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Interview mit Love Machine – von Düsseldorf nach Tokyo

Wer „Love Machine“ googelt, hat zunächst entweder Angst, erotische Dinge vorgeschlagen zu bekommen oder landet erst einmal wohl eher bei irgendwelchen Trailern zu gleichnamigen Filmen. Gut versteckt hat sich die Band Love Machine also auf den ersten Blick. Schon beim ersten Hören wird allerdings klar, dass sich die Band um Sänger Marcel alles andere als verstecken muss.

Am 26. Februar veröffentlichen Love Machine ihr viertes Studioalbum auf UNIQUE RECORDS, das den Namen „Düsseldorf – Tokyo“ trägt. Auf diesem Album wird ihre Heimatstadt Düsseldorf zum Schauplatz von Geschichten über Sucht und Absturz, über Ausnüchterung und Freundschaft. Dabei zelebrieren Love Machine eine Mischung aus Americana, Westcoast-, Psychedelic- und Progressive Rock.

vlcsnap-2021-02-10-16h19m34s658Wir haben die virtuelle Verbindung zwischen Düsseldorf und Nürnberg aufgespannt und mit Sänger Marcel über japanische Bands und Düsseldorfer Kneipennächte, über Tiefpunkte und Höhenflüge sowie über die Entstehung des Albums gesprochen.

Düsseldorf ist ja klar, aber warum zur Hölle Tokyo?

Marcel: Wir leben alle in Düsseldorf und kommen auch von hier. In Düsseldorf gibt es eine sehr starke Japan-Community und hier leben sehr viele Menschen aus Japan. Allein auf der Immermannstraße, die um den Hauptbahnhof herum ist, gibt es sehr viele japanische Lokale und Supermärkte. Das hat einen starken Impact. Abgesehen davon auch die Verbindung mit japanischen Bands, die auch schon einmal über uns, über die Veranstaltungsreihe Ritus Underground, hierher gekommen sind, z.B. Acid Mothers Temple, Kikagaku Moyo, Minami Deutsch. Diese tranceartige Krautmusik zieht in den Bann und steht in Verbindung mit Düsseldorf sehr weit vorne. Und nicht zuletzt natürlich auch eine tiefe Sehnsucht danach, dieses Land oder diese Stadt zu besuchen. Das ist für mich grob gefasst dieser Albumname „Düsseldorf – Tokyo“.

Kann man „Düsseldorf – Tokyo“ also als thematisches Konzeptalbum rund um eure eigene Lebenswelt in Düsseldorf bezeichnen?

Marcel: Das ist ein Album, auf dem viele Geschichten vom Scheitern und Wiederaufstehen Platz finden und deswegen ist der Stadtname im Albumtitel drin. Mir schwebt immer dieser Weg von der Altstadt zum Worringer Platz vor. Wenn man eigentlich schon gar nicht mehr konnte, hat man sich noch zum Worringer Platz, zum WP8 bewegt, wo bis 6 Uhr morgens auf war. Und auch gerade dieses Repetitive, dass sich alles im Kreis dreht und diese Maschine, die einen selbst antreibt, ist in diesem Album verarbeitet. Es ist zuletzt aber natürlich auch eine Liebeserklärung an unsere Stadt.

Das Lyrische Ich auf eurem Album scheint immer unterwegs zu sein, aber doch nicht richtig fortzukommen?

Marcel: Ich bin sehr stark mit mir ins Gericht gegangen und habe auch viele Änderungen im Privaten durchlebt, um die es ganz stark auf dem Album geht: Hinterfragen, was ich da überhaupt mache und woran ich da eigentlich arbeite fernab der Musik. Ich glaube, wenn man sich selbst reflektiert, kann man ganz weit laufen und kommt eigentlich nie an.

Aufgenommen habt Ihr „Düsseldorf – Tokyo“ von Ende 2019 bis Anfang 2020 auf einem Bauernhof im Schwarzwald. Was hat Euch als Großstadt-Jungs aufs Land gezogen?

