Nachbericht: Kraftklub in der PSD Bank Arena
Mit ihrem aktuellen Album „Sterben in Karl-Max-Stadt“ (VÖ: 28.11.25) touren Kraftklub aktuell durch die größten Hallen des Landes. Am 19.03. begeisterten sie 10.000 Menschen in der PSD Bank Nürnberg Arena.

Während die letzten Besucher:innen um 19:30 Uhr die Arena betreten, beginnt der Support Act „Yung Pepp“ seine 30-minütige Show. Angekündigt wird er von Kraftklub-Frontmann Felix Kummer höchstpersönlich, der die Menge dazu animiert, Yung Pepps Show zu genießen. Der 17-jährige Indie-Rap- Künstler aus Leipzig darf an fünf Abenden die Show für Kraftklub eröffnen. „Ich habe dafür schulfrei bekommen“, schmunzelt er und erntet lauten Jubel vom Publikum. Erst im Januar spielte Yung Pepp seine erste eigene Tour („die noch nicht ganz so große kleine tour“) in Berlin, München, Hamburg und Köln. Beim jungen Newcomer finden sich keinerlei Anzeichen von Nervosität ob der großen Menschenmenge. Sympathisch und sichtlich dankbar performt er seine Show und erhält vom Publikum eine Menge Applaus.
Nur 20 Minuten später erlischt das Licht und es hallen schon jetzt laute Jubelschreie durch die Arena. Nebel schießt auf die Bühne und das riesige „STERBEN IN KARL-MARX-STADT SCHILD“, das auch das Album-Cover ziert, wird langsam auf die Bühne gesenkt. Einzelne Buchstaben leuchten rot auf, durch die Boxen schallt das Intro des Songs „Marlboro Mann“ und Kraftklub betreten die Bühne. Ein fulminanter Show-Start, dem das Publikum Jubel und Applaus entgegenbringt. Während die ersten Zeilen gesprochen werden, leuchten die großen Lettern des Schilds nun komplett rot auf. Noch wirken Bühne und Musik ruhig und geheimnisvoll, doch das ändert sich ab der Hälfte des Songs, als plötzlich Unmengen an rot weißem Konfetti mithilfe riesiger Ventilatoren in die Menge geschossen werden. Der erste Höhepunkt nach 2 Minuten? Kraftklub wissen, wie Konzerte funktionieren.

„Früher kleine Läden und jetzt nur noch volle Hallen“
Es ist beinahe unmöglich, Highlights oder Höhepunkte dieser Show hervorzuheben, denn auch wenn es klischeehaft klingen mag: Das ganze Konzert ist ein Highlight. Im Song „Unsere Fans“ (Album: In Schwarz, VÖ: 2014) singt die Band ironisch über ihre Fans und wie diese sich verändert hätten, jetzt, wo sie bekannt sind. Zwischen den Zeilen zählen sie hier all die Argumente auf, die Bands entgegengebracht werden, wenn sie vom kleinen Newcomer zu erfolgreichen Größen werden. Und trotzdem denken wir an diesem Abend an diese eine Zeile, „Früher kleine Läden und jetzt nur noch volle Hallen“, während wir uns den Werdegang der Band aus Chemnitz vor Augen halten.

Wobei, so ganz stimmt das nicht. Auch wenn hier 10.000 Menschen eine mächtige Live-Produktion erleben und die meisten Shows dieser Tour nach nur einem Tag ausverkauft waren: Kraftklub schaffen auch in der bislang erfolgreichsten Phase ihrer Karriere den Spagat zwischen „ausverkaufte Arena-Tour“ und „nahbare Promo-Tour“. So sind Felix, Till, Steffen, Max und Karl im vergangenen Jahr von Sommer bis Winter durch die Republik gefahren und haben spontane, kostenlose Promo-Shows gespielt. Die Locations: Waschsalon, Skatepark, REWE-Markt, Tattoo-Studio, Schloss. Bis hin zum Reeperbahnfestival in Hamburg, bei dem sie an einem Tag 15 Auftritte absolvierten. Und an vielen Stellen der Show in Nürnberg fühlt es tatsächlich so an, als wären wir im kleinen Kreis mit den engsten Freund:innen und nicht in einer ausverkauften Arena – weswegen wir jetzt sagen sollten: „Früher kleine Läden und jetzt auch noch volle Hallen“.

