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Interview mit Love Machine – von Düsseldorf nach Tokyo

Wer „Love Machine“ googelt, hat zunächst entweder Angst, erotische Dinge vorgeschlagen zu bekommen oder landet erst einmal wohl eher bei irgendwelchen Trailern zu gleichnamigen Filmen. Gut versteckt hat sich die Band Love Machine also auf den ersten Blick. Schon beim ersten Hören wird allerdings klar, dass sich die Band um Sänger Marcel alles andere als verstecken muss.

Am 26. Februar veröffentlichen Love Machine ihr viertes Studioalbum auf UNIQUE RECORDS, das den Namen „Düsseldorf – Tokyo“ trägt. Auf diesem Album wird ihre Heimatstadt Düsseldorf zum Schauplatz von Geschichten über Sucht und Absturz, über Ausnüchterung und Freundschaft. Dabei zelebrieren Love Machine eine Mischung aus Americana, Westcoast-, Psychedelic- und Progressive Rock.

vlcsnap-2021-02-10-16h19m34s658Wir haben die virtuelle Verbindung zwischen Düsseldorf und Nürnberg aufgespannt und mit Sänger Marcel über japanische Bands und Düsseldorfer Kneipennächte, über Tiefpunkte und Höhenflüge sowie über die Entstehung des Albums gesprochen.

Düsseldorf ist ja klar, aber warum zur Hölle Tokyo?

Marcel: Wir leben alle in Düsseldorf und kommen auch von hier. In Düsseldorf gibt es eine sehr starke Japan-Community und hier leben sehr viele Menschen aus Japan. Allein auf der Immermannstraße, die um den Hauptbahnhof herum ist, gibt es sehr viele japanische Lokale und Supermärkte. Das hat einen starken Impact. Abgesehen davon auch die Verbindung mit japanischen Bands, die auch schon einmal über uns, über die Veranstaltungsreihe Ritus Underground, hierher gekommen sind, z.B. Acid Mothers Temple, Kikagaku Moyo, Minami Deutsch. Diese tranceartige Krautmusik zieht in den Bann und steht in Verbindung mit Düsseldorf sehr weit vorne. Und nicht zuletzt natürlich auch eine tiefe Sehnsucht danach, dieses Land oder diese Stadt zu besuchen. Das ist für mich grob gefasst dieser Albumname „Düsseldorf – Tokyo“.

Kann man „Düsseldorf – Tokyo“ also als thematisches Konzeptalbum rund um eure eigene Lebenswelt in Düsseldorf bezeichnen?

Marcel: Das ist ein Album, auf dem viele Geschichten vom Scheitern und Wiederaufstehen Platz finden und deswegen ist der Stadtname im Albumtitel drin. Mir schwebt immer dieser Weg von der Altstadt zum Worringer Platz vor. Wenn man eigentlich schon gar nicht mehr konnte, hat man sich noch zum Worringer Platz, zum WP8 bewegt, wo bis 6 Uhr morgens auf war. Und auch gerade dieses Repetitive, dass sich alles im Kreis dreht und diese Maschine, die einen selbst antreibt, ist in diesem Album verarbeitet. Es ist zuletzt aber natürlich auch eine Liebeserklärung an unsere Stadt.

Das Lyrische Ich auf eurem Album scheint immer unterwegs zu sein, aber doch nicht richtig fortzukommen?

Marcel: Ich bin sehr stark mit mir ins Gericht gegangen und habe auch viele Änderungen im Privaten durchlebt, um die es ganz stark auf dem Album geht: Hinterfragen, was ich da überhaupt mache und woran ich da eigentlich arbeite fernab der Musik. Ich glaube, wenn man sich selbst reflektiert, kann man ganz weit laufen und kommt eigentlich nie an.

Aufgenommen habt Ihr „Düsseldorf – Tokyo“ von Ende 2019 bis Anfang 2020 auf einem Bauernhof im Schwarzwald. Was hat Euch als Großstadt-Jungs aufs Land gezogen?

Marcel: Es ist einfach ein ganz anderer Abstand, den du bekommst. In erster Linie ist es ein Abstand zu alten Gewohnheiten und Mustern, die mich gerade in diesem Album sehr beschäftigt haben. Mit einem gewonnen Abstand lässt sich das ganze Erlebte auch ganz anders verdauen und zu einem runden Ding machen. Das ist der Grund, warum wir uns zwei Wochen in den Schwarzwald verzogen haben. Ich persönlich konnte dadurch auch sehr tief eindringen in die schon offenen Wunden und dort einfach mal ein bisschen drin rumwühlen und gucken, was mich daran stört und welche Splitter da drin sind, die ich vielleicht sogar noch rausholen und irgendwo einbetten kann. Es fiel mir dort sehr viel einfacher – was ich vorher nicht wusste – als in einen bekannten Keller zu gehen, wo man schon viele dieser bekannten Strukturen mit reingetragen hat. Es war sehr clean und ideal, als Neustart und als Ort des Entstehens so einen unbefleckten Ort zu wählen.

Wie viele Songs hattet ihr vor dem Schwarzwald-Trip denn schon fertig?

