst ist auch einige Male von Kindern für ihre Eltern oder Großeltern, die zur Hochrisikogruppe zählen, gebucht worden.
Alexander Ludwig: Ich denke, machen unserer Kunden tut es gut, überhaupt mal jemanden zu sehen. Das kann trösten, und diese Menschen aufbauen, ihre Grundstimmung verbessern.

Seid ihr denn so optimistisch?
Matthias Arold: Ja. Das wollten wir unbedingt, optimistisch bleiben. Erstmal ist ja alles weggebrochen, was unsere Struktur, unser Geschäftsmodell ausgemacht hat. Positiv denken hat uns dabei geholfen, nicht deprimiert zu sein, sondern gleich neue Wege zu erschließen. Außerdem gibt es ja immer Dinge, die liegen bleiben. Bei uns war das zum Beispiel eine neue Homepage. Die haben wir jetzt auch gemacht.
Alexander Ludwig: Wir sind uns nicht sicher, ob es einen Rettungsschirm für die Getränkegastronomie und die Kneipen- und Clubszene gibt und geben wird. Da muss man doch den Menschen mit seinen eigenen Ideen auch Mut machen. Wir nehmen das als eine Art positive Herausforderung.

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Was habt ihr von euren Club- und Kulturkunden mitbekommen?
Alexander Ludwig: Das ist ganz unterschiedlich. Die einen – wie zum Beispiel rund um die Klaragasse – machen aus ihrer Kneipe einen Gemüsestand oder einen Klamottenladen mit Parkplatzkneipe. In der Tafelhalle hat meine Frau als eine von zwei Schauspielern bei einem Theaterstück mitgespielt, das man via Livestream sehen konnte. Betriebswirtschaftlich wird das nicht wirklich viel helfen, aber man zeigt, dass man noch da ist, Ideen hat und nicht aufgibt. Von anderen haben wir aber auch mitbekommen, dass sie schlichtweg keine Lust mehr haben.
Matthias Arold: Ich habe in den letzten Wochen einige Telefonate mit Kunden geführt, die mir gesagt haben, dass ihnen eigentlich alles egal ist gerade.

Verständlich?
Alexander Ludwig: Ja klar.
Matthias Arold: Wenn man sich vorstellt, man hat eine ganz kleine Bierbrauerei auf dem Land, die im Prinzip vom familienbetriebenen Wirtshaus und der jährlichen Dorfkirchweih gelebt hat, und somit der soziale Mittelpunkt für die dortige Gemeinde war, und das ist auf einmal alles weg, dann leiden darunter alle im Dorf. Das hat viel größere Folgen, als man vielleicht auf den ersten Blick meint. Das betrifft eben nicht allein den Brauer, sondern die ganze Gemeinde, die Alltags- und Dorfkultur.

War das auch ein Gedanke hinter eurer „Spendenkiste“?
Alexander Ludwig: Nein, wir konnten ja von Brauereien, denen es eh schlecht genug geht, nicht erwarten, dass sie uns umsonst Getränke zur Verfügung stellen. Es haben aber gerade von den etwas größeren Brauereien, denen es noch etwas besser geht, viele mitgemacht.
Matthias Arold: Die Brauereien brauchen ja ihre Kundschaft auch alle wieder und fanden es super, dass wir so eine Aktion starten.

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Wie genau funktioniert die?
Alexander Ludwig: Wir verkaufen Mischkästen mit verschiedenen Bieren oder wahlweise alkoholfreien Getränken, die uns kostenlos zur Verfügung gestellt worden sind, für 30 Euro. Das ist mehr als der normale Preis. Aber darum geht es ja nicht. Wir geben die Erlöse aus der Aktion nach deren Ende eins zu eins an unsere Kunden weiter.
Matthias Arold: Wir haben schon viele Kisten verkauft, aber noch mehr als 600 hier auf Lager. Es wäre schön, wenn sich an der Aktion noch mehr Leute beteiligen. Die wollen ja ihre Lieblingskneipe auch alle irgendwann wieder haben.

Wird sich die Kneipe als ein Ort der Begegnung verändern?
Alexander Ludwig: Vielleicht müssen sich die Leute wieder aneinander gewöhnen, wenn sie ausgehen. Man kann die Leute nicht ewig voneinander fern halten, aber es wird eine neue Erfahrung, ein neues gegenseitiges Kennenlernen, ein neues Wagnis.

www.lieferamt.de

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Interview: David Lodhi + David Häuser
Foto: David Häuser | www.davidhaeuser.de