Persönlich, hoffnungsvoll, gemeinsam
In kürzester Zeit sind Band und Publikum eins. Das liegt nicht nur daran, dass die Besucher:innen sowohl von den alten als auch von den neuen Songs jedes Wort mitsingen können, sondern auch an der Art und Weise, wie Kraftklub ihrem Publikum das Gefühl von Gemeinschaft und Zusammenhalt geben. Da gibt es wichtige politische und gesellschaftliche Ansagen, über die wohl niemand bei dieser Band überrascht ist – denn die Chemnitzer Band wird nie müde zu erwähnen, dass sie sich u.a. ganz klar gegen Rassismus, Homophobie, Sexismus und die Strömungen von Rechts stellen. Dennoch ist es in Zeiten wie diesen wichtig zu hören, dass man nicht allein ist mit Gedanken, Haltungen und Hoffnungen.

Auch der persönliche Bezug zu den Städten, in denen die Tour Halt macht, ist zu jeder Zeit da. Frontmann Felix Kummer nennt das Publikum „Fränkische Löwen“ und schwelgt an anderer Stelle von ihrem ersten Auftritt bei Rock im Park 2011 in genau dieser Arena. Für den Song „So rechts“ vom aktuellen Album wird der unermüdliche Bewegungsdrang, der sich zwei Stunden lang besonders in einer rekordverdächtigen Anzahl an Moshpits äußert, im Publikum choreografisch koordiniert: Im Innenraum und auf den Rängen werden alle dazu aufgerufen, abwechselnd ein paar Schritte nach rechts und links zu springen – das Gemeinschaftsgefühl? Zu 100 Prozent da.

Ohne die Nähe zum Publikum geht’s nicht
Trotz all dem Platz auf der riesigen Bühne zieht es die Musiker immer wieder an den Ort, an dem sich die meiste Energie sammelt: mitten im Publikum. Sänger Felix verschwindet nach einem Song und taucht in den Gängen der Arena auf – mit einer gelben Warnweste. Er müsse sich um die Sicherheit in der Arena kümmern und kontrollieren, ob alles ordnungsgemäß abläuft. Die Szenen werden auf der großen Videowall gezeigt, die sich über die komplette Bühnenbreite zieht. Das leuchtende Schild wurde wieder unter das Hallendach gezogen und das Publikum hat nun freie Sicht auf die Wand, auf der abwechselnd Fans und Band live gezeigt werden. Der Frontmann begibt sich in den Innenraum, begleitet von einer Kamera. Er spricht mit Fans, begutachtet deren Merch und endet am FOH, wo er dann den Song „Halt’s Maul und spiel“ anstimmt. Es dauert nicht lange, bis er sich dann singend und rückwärts laufend seinen Weg durch die Menge zurück zur Bühne bahnt.

Das sollte nicht der letzte Kontakt mit dem Publikum sein. Kurze Zeit später begibt sich die komplette Band mitten in die Halle auf ein kleines Podest. Umringt von singenden und jubelnden Menschen feiert die Band einen rave-artigen Moment mit „Zeit aus dem Fenster“, badet bei „Kein Liebeslied“ im Schein tausender Handylichter und stimmt einen Chor bei „Schief in jedem Chor“ an. Gänsehaut-Momente vom Feinsten. Für die Performance von „500 K“ besuchen Till und Felix die Besucher:innen im Oberrang und rappen über das Geländer gelehnt für die erleuchtete Arena – Höhepunkt Nummer „wir haben aufgehört zu zählen“. Und auch das Ritual des Glücksrads darf auf dieser Tour natürlich nicht fehlen. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Band das Glücksrad „geschrumpft“ hat. So steht es in Miniaturform auf einem der Gitarrenverstärker und die Arena bricht in Gelächter aus. Für das Drehen des Rads wird ein Fan auf die Bühne gebeten und der Pfeil zeigt schließlich auf den Song „Blau“ vom Album „In Schwarz“.