Marcel: Wir sind im Voraus schon sehr viele Ideen angegangen und haben das ein bisschen wirken lassen, immer mal wieder ein bisschen recycelt. Nachdem wir hier wieder angekommen sind, habe ich zusammen mit meinem Bandkollegen Felix einfach nochmal vier, fünf Texte geschrieben. Ich habe meinen Job verloren, als ich aus dem Schwarzwald wiedergekommen bin und das war für mich ein sehr einschneidendes Erlebnis, nach dem Studioaufenthalt einen Neuanfang zu erleben. Schon im Schwarzwald konnte ich sehr viel nachdenken und als dann auch der Druck mit einem 40-Stunden-Job weg war, ob gewollt oder nicht, flossen nochmal ganz andere Energien.

Das Album ist wie eine Reise, auf der man sich die Frage stellt, ob man irgendwann ankommt. Das ist ein „Mit sich selbst ringen“.

Acht Songs auf dem Album sind (zumindest überwiegend) auf Deutsch. Warum habt ihr euch von Englisch abgewandt? Was fällt euch leichter beim Schreiben und Ausdrücken?

Marcel: Auf Deutsch schreibt es sich viel ungenierter. Irgendwann sind wir im Englischen an eine Grenze gestoßen und haben uns die Frage gestellt, wie viele kryptische Texte wir noch schreiben wollen. Es war für mich viel ehrlicher, sich mal damit auseinander zu setzen, wie das klingt, deutsche Texte zu verwenden. Es war tatsächlich nicht geplant, dass acht dieser Lieder in Deutsch rauskommen, aber es fühlt sich sehr gut an und ist sehr befreiend. Das heißt aber nicht, dass wir nur auf Deutsch weitermachen.

Gerade, weil es so tiefgreifende Themen sind, die dort behandelt werden, war es so wichtig, das auf Deutsch zu tun und sich nicht hinter einer anderen Sprache zu verstecken. Der Song „Lieblingsbar“ beschreibt z.B. dieses Verlangen, dann doch nochmal weiter zu reisen und nicht anzukommen. Wenn man Angst davor hat, in einem Hafen anzulegen und der Weg in die nächste Lieblingsbar schnell gemacht ist.

Album CoverErzählt etwas zum Worringer Platz in Düsseldorf, der Ort, der euer Albumcover ziert. Ist das der Platz, an dem die Geschichten auf eurem Album passieren?

Marcel: Es kann sehr erschreckend sein, am Worringer Platz seine Runden zu ziehen. Man sieht Leute, die am Leben zerbrochen sind und dort entweder Heroin spritzen oder an der Methadon-Ausgabe stehen. Ich finde, das macht schon ziemlich viel mit einem, wenn man da vorbei geht und sich in der Lieblingsbar einen reinstellt. Entweder du versackst dort als jemand, der noch nicht ganz verkackt hat, oder du schaffst den Absprung. Ich finde, es ist eine ganz grundsätzliche Frage, wie weit man sich in diese Richtung bewegt.

Wir wüsnchen einen Happy Release Day und sagen vielen Dank für das Interview!

PS: Das Interview könnt ihr auch bei unseren Freunden von Tommy & Brit auf Radio Z nachhören!

// Interview: Sarah Grodd und Andreas Schemm //
// Foto: Jens Vetter //

artwork schubsen

schubsen – Sprachfetzen (Review)

Nach den Alben „Neue Blessuren“ und „Stühle rücken in Formationen“ veröffentlichen schubsen am 26. Februar die EP „Sprachfetzen“ – ein Werk, das sich konzeptuell ganz dem Thema Sprache und Macht widmet. schubsen sind sich dabei treu geblieben, musikalisch wie auch sprachlich. In gewohnt abstrakten und offenen Texten spielen die Nürnberger Post-Punker rund um Sänger und Schreiberling Krupski wieder mit verschiedenen Deutungswegen. Was man aber so oder so raushört: „Sprachfetzen“ ist mindestens genauso gesellschaftlich und politisch wie die beiden Vorgänger-Releases und damit brandaktuell.

Wie sonst soll man den ersten Song der EP, Auftakt des steten Endes, verstehen? Unweigerlich fragt man sich als Hörer:in – wie dystopisch darf und muss diese Frage gedacht werden? Welches Ende besingt Krupski eigentlich? Wird das Ende einer funktionierenden Gesellschaft, das Ende des sozialen Miteinanders, das Ende der gesellschaftlichen (N)Etiquette prophezeit und deklariert? Und kann ein Ende überhaupt „stet“ und andauernd sein? Bei all den Fragen, die der Auftakt der EP aufwirft, kann eine Frage aber beantwortet werden: das Ende der Band schubsen bedeutet es sicher nicht. Zu dringend sind die Inhalte, zu eingängig die Melodien.

So werden in dem zweiten Song Marode Silben in gewohnter schubsen-Manier Silben verschluckt und Wörter undeutlich ausgesprochen, aber das verleiht dem durchdringenden Inhalt nur noch mehr Authentizität und Nachdruck. Denn wie heißt es in dem Song:

„Sprache schafft Realität.“

Und wie sie das tut! So losgelöst kommt dieser Satz eigentlich als recht trocken-rationale Erkenntnis daher. Und doch schaffen schubsen es, diese Tatsache in einen sehr emotionalen Themenkomplex einzubetten. Die Sprache, die schubsen dabei wählen, ist keine glattgebügelte und hochpolierte. Sie ist vielmehr eine musikalische Momentaufnahme beobachteter Situationen, Reaktionen und Emotionen – im Großen wie im Kleinen. Grundlegend ist Sprache noch viel mehr als das gesprochene Wort, sie definiert sich eben auch durch das Nichtgesagte und Nichtgetane, wie der nächste Song Der Akzeptanz verdeutlicht:

„Was du im Wegsehen alles zeigt und im Schweigen alles sagst, wie du dich im Nichtstun befreist, begreifst.“

Nach dieser vergleichsweise noch recht ruhigen Tatsachenbeschreibung von Sänger Krupksi zu Beginn des Songs unterstützen ihn nun auch die restlichen Bandmitglieder bei seiner Anklage mit eindringlicher Gitarre, Bass und Schlagzeug. Schließlich setzt Krupski zum gar mantraartigen Flüstern und das gesamte schubsen-Quartett zum finalen Drohtanz an. Was danach übrig bleibt: ein erschöpftes Ausklingen des Songs, das kurz Luft holen lässt für das, was folgt.

