schubsen | Andreas Hornoff

Interview mit schubsen – Sprachfetzen

Nach den Alben „Neue Blessuren“ und „Stühle rücken in Formationen“ veröffentlichen die Nürnberger Post-Punker schubsen am 26. Februar über Swing Deluxe Records die EP „Sprachfetzen“ – ein Werk, das sich mit sechs Songs konzeptuell ganz dem Thema Sprache und Macht widmet. Aufgenommen haben die Jungs die Platte wieder im Hersbrooklyn Studio. Wir haben uns bereits im Januar zum virtuellen Kaffeekränzchen mit Sänger Krupski und Schlagzeuger Tornado getroffen und über den Aufnahmeprozess in Ausnahmezeiten, hoffnungsvolle Enden und das Komprimieren von Sommergefühlen gesprochen.

Aus aktueller Sicht (Stand Januar) ist das kein optimaler Zeitpunkt, um ein Release zu feiern. Wie geht´s euch mit der EP?

Tornado: Es ist komisch, weil es anders ist als sonst. Auf der anderen Seite ist es spannend, weil die Musik auf der EP viel mehr für sich alleine steht. Es wird nicht begleitet von einer Tour, sondern es sind dann erst einmal nur die sechs Songs.

Wenn ihr die Wahl hättet: Würdet ihr lieber ein reduziertes Konzert mit wenigen Leuten und viel Abstand spielen oder dann lieber auf ein Releasekonzert verzichten?

Tornado: Das ist eine gute Frage. In unserer Band gibt es zwei Pole. Total viel von dem, was bei uns Musik ausmacht, ist das Zusammensein und das gemeinsame Erleben. Das ist die Seite, die gegen ein Releasekonzert unter den aktuellen Umständen ist. Und die andere Seite der Band sagt, dass wieder etwas passieren muss, weil Kultur fehlt. Und Kultur kann nicht nur sein, auf der Watchlist bei Netflix zu checken, welchen Film man sich anschaut.

Viele Bands haben sich im letzten Jahr an Online-Konzerten ausprobiert. Das hat man bei euch nicht gesehen. Findet Kultur für euch nur live, also im realen Leben statt?

Krupski: Das ist bei uns Typsache. Ich persönlich habe mir auch online zwei Theaterstücke angeschaut, fand es aber komisch, weil ich es mag, während der Vorstellung auch das Geschehen außerhalb der Bühne zu beobachten. Als Literaturfigur Krupski habe ich es abgelehnt, online zu lesen, weil eine Lesung von dem Austausch und der Performance vor Ort lebt. Auch die Art, wie ich bei schubsen auf der Bühne agiere, kommt vom Publikum. Ich nehme die Atmosphäre vom Ort, der Bühne und den Personen auf und reagiere darauf. Deswegen kann ich es mir überhaupt nicht vorstellen, in einem leeren Club zu spielen und dabei gefilmt zu werden.

Tornado: Bei Musik ist das gemeinsame Erleben wichtig. Zwar gibt es bei Konzerten auf der einen Seite eine Bühne mit Künstler:innen drauf und auf der anderen Seite steht das Publikum, aber manchmal verschwimmen diese Grenzen zwischen diesen beiden Seiten. Und dieses Auflösen von Grenzen und das gemeinsame Erleben von Kultur funktioniert online nicht. Es gibt keine Reaktionen und Gegenreaktionen.

Wie war denn der Schreib- und Aufnahmeprozess für „Sprachfetzen“ in diese Ausnahme-Jahr für euch?

Krupski: Im Frühjahr haben wir überlegt, in welche Richtung das gehen kann und welche Songs wir haben. Aus persönlichen Gründen haben wir beschlossen, im Sommer im Hersbrooklyn Studio aufzunehmen, wo auch schon „Stühle rücken in Formationen“ entstanden ist. Und dann war klar, dass wir bis zum Sommer Zeit haben, Songs zu schreiben und daraus eine knackige EP zum Thema Sprache und Macht zu produzieren. Im Studio selbst haben wir gar nicht mehr so viel rumgewerkelt, die Grundsachen standen davor schon und deshalb waren wir auch gar nicht so lange im Studio. So habe ich es in Erinnerung.

