reden ist silber

Konfetti! Und außerdem … Coronic Fatigue Syndrome

Letzthin mit problematischem Vorwurf konfrontiert worden. Das kam so ganz unerwartet, quasi während du superentspannt bist, einatmen, ausatmen, herabschauender Hund, links nach vorne, rechts dazu, Vorwärtsbeuge, langsam aufrichten, einatmen und jetzt das linke Bein nach vorne strecken bis es dein rechtes Ohr berührt und du mit dem rechten Arm von hinten unten an deine linke Pobacke greifen und dich dann damit entspannt für drei Atemzüge auf dem rechten Schienbein ablegst, einatmen, auspfhrruuuuut … Und ich war wirklich zwar sehr angestrengt aber auch sehr entspannt, während ich der Dame im Bildschirm zugeschaut beim Morning Flow und dabei am Kanapee mein Morgengetränk genossen hab. Genau, und also dahinein Konfrontation mit Unterstellung übelsten Ausmaßes, wo du sagst: Das wenn die Leute mitkriegen, Exkommunikation gar nichts dagegen! Deswegen jetzt gleich Gegendarstellung. Also hat nicht einfach jemand zu mir gesagt: „Ja ist wirklich blöd grad alles, weil man kann ja nichts machen außer spazierengehen, und dem Vernehmen nach hast du’s ja nicht so mit Spazieren!“ Also erlaube mal! Das ist ja wie wenn du dich auf den Hauptmarkt stellst und sagst: Ja du, ich hab’s nicht so mit dem Lebkuchen / der Bratwurst / dem Ruhmreichen / der SÖR!, da geht subito über dir ein Himmelstor auf und pfeilgrad so schnell schaust du gar nicht bist du geteert und gefedert und hinaus aus den Toren der Stadt und kannst du am Plärrer weiterplärren, Abtrünnige!, und schon crowdsurfst du auf dem Mob raus aus der Cité. Also hey: Ho, ho, ho, gell! Ich LIEBE Spaziergang. Wenn ich könnt, dann tät ich den Spaziergang feste an mich drücken wie der dicke Damenbaum vom letzten Einhorn den kleinen Schmendrick, und sagen: „Ich liebe dich! Ich liebe liebe liebe dich!“ Aber schau, nur weil ich Pizza auch sehr lieb oder Double Cheese Extra Meat Superdouble Bacon Chillicheese Jalapeno Burger, deswegen kann ich das auch nicht immer haben. Und so ist das auch mit dem Spazier, es ist auch der schönste Gang einmal vorbei und spätestens jetzt, wo dir die sibirische Eispeitsche die Tränen aus den Augen schnalzt und den Rotz aus der Nase gleich dazu und dann genüsslich zuschaut, wie letztgenannter zu hübschen Stalaktiten sich erhärtet, verstehst du: Da MUSST du manchmal einfach hineingehen ins Daheim. Und da hockst du dann und kaust dir auf dem tannenzweigbreit aufgefächerten Spliss umeinander und windest dir hübsche Strähnen aus bunten Garnen in die Unfrisur und wunderst dich, dass du so erschöpft bist schon den ganzen Tag seitdem du auf bist also einer halben Stunde. Coronic Fatigue Syndrome, wie der Experte sagt. Aber gut, zwei Wochen halten wir noch durch, dann können wir alle wenigstens die Haare schön haben und damit, Dank sei dem Großen Vorsitzenden, auch unsre Würde zurück. Schöner Nebeneffekt: Die vielen leeren Schaufenster haben dann auch wieder einen Sinn, wenn sich darin mein frisch onduliertes Selbst beim Spaziergang spiegelt.

 

// Text: Katharina Wasmeier / Bild: Hannah Rabenstein //

~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~