Eine kontrastierend fröhliche und beschwingte Atmosphäre verbreitet anschließend Aroma. Zweifelsohne kann Aroma als der Song mit dem größten Pophit-Potenzial auf der EP durchgehen, so ironisch ausgelassen und melodisch klingt Krupski hier. Doch auch dieser Song kommt nicht ohne das „schale Alles und saure Nichts“ auf der Zunge aus und deutet somit an, dass diese fröhliche Sequenz nur eine kurze (Verschnauf-)Pause ist. Eine eindringliche Gesprächseinladung folgt prompt: „wir müssen reden, jetzt sofort“ über etwas, das schon längst Kein kleiner Jux mehr ist. Nicht nur aus diesen Zeilen könnte man alle aktuellen gesellschaftlichen wie auch politischen Geschehnisse und Grenzüberschreitungen heraushören – sei es Trump, Verschwörungsfanatismus, Coronaleugnung, Impfgegnertum oder Rassismus. Was auch immer man hinter diesen Zeilen vermuten mag, falsch liegen kann man damit nie. So abstrakt und deutungsoffen und dadurch zeitlos sind die Texte von schubsen.

Die eigentliche Perle der EP ist zugleich eine Zwingende Aussicht. Auch hier spielen schubsen mit den Deutungsmöglichkeiten. Der eine mag dahinter einen hoffnungsvollen Ausblick auf bessere und gemeinschaftlichere Zeiten erkennen, die andere eine Aussicht auf neue Negativ-Superlativen und kommende Grenzüberschreitungen unter dem Deckmantel von Tugenden und Tradition.

 „Schikanieren, dann applaudieren. Du wirfst keine Steine, du gehst durch Scheiben.“

Nach den sechs Songs und knapp 20 Minuten Spieldauer ist man nicht unbedingt schlauer, aber man wird vielleicht wieder daran erinnert, dass es in der Gesellschaft Dinge gibt, die (sprachlich) stet miteinander ausgehandelt werden müssen.

Schubsen beweisen erneut, dass es immer wieder Themen und Inhalte gibt, die eine Dringlichkeit haben, die raus müssen. Dabei zeigen sie, wie Sprache und Musik als Machtinstrumente wirken können und begeben sich auf einen gekonnten Drahtseilakt zwischen kryptischer Wortmalerei und einem direkten Auf-den-Punkt-kommen.

artwork schubsen

Was man in dieser EP hört und deutet, liegt vermutlich am individuellen Gemütszustand. Praktischerweise geben schubsen bereits mit dem Cover zur EP eine klare Empfehlung ab, wie man dieses Werk hören sollte: mit angespitzten Ohren, ja bitte auch laut aufgedreht. Wir sprechen eine dringliche und uneingeschränkte Hörempfehlung für „Sprachfetzen“ aus.

Tracklist: schubsen – Sprachfetzen EP (VÖ: 26. Februar 2021)

Auftakt des steten Endes
Marode Silben
Der Akzeptanz
Aroma
Kein kleiner Jux
Zwingende Aussicht

PS: ein interview mit der Band zur EP findet ihr hier und hier.

// Text: Sarah Grodd //
// Bild: Lisa Closer //

schubsen | Andreas Hornoff

Interview mit schubsen – Sprachfetzen

Nach den Alben „Neue Blessuren“ und „Stühle rücken in Formationen“ veröffentlichen die Nürnberger Post-Punker schubsen am 26. Februar über Swing Deluxe Records die EP „Sprachfetzen“ – ein Werk, das sich mit sechs Songs konzeptuell ganz dem Thema Sprache und Macht widmet. Aufgenommen haben die Jungs die Platte wieder im Hersbrooklyn Studio. Wir haben uns bereits im Januar zum virtuellen Kaffeekränzchen mit Sänger Krupski und Schlagzeuger Tornado getroffen und über den Aufnahmeprozess in Ausnahmezeiten, hoffnungsvolle Enden und das Komprimieren von Sommergefühlen gesprochen.

Aus aktueller Sicht (Stand Januar) ist das kein optimaler Zeitpunkt, um ein Release zu feiern. Wie geht´s euch mit der EP?

Tornado: Es ist komisch, weil es anders ist als sonst. Auf der anderen Seite ist es spannend, weil die Musik auf der EP viel mehr für sich alleine steht. Es wird nicht begleitet von einer Tour, sondern es sind dann erst einmal nur die sechs Songs.

Wenn ihr die Wahl hättet: Würdet ihr lieber ein reduziertes Konzert mit wenigen Leuten und viel Abstand spielen oder dann lieber auf ein Releasekonzert verzichten?