Tornado: Ich würde das ganz anders erzählen, das ist jetzt eine ganz klassische schubsen-Situation. Eigentlich hatten wir mit dem Start des Lockdowns im Frühling eineinhalb fertige Songs nach der LP. Nach dem Lockdown waren wir viel im Proberaum und gefühlt stand bei jeder Probe ein neuer Song. So leicht ging uns schon lange nichts mehr von der Hand wie diese sechs Songs. Und so war auch das Aufnehmen. Wir mussten uns gar nicht anstrengen, es ging uns alles leicht von der Hand. Wir haben eine starke Erleichterung gespürt, im Sommer wieder was machen zu können. Es ist unsere Pandemie-Platte, auch inhaltlich. Es geht um vieles, das das letzte Jahr bestimmt hat.

Krupski: Ich weiß noch, wie ich in Hersbruck über Nacht geblieben bin und ich nach den Aufnahmen noch an den See gefahren bin, das war ein richtiges Sommergefühl. Das war fast die unbeschwerteste Zeit des letzten Jahres.

Dann konntet ihr auf „Sprachfetzen“ auch ein bisschen den Sommer konservieren. Musikalisch und klanglich seid ihr euch aus meiner Sicht dabei treu geblieben. Wie seht ihr das? Habt ihr etwas auf der EP anders gemacht als auf den Vorgängeralben?

Krupski: Wir haben uns nicht neu erfunden, wir sind immer noch schubsen und ich finde es auch wichtig, dass schubsen nach schubsen klingt. Es hat aber eine neue Facette aufgemacht, die EP ist präziser, schärfer und rougher geworden. „Stühle rücken in Formationen“ war keine High-End-Platte, aber die hört sich halt anders an: das Schlagzeug klingt klarer, die Verzerrung der Gitarre klingt perfekt. Das ist bei der „Sprachfetzen“ EP nicht mehr so. Beim Song „Der Akzeptanz“ haben wir Percussions mit dabei, bei „Aroma“ gibt es einen kleinen Singsang.

Tornado: Für mich war der große Unterschied, dass wir auf einen Punkt hin zusammengespielt haben, wie wir das vorher noch nicht gemacht haben – auch was die Aussage eines Songs angeht. Jeder Song wie auch die Gesamt-EP steht inhaltlich für etwas Bestimmtes. Wir haben gemeinsam versucht, das auszudrücken, worum es auf den Songs eigentlich geht. Wir waren eine Band, sowohl von der Aussage bis hin zu den Songs.

Ihr habt die Songs dieses Mal also mehr zusammen erarbeitet. Wie seid ihr dabei vorgegangen? War wieder zuerst Melodie da und dann kam der Text?

Tornado: Wir haben viel miteinander geredet und das ist ja schon spannend bei einer EP, dessen Thema Sprache ist. Wir haben darüber geredet, wie wir etwas spielen und singen, und auch, was wir bewusst weg lassen: welches Wort wo gesetzt wird, welcher Schlag gespielt und welcher weggelassen wird. Das ist das Gute an der EP: Es ist nicht nur das, was da ist, sondern das, was nicht da ist. Wir haben einfach versucht, ganz viel wegzulassen. Das passt wieder zu dem, worum es geht: Wie kommen wir auf eine Ebene des Verstehens?

Dann lasst uns jetzt doch über das Thema von „Sprachfetzen“ sprechen. Das ist das erste Mal, dass ihr ein Konzeptwerk veröffentlicht. Woher kommt die Idee für diese Konzept-EP über Sprache und Macht?

