Schreibschwein © David Häuser
Konfetti - Die Kolumne

Konfetti! Und außerdem … Hitparade

Das Internet ist wirklich manchmal zu nichts zu gebrauchen. Zum Beispiel, wenn man eine Erinnerung verifizieren möchte an Erlebnisse, die sich so ungefähr vor 25, 30 Jahren (huch!) abgespielt haben müssten und darum möglicherweise etwas vage sind. Dann muss es eben ohne gehen, aber sagt nicht, ich würde lügen! Also: In diesem genannten Früher gab es über Ostern eine sehr wichtige Sache und intensive Beschäftigungsmöglichkeit. Nämlich spielte ein Radiosender über alle Feiertage hinweg die Top 500-Lieblingshits der Hörerschaft. Das ist ja erstmal nichts Besonderes, weil das machen die ja im Prinzip dauernd. Aber in dem Fall kam ein ganz besonderer Service mit daher, nämlich: eine feinsäuberliche aufgelistete Liste aller geplanten Hits, die auf einer Doppelseite in der Zeitung vorab präsentiert wurde. Immer noch nicht so besonders? Dann habt ihr wirklich keine Ahnung, sprich: seid entweder viel zu alt oder viel zu jung. Weil für mich und meinesgleichen hatte dieses Wochenende eine unfassbar große Bedeutung – was dem Anlass entsprechend nur angemessen war. Ostern! Das höchste Fest der Christenheit, das aber zu meinem Unverständnis nicht mit einer vierwöchigen aufgeregten Vorbereitungszeit einhergeht wie im Dezember. Zu dem auch keine überdimensionalen Palmwedel vor dem Hauptbahnhof geschmückt werden, sich keine Horden zum allabendlichen Eierlikörchen auf dem Hauptmarkt treffen, relativ wenig geweint wird wegen unerfüllter Geschenkewünsche und meines Wissens nach vergleichsweise selten Kinderchöre überall erscheinen und Osterlieder trällern. Ich meine: Okay, wir feiern im Dezember eine Niederkunft, das sollte ja immer ein Anlass für Festivitäten sein. Aber an Ostern passiert doch die große Magie, der echte Shizzle, das könnte man doch ruhig ein bisschen mehr würdigen? So tat das also in unserem Sinne dieser Radiosender und bescherte uns armen Millenials, die wir ja nichts hatten – kein Smartphone, kein Internet, kein Netflix, es war so schrecklich! – ausgesprochen aufregende Tage mit einer Art frühzeitlichem Spotify, was auch nur minimal aufwendiger war als heutzutage. Anhand besagter Liste wusste ich auf die Sekunde exakt, um wie viel Uhr welcher lebenswichtige Song gespielt wurde, und damit DIE Chance, ihn endlich in voller Länge und ohne lästiges Geschwafel vorne und Werbejingle hinten auf Kassette (sowas wie ein USB-Stick) zu fixieren. Ich saß also drei Tage vor dem HiFi-Turm in meinem Kinderzimmer, die Zeitung um mich gehüllt wie eine Toga. Nagelneu gekaufte Kassetten häuften sich um mich herum, und ich war absolut bereit. Bereit, den „record“-Knopf zu drücken, wenn eines meiner Lieblinge in die Pipeline des Äthers gelangte, den wichtigen Fang sogleich sorgsam auf dem Coverzettel zu notieren und somit musikalisches Überleben für das kommende Jahr zu sichern. Leider gibt es das heute nicht mehr. Ich habe also viel Zeit für Eiersuche und Geschenke. Versteckt ihr mir was? Das wäre dem Anlass doch angemessen. Frohe Ostern!

// Text: Katharina Wasmeier / Foto: David Häuser //

~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~