Marcel: Es ist einfach ein ganz anderer Abstand, den du bekommst. In erster Linie ist es ein Abstand zu alten Gewohnheiten und Mustern, die mich gerade in diesem Album sehr beschäftigt haben. Mit einem gewonnen Abstand lässt sich das ganze Erlebte auch ganz anders verdauen und zu einem runden Ding machen. Das ist der Grund, warum wir uns zwei Wochen in den Schwarzwald verzogen haben. Ich persönlich konnte dadurch auch sehr tief eindringen in die schon offenen Wunden und dort einfach mal ein bisschen drin rumwühlen und gucken, was mich daran stört und welche Splitter da drin sind, die ich vielleicht sogar noch rausholen und irgendwo einbetten kann. Es fiel mir dort sehr viel einfacher – was ich vorher nicht wusste – als in einen bekannten Keller zu gehen, wo man schon viele dieser bekannten Strukturen mit reingetragen hat. Es war sehr clean und ideal, als Neustart und als Ort des Entstehens so einen unbefleckten Ort zu wählen.

Wie viele Songs hattet ihr vor dem Schwarzwald-Trip denn schon fertig?

Marcel: Wir sind im Voraus schon sehr viele Ideen angegangen und haben das ein bisschen wirken lassen, immer mal wieder ein bisschen recycelt. Nachdem wir hier wieder angekommen sind, habe ich zusammen mit meinem Bandkollegen Felix einfach nochmal vier, fünf Texte geschrieben. Ich habe meinen Job verloren, als ich aus dem Schwarzwald wiedergekommen bin und das war für mich ein sehr einschneidendes Erlebnis, nach dem Studioaufenthalt einen Neuanfang zu erleben. Schon im Schwarzwald konnte ich sehr viel nachdenken und als dann auch der Druck mit einem 40-Stunden-Job weg war, ob gewollt oder nicht, flossen nochmal ganz andere Energien.

Das Album ist wie eine Reise, auf der man sich die Frage stellt, ob man irgendwann ankommt. Das ist ein „Mit sich selbst ringen“.

Acht Songs auf dem Album sind (zumindest überwiegend) auf Deutsch. Warum habt ihr euch von Englisch abgewandt? Was fällt euch leichter beim Schreiben und Ausdrücken?

Marcel: Auf Deutsch schreibt es sich viel ungenierter. Irgendwann sind wir im Englischen an eine Grenze gestoßen und haben uns die Frage gestellt, wie viele kryptische Texte wir noch schreiben wollen. Es war für mich viel ehrlicher, sich mal damit auseinander zu setzen, wie das klingt, deutsche Texte zu verwenden. Es war tatsächlich nicht geplant, dass acht dieser Lieder in Deutsch rauskommen, aber es fühlt sich sehr gut an und ist sehr befreiend. Das heißt aber nicht, dass wir nur auf Deutsch weitermachen.

Gerade, weil es so tiefgreifende Themen sind, die dort behandelt werden, war es so wichtig, das auf Deutsch zu tun und sich nicht hinter einer anderen Sprache zu verstecken. Der Song „Lieblingsbar“ beschreibt z.B. dieses Verlangen, dann doch nochmal weiter zu reisen und nicht anzukommen. Wenn man Angst davor hat, in einem Hafen anzulegen und der Weg in die nächste Lieblingsbar schnell gemacht ist.

Album CoverErzählt etwas zum Worringer Platz in Düsseldorf, der Ort, der euer Albumcover ziert. Ist das der Platz, an dem die Geschichten auf eurem Album passieren?

Marcel: Es kann sehr erschreckend sein, am Worringer Platz seine Runden zu ziehen. Man sieht Leute, die am Leben zerbrochen sind und dort entweder Heroin spritzen oder an der Methadon-Ausgabe stehen. Ich finde, das macht schon ziemlich viel mit einem, wenn man da vorbei geht und sich in der Lieblingsbar einen reinstellt. Entweder du versackst dort als jemand, der noch nicht ganz verkackt hat, oder du schaffst den Absprung. Ich finde, es ist eine ganz grundsätzliche Frage, wie weit man sich in diese Richtung bewegt.

Wir wüsnchen einen Happy Release Day und sagen vielen Dank für das Interview!

PS: Das Interview könnt ihr auch bei unseren Freunden von Tommy & Brit auf Radio Z nachhören!

// Interview: Sarah Grodd und Andreas Schemm //
// Foto: Jens Vetter //