Schreibschwein © David Häuser
Konfetti - Die Kolumne

Konfetti! Und außerdem … Große Schmelze

Dinge, von denen ich wusste, dass sie schmelzen können: Eisberge. Tiefgefrorener Fisch in der Kühltruhe, wenn man diese versehentlich für zwei Wochen vom Strom nimmt und in den Urlaub fährt (ergibt nicht nur eine Riesensauerei, sondern auch etwas, das mutmaßlich unter dem Begriff „infernalischer Gestank“ zu verstehen ist). Schokoladeneis in Kindergesichtern. Abbrennende Kerzen. Zuneigung. Verzückte Herzen. Blei auf einem Löffel zu Silvester. Käse auf der Pizza im Ofen. Schnee, den man an den Stiefeln in die Wohnung trägt. Fettpölsterchen (aber nur angeblich, und wenn dann garantiert immer die an der falschen Stelle). Das alles hat man im Laufe seines Lebens so gelernt und als gottgegeben hingenommen. Neuerdings werde ich da aber noch um ein paar Erfahrungen reicher, und in Anbetracht dessen, wie sich mein Gehirn grade anfühlt, fällt mir ein, dass ich noch was nachschlagen wollte. „Das menschliche Gehirn hat einen Proteingehalt von etwa 7 bis 10 Prozent bezogen auf das Frischgewicht (bzw. ca. 30 bis 40 Prozent des Trockengewichts ohne Wasser)“ steht im Internet, und dass Wasser bis zu 78 Prozent des Gesamtanteils ausmachen kann. Weiters ist zu lesen: „Die meisten Proteine denaturieren bei Temperaturen zwischen 40 °C und 80 °C. Ab ca. 40 bis 45 °C verlieren viele empfindliche Proteine […} ihre Funktion.“ Und da soll sich noch irgendjemand über irgendwas wundern? Mein Gehirn befindet sich also in einer Art Schmelzzustand, was so einiges erklärt. Allerdings erklärt es auch, warum sich auch viele andere Menschen bei den Temperaturen so seltsam verhalten, wie sie es tun – beispielsweise die ältere Dame gestern beim Einkaufen, die mir ihren Unmut über das Wetter, ihr Leben und meine Existenz dadurch mitteilte, dass sie mit ihrem Einkaufswagen mehrfach derart von hinten den meinigen rammte, dass dieser mich mehrfach empfindlich in der Achillesferse traf. Auf meine freundliche Frage, was jetzt dieses Geschubse soll, glotzte sie mich nur blöde an. Ich verzeihe ihr. Denn: alles schmilzt. Während das neulich die Straßenbahnbetriebe so langsam vor sich hin verstanden haben, hatte ich schon längst allerlei andere Schmelzvorgänge im staunenden Blick. Der Fahrradgriff, zu lange der Sonne ausgesetzt: schmilzt und klebt. Sämtliche Parkausweise, von Presseschild bis laminierter Anwohnerausweis: schmelzen in der Windschutzscheibe zu ebenso modernen Skulpturen wie die Kerzen, die in der vermeintlich kühlen Wohnung stehen. Jetzt, am jüngst vergangenen neuen Hitzerekordtag, konnte ich eine neue Beobachtung machen: mein Schatten kann auch schmelzen! Ganz langsam hat er sich in der sirrenden Luft aufgelöst und mit einem leisen Seufzen über den glühenden Asphalt erhoben. Ich hoffe, er ist jetzt an einem besseren Ort. Am besten einem kühlen.

// Text: Katharina Wasmeier / Foto: David Häuser //

~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~