Schreibschwein © David Häuser
Konfetti - Die Kolumne

Konfetti! Und außerdem … Bärtierchen

„2018 wurden Fadenwürmer nach 46.000 Jahren im Permafrost wiederbelebt.“ So zu lesen im großen Brockhaus, den ich grad zum Frühstück ein bisschen durchgeblättert habe auf der Suche nach Lebewesen, die sehr lange wie tot erscheinen können. Das Phänomen heißt „Kryptobiose“ (verstecktes Leben) und ist im Gegensatz zum Winterschlaf oder der Schreckstarre nichts, was mehr oder minder vorübergehend geschieht, sondern unter Umständen sehr, sehr lange anhalten kann. Besonders gut darin ist auch das allerliebste „Bärtierchen“, ein drolliges Geschöpf, dessen „relativ plumper Körper“ bis zu einem Millimeter groß werden kann und das, wenn im Außen irgendwas nervt, im Innen kurzerhand eine gehörige Pause einlegt und erst wieder munter wird, wenn ihm die Umweltbedingungen taugen. So ähnlich kennen wir alle das wohl von den seinerzeit aufs Heftigste begehrten „Yps-Krebsen“: Man kaufte (bzw. erbettelte sich von den Eltern) die gleichnamige Zeitschrift, in der sich ein Tütchen mit seltsamem Pulver verbarg. Dieses Pulver rührte man mehr oder minder gemäß der Anleitung in ein großes Wasserglas, und – o Wunder! – nach einigen Tagen begann das Pulver zu leben und sich in winzigkleine Krebslein zu verwandeln. 46 000 Jahre im Permafrost, da kann ich mir schon gut vorstellen, dass die Verwirrung beim Wiederaufwachen groß war: Hä, wo sind die vielen gigantomanischen Eidechsen hin verschwunden? Und warum tapsen stattdessen plötzlich überall haarige Wesen auf zwei Beinen herum, die seltsam grunzen und mit komischen Holzstecken wedeln, die vorne sehr hell und sehr warm sind? Ich schätze, ich würde vor lauter Verwirrung erstmal wieder einschlafen und hoffen, dass sich die Angelegenheit später anderweitig regelt. Dem Bärtierchen und seinen Leidens- und Lebensgenossen fühle ich mich sehr verbunden. Denn es gab jetzt drei Tage sowas wie einen Vorfrühling, und schon muss ich feststellen: Ich bin nicht vorbereitet! Circa ein dreiviertel Jahr habe ich jämmerlich gefroren, mich nur bewegt, wenn mir jemand eine Karotte oder heiße Kanne Tee vor die Nase gehalten hat, nur das allernötigste erledigt und mich ansonsten vornehmlich zwischen Bett und Kanapee aufgehalten. Also nicht wörtlich „zwischen“, das wäre ja dämlich so auf dem nackten Fußboden, aber ihr wisst schon. Dementsprechend fremdeln muss ich mit dem Aktionismus, der um mich herum ausgebrochen ist. Das liegt womöglich auch an meinem „relativen plumpen Körper“ von 1680 Millimetern, der sich als Gestaltwandler herausgestellt und darob die Form gewechselt hat. Jetzt habe ich einen großen Knick in Hüfthöhe sowie einen in den Knien und mein rechter Arm ist in legerer Stützhaltung am Ohr festgewachsen – Couch lässt grüßen. Wie, bitteschön, soll man denn so urplötzlich Fahrrad fahren, in Blumenwiesen herumturnen und aufrechten Ganges an einem Tresen vorstellig werden?! Richtig, ich weiß es auch nicht. Deswegen mach ich’s wie die Fadenwürmer, falte mich einfach wieder in meine Sofaform hinein und schlafe weiter. Ihr könnt ja draußen rumstressen.

// Text: Katharina Wasmeier / Foto: David Häuser //

~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~