Tornado: Das ist eine gute Frage. In unserer Band gibt es zwei Pole. Total viel von dem, was bei uns Musik ausmacht, ist das Zusammensein und das gemeinsame Erleben. Das ist die Seite, die gegen ein Releasekonzert unter den aktuellen Umständen ist. Und die andere Seite der Band sagt, dass wieder etwas passieren muss, weil Kultur fehlt. Und Kultur kann nicht nur sein, auf der Watchlist bei Netflix zu checken, welchen Film man sich anschaut.

Viele Bands haben sich im letzten Jahr an Online-Konzerten ausprobiert. Das hat man bei euch nicht gesehen. Findet Kultur für euch nur live, also im realen Leben statt?

Krupski: Das ist bei uns Typsache. Ich persönlich habe mir auch online zwei Theaterstücke angeschaut, fand es aber komisch, weil ich es mag, während der Vorstellung auch das Geschehen außerhalb der Bühne zu beobachten. Als Literaturfigur Krupski habe ich es abgelehnt, online zu lesen, weil eine Lesung von dem Austausch und der Performance vor Ort lebt. Auch die Art, wie ich bei schubsen auf der Bühne agiere, kommt vom Publikum. Ich nehme die Atmosphäre vom Ort, der Bühne und den Personen auf und reagiere darauf. Deswegen kann ich es mir überhaupt nicht vorstellen, in einem leeren Club zu spielen und dabei gefilmt zu werden.

Tornado: Bei Musik ist das gemeinsame Erleben wichtig. Zwar gibt es bei Konzerten auf der einen Seite eine Bühne mit Künstler:innen drauf und auf der anderen Seite steht das Publikum, aber manchmal verschwimmen diese Grenzen zwischen diesen beiden Seiten. Und dieses Auflösen von Grenzen und das gemeinsame Erleben von Kultur funktioniert online nicht. Es gibt keine Reaktionen und Gegenreaktionen.

Wie war denn der Schreib- und Aufnahmeprozess für „Sprachfetzen“ in diese Ausnahme-Jahr für euch?

Krupski: Im Frühjahr haben wir überlegt, in welche Richtung das gehen kann und welche Songs wir haben. Aus persönlichen Gründen haben wir beschlossen, im Sommer im Hersbrooklyn Studio aufzunehmen, wo auch schon „Stühle rücken in Formationen“ entstanden ist. Und dann war klar, dass wir bis zum Sommer Zeit haben, Songs zu schreiben und daraus eine knackige EP zum Thema Sprache und Macht zu produzieren. Im Studio selbst haben wir gar nicht mehr so viel rumgewerkelt, die Grundsachen standen davor schon und deshalb waren wir auch gar nicht so lange im Studio. So habe ich es in Erinnerung.

Tornado: Ich würde das ganz anders erzählen, das ist jetzt eine ganz klassische schubsen-Situation. Eigentlich hatten wir mit dem Start des Lockdowns im Frühling eineinhalb fertige Songs nach der LP. Nach dem Lockdown waren wir viel im Proberaum und gefühlt stand bei jeder Probe ein neuer Song. So leicht ging uns schon lange nichts mehr von der Hand wie diese sechs Songs. Und so war auch das Aufnehmen. Wir mussten uns gar nicht anstrengen, es ging uns alles leicht von der Hand. Wir haben eine starke Erleichterung gespürt, im Sommer wieder was machen zu können. Es ist unsere Pandemie-Platte, auch inhaltlich. Es geht um vieles, das das letzte Jahr bestimmt hat.

Krupski: Ich weiß noch, wie ich in Hersbruck über Nacht geblieben bin und ich nach den Aufnahmen noch an den See gefahren bin, das war ein richtiges Sommergefühl. Das war fast die unbeschwerteste Zeit des letzten Jahres.

Dann konntet ihr auf „Sprachfetzen“ auch ein bisschen den Sommer konservieren. Musikalisch und klanglich seid ihr euch aus meiner Sicht dabei treu geblieben. Wie seht ihr das? Habt ihr etwas auf der EP anders gemacht als auf den Vorgängeralben?

Krupski: Wir haben uns nicht neu erfunden, wir sind immer noch schubsen und ich finde es auch wichtig, dass schubsen nach schubsen klingt. Es hat aber eine neue Facette aufgemacht, die EP ist präziser, schärfer und rougher geworden. „Stühle rücken in Formationen“ war keine High-End-Platte, aber die hört sich halt anders an: das Schlagzeug klingt klarer, die Verzerrung der Gitarre klingt perfekt. Das ist bei der „Sprachfetzen“ EP nicht mehr so. Beim Song „Der Akzeptanz“ haben wir Percussions mit dabei, bei „Aroma“ gibt es einen kleinen Singsang.

Tornado: Für mich war der große Unterschied, dass wir auf einen Punkt hin zusammengespielt haben, wie wir das vorher noch nicht gemacht haben – auch was die Aussage eines Songs angeht. Jeder Song wie auch die Gesamt-EP steht inhaltlich für etwas Bestimmtes. Wir haben gemeinsam versucht, das auszudrücken, worum es auf den Songs eigentlich geht. Wir waren eine Band, sowohl von der Aussage bis hin zu den Songs.

Ihr habt die Songs dieses Mal also mehr zusammen erarbeitet. Wie seid ihr dabei vorgegangen? War wieder zuerst Melodie da und dann kam der Text?