„Dann feiern wir ein Fest – alle fresh und ewig jung“
Von visuellen Highlights bis hin zu den nahen Momenten mit dem Publikum: Diese Show bietet im Minutentakt besondere, kreative und stimmige Momente. Während „Fallen in Liebe“ werden Felix und Karl jeweils von einem einzigen Spotlight beschienen – ihre Silhouetten sind auf die Rückwand projiziert. Ein brennendes Bengalo oder auch die Fahnenschwenker:innen während „Randale“ sorgen für noch mehr Energie im Publikum. Für „Wenn ich tot bin fang ich wieder an“ wird eine große Discokugel auf der Bühne herabgesenkt, die das Licht der Scheinwerfer in den Raum reflektiert – die Arena hat sich nun in einen riesigen Club verwandelt.

Auch Support-Act Yung Pepp darf noch einmal Teil der Show sein und singt gemeinsam mit Kraftklub den „Echt“-Hit „Du trägst keine Liebe in dir“ – ein rührender Moment, in dem das Publikum kurz durchatmen kann. Verschnaufpausen gibt es bei Kraftklub Konzerten bekanntlich nur sehr wenige.

Wer die Band bei Social Media verfolgt, weiß: Der Publikumsliebling des neuen Albums hat sich bereits bei den vorherigen Shows gezeigt. „Kippenautomat“ mit seinem „döp döp döp“- Part verwandelt sich auch in Nürnberg zu einem roten Faden der Show. Mehrmals verfallen die Besucher:innen in „döp döp döp“-Chöre, die Band nimmt das schmunzelnd und dankbar entgegen. Beim großen Finale, „Songs für Liam“, wird „Kippenautomat“ dann noch einmal angespielt. Zur Begeisterung der Arena, die noch immer nicht genug von diesem Ohrwurm bekommen kann.

„Wir haben’s geschafft – schon bis hierher“
Dass die neuen Songs genauso viel Energie und Spaß mit sich bringen, wie die „alten Klassiker“, beweisen sowohl die fünf Chemnitzer als auch die 10.000 Menschen in der Nürnberger Arena. Von „Ich will nicht nach Berlin“ über „Schüsse in die Luft“ bis hin zu „Fahr mit mir (4×4)“ und „Unsterblich sein“. Textsicher und energiegeladen feiern sie über zwei Stunden lang die Musik und das Leben – um für einen kurzen Moment im übertragenen Sinne durchzuatmen.

Die Show ist groß, mächtig und abwechslungsreich auf allen Ebenen. Sound, Performance und Show- Elemente sind nicht von Konzerten internationaler Top-Acts zu unterscheiden. Die „Sterben in Karl-Marx- Stadt Tour“ ist eine große Party, ein Wohlfühlort. Großes Entertainment in seiner pursten und nahbarsten Form.

Während Kraftklub die Bühne verlassen, singt unsere innere Stimme im Kopf noch immer „döp döp döp“ in Dauerschleife. Tausende Menschen bahnen sich glücklich ihren Weg über den mit Konfetti übersäten Boden nach draußen in die kühle Nacht. Der Ohrwurm wird noch eine Weile nachhallen; ebenso wie die Glücksgefühle, die Kraftklub bei ihrem Publikum an diesem Abend und nun schon seit 15 Jahren auslösen.





// Text & Bilder: Sarah Weinberg //