Krupski: Mich interessiert einfach, inwiefern Sprache und Macht sich gegenseitig bedingen. Wie Macht und Sprache funktionieren können, wie man z.B. jemanden dadurch ausgrenzt, dass man eine andere Sprache spricht. Und damit meine ich nicht unbedingt tatsächlich unterschiedliche Sprachen wie Deutsch, Englisch, Türkisch, sondern wie man Vokabeln und Akzente setzt und wie man durch Sprache auch manipulieren kann. Es ist einfach rauer geworden in vielen Gesellschaften. Und bei der Sprache fängt es schon an, das finde ich sehr schlimm und gewalttätig, aber auch sehr interessant, wie solche Mechanismen funktionieren.

Es war aber nicht von Anfang an klar, dass wir die EP mit diesem Konzept machen wollen, sondern es hat sich eigentlich peu à peu ergeben. Den Song „Kein kleiner Jux“ auf der EP gibt es schon seit 2019 und der hat das Thema gewissermaßen vorgegeben.

Tornado: Wobei das schon auch etwas ist, was uns im letzten Jahr beschäftigt hat. Im letzten Jahr war einerseits so viel Sprache und so wenig tatsächliche Begegnung da. In virtuellen Treffen muss man sich noch mehr um Sprache bemühen als in der Begegnung, bei der man stärker mit nonverbaler Kommunikation arbeiten kann. Und auf der anderen Seite ist auf der politischen Ebene so viel hochgekocht. Das Spannende im letzten Jahr war, dass so viele Fragen gestellt wurden, die vor zwei, drei Jahren noch gar nicht so gestellt wurden. Es gibt Menschen, die sagen, sie werden nicht gehört und ihnen wird das Falsche gesagt und etwas verschwiegen. Dazu kommen Aussagen wie „Ich habe die richtige Position“. Und das ist das, was unser Zusammenleben gerade total komplex macht. Was ist denn die richtige Position, gibt es die überhaupt? Wie können wir uns wieder ein Stück weit mehr zuhören, wo können wir uns begegnen? Wer sagt eigentlich was, wer unterbricht wen mit Recht oder mit Unrecht?

Das Besondere an euren Texten ist, dass sie einerseits abstrakt und dadurch offen und zeitlos sind, andererseits konkret genug, um viele aktuelle gesellschaftliche und zwischenmenschliche Ereignisse darin deuten zu können. Könnt ihr etwas zu euren Songs erzählen?

Tornado: Der Song „Marode Silben“ beschreibt, was Sprache eigentlich kann. Im Positiven wie im negativen Sinne. Eigentlich ist das eine Zustandsbeschreibung. Dann sind vier Songs dabei, die beschreiben, was wir als Band bzw. Krupski als Schreiberling problematisch ansieht.

Und der letzte Song „Zwingende Aussicht“ hat, weil wir auch ein bisschen kitschig sind, ein positives Ende. Bei all dem, was Sprache kann, kann sie eben nicht nur Macht ausdrücken und diskriminieren, sondern auch Verbindung schaffen und zusammenführen – das genaue Gegenteil von dem, was wir gerade bemängeln und betrauern. Uns war wichtig, neben der Zustandsbeschreibung am Ende auch einen Song zu haben, der inhaltlich aufzeigt, dass es auch einen anderen Weg und die Möglichkeit gibt, über Sprache zusammen zu finden. Das schafft den Bogen zu Kultur, weil ein Konzert ein gemeinsames Erlebnis ist, bei dem man zusammenfindet. Wir müssen lernen, wieder mehr zuzuhören und auf den anderen einzugehen, andere Positionen nachzuvollziehen.

Wir sagen: vielen Dank für das virtuelle Kaffeekränzchen und wünschen schon einmal einen Happy Release Day!

PS: hört das Interview auch bei unseren Freunden von Tommy & Brit oder lest das Interview mit schubsen zum Vorgänger „Stühle rücken in Formationen“.

// Interview: Sarah Grodd //
// Foto: Andreas Hornoff //