Tornado: Wir haben viel miteinander geredet und das ist ja schon spannend bei einer EP, dessen Thema Sprache ist. Wir haben darüber geredet, wie wir etwas spielen und singen, und auch, was wir bewusst weg lassen: welches Wort wo gesetzt wird, welcher Schlag gespielt und welcher weggelassen wird. Das ist das Gute an der EP: Es ist nicht nur das, was da ist, sondern das, was nicht da ist. Wir haben einfach versucht, ganz viel wegzulassen. Das passt wieder zu dem, worum es geht: Wie kommen wir auf eine Ebene des Verstehens?

Dann lasst uns jetzt doch über das Thema von „Sprachfetzen“ sprechen. Das ist das erste Mal, dass ihr ein Konzeptwerk veröffentlicht. Woher kommt die Idee für diese Konzept-EP über Sprache und Macht?

Krupski: Mich interessiert einfach, inwiefern Sprache und Macht sich gegenseitig bedingen. Wie Macht und Sprache funktionieren können, wie man z.B. jemanden dadurch ausgrenzt, dass man eine andere Sprache spricht. Und damit meine ich nicht unbedingt tatsächlich unterschiedliche Sprachen wie Deutsch, Englisch, Türkisch, sondern wie man Vokabeln und Akzente setzt und wie man durch Sprache auch manipulieren kann. Es ist einfach rauer geworden in vielen Gesellschaften. Und bei der Sprache fängt es schon an, das finde ich sehr schlimm und gewalttätig, aber auch sehr interessant, wie solche Mechanismen funktionieren.

Es war aber nicht von Anfang an klar, dass wir die EP mit diesem Konzept machen wollen, sondern es hat sich eigentlich peu à peu ergeben. Den Song „Kein kleiner Jux“ auf der EP gibt es schon seit 2019 und der hat das Thema gewissermaßen vorgegeben.

Tornado: Wobei das schon auch etwas ist, was uns im letzten Jahr beschäftigt hat. Im letzten Jahr war einerseits so viel Sprache und so wenig tatsächliche Begegnung da. In virtuellen Treffen muss man sich noch mehr um Sprache bemühen als in der Begegnung, bei der man stärker mit nonverbaler Kommunikation arbeiten kann. Und auf der anderen Seite ist auf der politischen Ebene so viel hochgekocht. Das Spannende im letzten Jahr war, dass so viele Fragen gestellt wurden, die vor zwei, drei Jahren noch gar nicht so gestellt wurden. Es gibt Menschen, die sagen, sie werden nicht gehört und ihnen wird das Falsche gesagt und etwas verschwiegen. Dazu kommen Aussagen wie „Ich habe die richtige Position“. Und das ist das, was unser Zusammenleben gerade total komplex macht. Was ist denn die richtige Position, gibt es die überhaupt? Wie können wir uns wieder ein Stück weit mehr zuhören, wo können wir uns begegnen? Wer sagt eigentlich was, wer unterbricht wen mit Recht oder mit Unrecht?

Das Besondere an euren Texten ist, dass sie einerseits abstrakt und dadurch offen und zeitlos sind, andererseits konkret genug, um viele aktuelle gesellschaftliche und zwischenmenschliche Ereignisse darin deuten zu können. Könnt ihr etwas zu euren Songs erzählen?

Tornado: Der Song „Marode Silben“ beschreibt, was Sprache eigentlich kann. Im Positiven wie im negativen Sinne. Eigentlich ist das eine Zustandsbeschreibung. Dann sind vier Songs dabei, die beschreiben, was wir als Band bzw. Krupski als Schreiberling problematisch ansieht.

Und der letzte Song „Zwingende Aussicht“ hat, weil wir auch ein bisschen kitschig sind, ein positives Ende. Bei all dem, was Sprache kann, kann sie eben nicht nur Macht ausdrücken und diskriminieren, sondern auch Verbindung schaffen und zusammenführen – das genaue Gegenteil von dem, was wir gerade bemängeln und betrauern. Uns war wichtig, neben der Zustandsbeschreibung am Ende auch einen Song zu haben, der inhaltlich aufzeigt, dass es auch einen anderen Weg und die Möglichkeit gibt, über Sprache zusammen zu finden. Das schafft den Bogen zu Kultur, weil ein Konzert ein gemeinsames Erlebnis ist, bei dem man zusammenfindet. Wir müssen lernen, wieder mehr zuzuhören und auf den anderen einzugehen, andere Positionen nachzuvollziehen.

Wir sagen: vielen Dank für das virtuelle Kaffeekränzchen und wünschen schon einmal einen Happy Release Day!

PS: hört das Interview auch bei unseren Freunden von Tommy & Brit oder lest das Interview mit schubsen zum Vorgänger „Stühle rücken in Formationen“.

// Interview: Sarah Grodd //
// Foto: Andreas Hornoff //

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Interview mit Motorama – Before The Road

Mit „Before The Road“ ist am 29. Januar das neue und 6. Album der russischen Postpunk-Band Motorama erschienen. Über viele Jahre hinweg haben Motorama den gesamten Globus bespielt und waren auf unzähligen Touren auch in Europa unterwegs. Mit dem neuen Album endet nun erstmalig die französisch-russische Verbindung zwischen der Band aus Rostow am Don im Süden Russlands und ihrem französischen Label Talitres. Stattdessen haben Motorama ihr eigenes Label I’m Home Records gegründet, dessen Name nach einer Rückfindung ins heimische Rostow am Don anmutet. Das haben wir zum Anlass genommen, die virtuelle Verbindung nach Russland aufzubauen und Sänger Vlad ein paar Fragen zu stellen.

