reden ist silber

Konfetti! Und außerdem … Pfandzettelgate

Der Mensch, den ich öffentlich nicht mehr nennen darf, weil er Sorge trägt, dereinst als Rabenvater stigmatisiert und darob exkommuniziert zu werden, wenn ich weiterhin pausenlos meine schwere Kindheit in die Welt hinaustrompete, und den wir zum Zwecke der Anonymisierung fürderhin „Erbmassenverwalter“ nennen wollen, hat viel daran gesetzt, mich zu einer lauteren und seinem Beispiel folgend moralisch unfehlbaren Person zu erziehen. Seitdem tapse ich einigermaßen unbeholfen in seinen großen Fußstapfen umher und umgebe mich mit dem Nimbus absoluter Tadellosigkeit, von der niemals jemand auf die Idee kommen würde, sie diene lediglich einem einzigen Zweck: nie, nie, niemals in die höchst unangenehme Situation zu kommen, „erwischt zu werden“.
 
Während sich beispielsweise Freundinnen ihr studentisches Lotterleben durch konsequentes Schwarzfahren verdingten, löse, nein, wir erinnern uns: löste ich artig jedes noch so lächerliche Kurzstreckenticket einzig aus der übermächtigen Panik davor, beim illegalen Tun erwischt und unter dem Gejohle der Massen als Kleinkrimineller abgeführt zu werden. Ich schmuggle mich nicht auf Festivals, weil auf meiner schweißglänzenden Stirn ein weithin sichtbares „Betrüger“ steht, die Steuererklärung lasse ich dreimal kontrollieren, wegen mit einem Bein im Knast, und finde ich auf der Straße fünf Cent, lasse ich sie liegen, weil der Besitzer könnte ja in dem Moment zurückkommen und mich beim Klauen erwischen. Neulich bin ich vom Pfad der Tugend abgekommen, und seitdem weiß ich nicht nur wieder, wie sich „erröten“ anfühlt, sondern leuchte schon allein beim Gedanken an die Missetat erneut auf wie eine Ampel. Nein, nicht grün.
 
In einem Pfandautomat hatte ich einen vergessenen Zettel gefunden, was mich gleichwohl besorgte (Tugend) wie erfreute (Gier), prangte doch darauf ein prächtiger einstelliger Betrag. Ich wartete ab, suchte nach dem Besitzer, aber, nein, ich bin nicht zum Infohäusel gegangen und habe ihn ausrufen lassen, das ist richtig, sondern dann gedacht: Ja, blöd jetzt, aber dann muss ich das Ding wohl behalten. Es erfolgte ein längerwieriger Einkauf, man hatte ja Zeit und jetzt auch Geld, dann ein heiteres Wechselspiel an der Kasse (Kasse 1 Schlange, Kasse 2 auf, Umverteilung, Kasse 3 auf, Umverteilung, Kasse 2 zu, Umverteilung), ich zahlte und sprach „Oh, das Pfand hab ich ganz vergessen!“, die Kassenfrau las den Betrag vor, und plötzlich fiel Damokles‘ Schwert herab. „FÜNF EURO? DES IS DOCH UNSRER!!“ brüllte es von hinten, und ab dann weiß ich nichts mehr, weil eine spontane Umschichtung allen Hirnbluts in die Ohren erfolgte. Während ich vor Scham halb von Sinnen aus dem Geschäft taumelte, keifte es „ALZO DA KÖNNERT MER JA MAANA DASS MER DES AN DER KASSN ABGIBT!!“ Mach ich sofort wieder, ich schwör! Alles, ich geb alles an allen Kassen ab! Auch Müll. Man weiß ja nie.

 

// Text: Katharina Wasmeier / Bild: Hannah Rabenstein //

~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa!“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten ~