reden ist silber

Konfetti! Und außerdem … Grau grau grau blüht der Enzian

In einem früheren Leben hatte ich mal eine Kollegin, die war zehn Jahre älter als ich und eine eindrucksvolle Erscheinung, was nicht zuletzt daran lag, dass sie tagtäglich so stilvoll wie in meinen juvenilen Augen eintönig gekleidet war. Tagein, tagaus, ungeachtet eines Wetters oder einer Jahreszeit war die dominant um ihren Leib gehüllte Farbe dem Spektrum „Grau“ entnommen. Das fand ich damals so seltsam wie unvorstellbar, und umso verwunderter registriere ich heute, dass ich nicht nur auf einmal umgeben bin von grauen Eminenzen, sondern direkt selbst zu einer geworden bin. Grau is the Shit! Wir tragen graue Klamotten und kaufen graue Accessoires, wir haben graue Sofas und graue Fußböden, und wenn es graue Sachen zu essen gäbe – ich sag’s euch, das wär unsers! Ah, Einschub: Dass es sehr wohl graue Sachen zu essen gibt, weiß ich, seitdem in jüngerer Vergangenheit mal der Schatz versucht hat, Klöße zu machen wiedieOma, aber da muss man jetzt auch sagen, dass so grau-schleimige Quallenbälle in der Tendenz eher doch nicht … naja. Also jedenfalls: Grau, grau, grau sind alle meine Kleider, grau, grau, grau ist alles was ich hab; darum lieb ich, alles was so grau ist, weil … Ja, warum denn jetzt eigentlich? Wir tragen grau in allen Schattierungen, finden überhaupt nichts dabei, der Farbenfreude abzuschwören, und unser einziges Zugeständnis an die Jahreszeiten ist ein frisches Hellgrau im Sommer statt des dunklen Gefährten im Winter. Freilich haben wir allerlei Erklärungen parat: Grau ist zeitlos elegant, passend zu jedem Anlass, nicht so fleckanfällig und zudem nervig raffaelo-frisch wie Weiß, kommt aber gleich weniger lebensverneinend-trauerkloßig daher wie Schwarz. Reden wir uns ein und ergrauen fleißig weiter vor uns hin. Ich sag euch, wie’s in Wahrheit ist: Grau ist das Vor-Beige! Ja ja, ihr habt schon richtig gehört und müsst jetzt gar nicht angewidert schauen und „Niemals!“ wettern, genau so wird es kommen. All diejenigen, die zu buntgewandeten Zeiten ein Grau als Ausdruck größter Ödnis und frustrierter Schicksalsfügung betrachtet haben, werden dereinst als wandelnde Sanddünen die Straßen bevölkern und überhaupt nichts dabei finden. Zuvor gibt’s in der Lebensmitte, also in absehbarer Zeit, ein kurzes und gleichwohl scheußliches Aufbäumen, im Zuge dessen ihr meint, es sei angebracht, sich mit Mitte 50 aus Gründen der Coolness und noch-längst-nicht-zum-alten-Eisen-Gehörigkeit in den Teenieabteilungen möglichst quietschig einzudecken. Dann werdet ihr merken, dass das zu anstrengend ist und der Griff zum Spät-Grau, also Beige, so viel leichter. Dann werdet ihr Busreisen buchen und fürderhin als Wanderdüne durch die Landen ziehen. Und im besten Fall euch mal anschauen und merken, dass das alles irgendwie mal anders geplant war. Unser Glück: Nachts sind alle Katzen grau!

// Text: Katharina Wasmeier / Bild: Hannah Rabenstein //

~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~