After all the years with your French label Talitres, you decided to start your own label a year ago. Why did you decide to take this step? What´s different now?

Vlad: We have spent eight wonderful years being signed on Talitres, but now it`s been time for us to move forward. So we decided to handle our label responsibilities by ourselves. That`s because we are interested in many label processes, we want to control most of the things. Firstly, digital release but maybe later we will produce physical items likes Vinyls, CDs, cassettes. Now we`re even more independent and we can invest our time in our own label.

In August 2020 you debuted your first single „Today & Everyday“ from your forthcoming album – how come it now didn´t appear on the album?

Vlad: „Today & Everyday“ is not on the album, because it was slightly different in terms of recording and the sound, so we decided to leave it like a single.

You produced the album during a pandemic. Did that also have an effect on the album? Your song ‚Voyage‘, for example, sounds to me like wanderlust during the lockdown.

Vlad: We had more free time at home for the recording and mixing and most of the songs were composed before pandemic in the end of 2019. We had demos for them. And as for the song „Voyage“: mostly it`s about missing people and a place, so it could be about Lockdown situation, but in general, it´s not about it. The song is about yearning and parting.

On your album „Before the road“ you often work with somehow nature motifs (e.g. stars, water) from my point of view. How come?

Vlad: Nature motifs are a huge part of our lifes, like the real beauty obviously. That`s the first album by the way, where we think and go slightly outside from the trees, hills and mountains up to the cosmical spheres: to the skies, sunsets, moonlights, stars and so on.

Wir sagen: vielen Dank für das Mini-Interview!

PS: Ihr wollt das Interview in Hörfassung? Schaut`s vorbei bei unseren Radiofreunden von Tommy&Brit auf Radio Z!

// Interview: Sarah Grodd //
// Bild: Alexey Trineev //

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Interview mit A Tale Of Golden Keys – The Only Thing That´s Real

Auf neue Wege begeben sich die Nürnberger A Tale Of Golden Keys mit ihrem dritten Album, „The Only Thing That´s Real“, das am 30. Oktober über Listenrecords erscheint. Erstmals haben Hannes, Jonas und Flo alles komplett in Eigenregie aufgenommen. Wir haben mit ihnen im Vorfeld des Releases in gemütlicher Biergartenatmosphäre über den Entstehungsprozess des neuen Albums gesprochen.

Übrigens: Ein klassisches Releasekonzert zu „The Only Thing That´s Real“ wird’s zwar nicht geben, dafür aber ein ganzes Wochenende voller kleiner Akustikshows, einer Ausstellung und dem Plattenverkauf direkt mit den Jungs.

Erst einmal herzlichen Glückwünsch zum neuen Werk! Ihr habt das neue Album komplett in Eigenregie in eurem Haus im kleinen Eckersmühlen aufgenommen. Wie war die Erfahrung?

Hannes: Am Ende sehr schön und sehr befreiend. Es verändert vieles und hat den Druck raus genommen. Wenn man ins Studio geht, muss man in komprimierter Zeit etwas abliefern. An so einem Ort wie in Eckersmühlen, an dem man flexibel ist, kann man so lange rumprobieren wie man möchte. Das war extrem entspannend und ich glaube, das schlägt sich auch im Ergebnis nieder. Es ist alles etwas bunter, weil wir es nicht komprimiert in einer gewissen Zeit aufnehmen mussten.
Jonas: Man lernt sich dabei als Band und auch als Person neu kennen. In der Zeit der Aufnahmen haben wir verstanden, was wir meinen und von den Songs wollen und wie wir am besten miteinander umgehen. Sonst ist da immer ein Produzent, der alles regelt und auch mal zwischen uns vermittelt.
Hannes: In unserem Fall vermittelt der Produzent nicht nur, sondern sagt auch „Wir machen das jetzt so“. Und dann muss man sich natürlich ganz anders einigen, wenn keiner diese Rolle hat.

ATOGK_Pressefoto_42020_(c)_Marri FerrariDer Unterschied zwischen den Vorgänger-Alben und dem aktuellen Album ist also, dass ihr keinen Produzenten eingebunden habt und keine Deadline hattet?

Jonas: Wir hatten schon eine Deadline, die haben wir aber gekonnt verschoben. Wir hatten Zeit und wir konnten so oft nach Eckersmühlen fahren, wie und wann wir wollten. Wir waren in diesem Jahr so oft in Eckersmühlen wie alle Jahre zusammen nie – das war schon besonders.
Hannes: Und eine Menge gelernt haben wir auch. Bei uns kannte sich erst niemand aus der Band so richtig mit dem Produzieren aus. Dann ich habe angefangen, mich damit zu beschäftigen. Jetzt haben wir alle neue Sachen gelernt und das ist sehr wertvoll.
Jonas: Vor allem Hannes hat neue Sachen gelernt, weil er derjenige war, der am Ende immer alles machen musste. Das bewundere ich sehr, weil ich glaube, dass ich das nicht könnte.

Hannes, was hast du alles gelernt?

Hannes: Die ganze Softwaresache, über die man sich im Studio normalerweise keine Gedanken machen muss. Da hockt dann wer und drückt die Knöpfe zur richtigen Zeit. Das zu lernen verändert den Entstehungsprozess von Songs, weil man selten zusammen zu dritt in einem Raum steht und spielt, wie das in einem Studio ist. Die Songs wachsen dadurch eher permanent und man ist freier.

Seid ihr dadurch aber auch auf eure technischen Grenzen gestoßen, wenn ihr es nicht so umsetzen konntet wie ihr es euch in euren Köpfen vorgestellt habt?

Hannes: Nein, man kommt noch eher dahin, wie es im Kopf klingt, weil man viel mehr rumprobiert. Ich saß oft noch nachts an dem Material, weil ich so eine Idee hatte, es aber nicht so richtig hinbekommen habe. Dann habe ich so lange daran rumgebastelt, bis es in die richtige Richtung ging. Das haben wir bisher bei Studioaufenthalten nicht gemacht.

Und jetzt Hand aufs Herz: Werdet ihr bei den kommenden Alben nun auch nur noch in Eigenregie aufnehmen?

Jonas: Erstmal werden wir sehr gute Demos aufnehmen und wenn uns die Demos reichen oder wir nicht weiterkommen, können wir vielleicht auch wieder jemanden hinzufügen, der uns weiterhilft. Aber Hilfe hatten wir dieses Mal ja eigentlich auch, muss man dazu sagen; Jan Kerscher (Anmerk.: Ghost City Recordings) war involviert und hat uns immer Tipps und seine Meinung zu den Songs abgegeben.
Hannes: Für die aktuelle Zeit war das ein sehr guter Arbeitsmodus, aber vielleicht haben wir für die kommende Zeit gar keinen Bock mehr darauf.

In eurem Pressetext steht, dass ihr euch von Konventionen und Vergangenheit befreit habt. Wovon genau musstet ihr euch denn frei machen?

Hannes: Mussten von gar nichts, aber wir haben uns von Konventionen im Sinne von „unserem“ Sound frei gemacht.
Jonas: Von Schienen, die man gerne gefahren ist, wobei wir auch niemals gerne bestimmte Schienen fahren wollten.
Hannes: Wenn wir vor zwei Jahren beim Songwriting scherzhaft rumgedudelt haben, haben wir zu 100% gesagt, dass wir sowas, was dabei rauskommt, doch nicht machen können. Solche Prozesse haben wir jetzt eher zugelassen.

Habt ihr für euch denn so einen klassischen ATOGK-Sound im Kopf, den ihr immer bedienen müsst?

Hannes: Nein, natürlich nicht. Aber irgendwie geht es dann ja doch immer in eine bestimmte Richtung. Beim letzten Album lag es vor allem auch daran, dass es in so krass komprimierter Zeit aufgenommen wurde. Da hat man dann sein Set-Up und seine Sounds, die funktionieren und die man in der Zeit saugeil findet.  Dann geht aber alles in die eine Richtung. Und wenn etwas wie jetzt über einen Zeitraum von einem halben Jahr entsteht, passiert das weniger.
Jonas: Wir haben uns auch relativ frei gefühlt, was zusätzliche Instrumente angeht. Wir haben nicht immer direkt daran gedacht, wie es ist, das live umsetzen zu müssen, sondern haben einfach mal z.B. Bläser oder mehr Synthesizer mit drauf gesetzt – was jetzt auch zum Problem werden könnte, wenn wir das live umsetzen. Wir sind auch grad schon auf der Suche nach den richtigen Menschen dafür.

Auf dem Album hattet ihr ja schon Gäste. Eure erste Single ist ein Feature mit Elena Steri. Wie ist die Zusammenarbeit gelaufen?

Jonas: Ursprünglich haben wir die zweite Strophe vom Song Whirling selbst gesungen. Ich dachte mir, dass das eigentlich auch gut eine Frauenstimme singen kann, weil der Text auch aus einer weiblichen Perspektive erzählt wird. Bei den Überlegungen, wer den Part singen könnte, haben wir an Elena Steri gedacht. Die Stimme von Elena Steri passt für mich super zu diesem Stück.

Worum geht es in Whirling?

Hannes: Der Song basiert auf der Kurzgeschichte „The Yellow Wall Paper“. Es war in meiner Erinnerung eine der ersten feministischen Kurzgeschichten. Es geht um eine Frau mit einer postnatalen Depression und ihren Mann, der versucht, ihr Heilung zu geben. Er schickt sie auf eine Heilkur, auf der sie aber nur eingesperrt ist und dann völlig durchdreht und denkt, dass da eine Frau in der Tapete ist. Es hat ein offenes Ende und es ist nicht klar, ob sie dort Heilung erfährt oder nicht. Es war wohl das erste Mal, dass sowas aus der Sicht von einer Frau geschrieben wird. Unser Bassist Flo hat die Geschichte gelesen, dann einen Text daraus geschrieben und umgedreht, dass es nicht nur aus der weiblichen Perspektive erzählt wird, sondern aus beiden Perspektiven.

Manic war euer erstes Lebenszeichen – warum ist der Song nicht auf dem Album gelandet? Ich finde, der hätte auch gut rauf gepasst.

Hannes: Ich glaube, der Song war für uns irgendwann einfach durch, weil der so früh raus kam und dementsprechend so früh fertig war. Wir wollten zu Beginn des Jahres schon einmal eine Single rauszubringen, der Rest war aber noch nicht fertig und es war noch nicht so klar, in welche Richtung das ganze Album geht. Und dann hat es einfach nicht mehr so gepasst, weil sich die anderen Sachen für uns fresher angefühlt haben.

Ihr scheint immer sehr im Albumdenken verhaftet, schließlich läuft es in anderen Genres teilweise nur noch so, dass Single nach Single veröffentlicht wird und erst dann entschieden wird, ob sich ein Album überhaupt lohnt.

Hannes: Ja, ich höre z.B. auch keine Playlisten. Ich höre mir schon gerne ganze Alben an.
Jonas: Das Album wird für uns immer ein wichtiges Ding bleiben.
Hannes: Aus der Sicht von demjenigen, der Musik macht, ist es ein befriedigenderes Gefühl, so ein ganzes Werk zusammen zu haben anstatt nur viele Singles nacheinander.
Jonas: Ein schöner Teil des Prozesses ist ja auch, dass die ganzen Lieder zusammen kommen zu einem Ganzen. Da muss man auch nochmal ganz viel Kreativität reinstecken, damit es soweit kommt. Das würde mir auch fehlen, wenn ich nur Singles rausschießen würde.

Und irgendwann in diesem Prozess habt ihr euch für den Albumtitel „The Only Thing That’s Real“ entschieden. Warum dieser Titel?

Hannes: Die Frage ist ja, was ist „the only thing that`s real“?
Jonas: Über den Titel des Albums haben wir lange nachgedacht. Wir hatten einen eigenen Chatverlauf für Albumtitel. Das war ein langer Chat, ich würde ihn gerne veröffentlichen eines Tages, da sind gute Titel dabei! Die nächsten zehn Jahr brauchen wir wahrscheinlich keine Albumtitel mehr, die stehen da alle schon drinnen.

ATOGK_TheOnlyThingThatsReal_AlbumcoverAuf dem Cover, das auch gut eine sehr abstrakte Fabel darstellen könnte, steht auch „The Only Thing That´s Real“. Was auf dem Cover ist die eine Sache, die real ist?

Hannes: Bei den letzten beiden Alben hatten wir klare Motivvorstellungen, das gab es jetzt gar nicht. Wir haben Yvonne Mosel, die auch schon unsere letzten Alben gestaltet hat, die Lieder geschickt und ein bisschen was dazu erklärt. Für sie ist the only thing that´s real etwas Familiäres und deswegen wollte sie gerne ein Familienporträt machen, das aber auch gar nicht real ist.

Ihr seid auf dem Cover abgebildet. Seid ihr als Band eine Familie?

Hannes: Vielleicht.
Jonas: Das ist auf jeden Fall meine längste Beziehung – neben meiner Familie.

Ein kleines Tierfaible kann bei euren Alben schon rauslesen – Dino, Taube aka. Shrimp, jetzt Axolotl, Schmetterling. Die Taube auf Shrimp war da noch sehr konkret. Jetzt ist es eher das Gegenteil. Ist das Cover so, wie das Album ist? Ist es nicht so homogen wie das letzte?

Jonas: Es ist bunter, würde ich sagen. Es passt schon gut zusammen. Shrimp ist eher tiefer und in eine Farbe: Farbe Blau. In Farben ausgedrückt ist „The Only Thing That´s Real“ schon bunt.

Gibt es für euch Songs, die eure Herzenssongs sind, aber kein klassisch „poppiger Hit“ auf dem Album?

Jonas: Der Song All Banks Are Dry. Vielleicht weil es der letzte Song ist, den wir fertig gemacht haben. Ich konnte lange nichts mit dem Song anfangen und irgendwann hat Hannes den Song nochmal ausgepackt und alles gelöscht und dann haben wir ihn zusammen fertig gemacht.
Hannes: Bei All Banks Are Dry waren wir uns einig, dass die Melodie schon irgendwie cool ist, alles drum herum uns aber nicht so abholt und dann habe ich einfach alles gelöscht außer der Melodie. Löschen ist echt saugeil, das kann ich nur empfehlen. Man neigt ja schon dazu, manchmal Sachen durch noch Mehr besser machen zu wollen. Manchmal funktioniert es vielleicht, oft aber nicht.
Für mich ist auch der Song Rainbow Melancholy ein weiterer Herzenssong, weil es eine ganz andere Stimmung hat und es in der Chronologie der erste Song war, bei dem wir z.B. Chöre ausprobiert haben.

In dem Song Hostility bin ich über eine Zeile gestolpert: „Music is hostile to me“. Das kriege ich nicht zusammen mit Musikern.

Hannes: Das wurde am Anfang des Lockdowns geschrieben. Da ist zum ersten Mal der ganze Scheiß mit der Flüchtlingssituation auf den griechischen Inseln medial wieder durchgekommen. In dem Zuge ist das zu sehen: dass das alles so scheiße ist, dass man da auch nicht noch schöne Musik hören will.

In welcher Situation kann man aus eurer Sicht am besten A Tale Of Golden Keys hören?

Hannes: Grundsätzlich ist es am besten, wenn man Livemusik hört. Und die Platte würde ich mir auf jeden Fall alleine anhören. Zu der letzten Platte (Shrimp) hat jemand zu mir gesagt, dass das eine total gute Platte zum Nebenbeihören ist, während man in der Küche etwas macht. Er hat es gut gemeint, aber bei dieser Platte würde ich nicht mehr so viel nebenbei machen.

Stichwort Livemusik: tatsächlich könnt ihr A Tale Of Golden Keys vom 29.-31. Oktober in der Kantine erleben – zwar nicht im klassischen Setting eines Releasekonzerts, aber dennoch mit kleinen Akustikshows, einer Ausstellung und Plattenverkauf.

Wir sagen: vielen Dank für das Interview und wünschen einen Happy Release Day!

// Text: Sarah Grodd //
// Bilder: Marri Ferrari; A Tale Of Golden Keys //