Ausprobiert

Ausprobiert: Reiten

Die Frühlingssonne scheint mir ins Gesicht, die Vögel zwitschern, ich atme frische Landluft durch die stadtgeplagte Nase. Der Tag könnte so schön sein. Wäre da nicht Schorsch. Schorsch ist sechs Jahre alt, braun und ungefähr 17 Meter groß. „Der ist ein ganz Verschmuster, der tut nix“, hat Steffi gesagt. Aber die kann ja viel sagen, kenn ich schon, das. Von Hundebesitzern. Ich befinde mich in der Nähe von Diepersdorf in einem sogenannten „Offenstall“. Das heißt so, weil die Bewohner dieses Stalls nicht in Boxen hausen, sondern frei herum laufen dürfen. Dass sie das auch tun, habe ich direkt am eigenen Leib erfahren.

„Komm, wir gehen sie mal alle begrüßen“, hat Steffi gesagt und mich durch einen Holzverschlag geschickt. Und sofort war ich umzingelt von 20 Beinen, sehr langen und sehr kurzen, auf denen sich sehr neugierige Köpfe mit sehr großen, sehr gierigen Mäulern befinden. Hilfe! Ich habe seit zwanzig Jahren nichts mehr mit Pferden zu tun gehabt. Früher, freilich, gab’s Wendy zum Lesen und Moritz, ein dickes Minipony, auf dem ich beim Großelternbesuch herumzuppeln durfte. Ansonsten beziehe ich mein dezidiertes reiterisches Wissen von sorgfältig aus Tischen, Stühlen und Polstern gebauten Ersatz-Pferden, auf die ich mich setzen und unter der strengen Anleitung reiterlich geschulter Freundinnen die korrekte Körperhaltung im Tölt lernen musste. Jetzt soll ich das also am lebenden Objekt nachholen. Damit Schorsch und ich uns kennenlernen, durfte ich ihm gleich mit niederen Arbeiten zu Diensten sein. Also: putzen!

Gut, das muss man ein Auto ja auch, aber das stupst einem nicht mit der Nase, pardon: Nüstern in den Hintern, während man es aussaugt. Kurz darauf glänzen Pferd (sauber) und designierter Reiter (schwitzend), der Sattel sitzt und die Straßsteine blinken in der Sonne. Nicht nur die auf Schorschens Trense, sondern auch die auf meinem Leih-Helm, aber Sicherheit geht vor und die Straßsteine sind allemal besser als das Meer aus angeklebten Plastikblumen des Alternativ-Helms, den die Reitfreundin geflissentlich (und schadenfroh) bereitgestellt hat. Nächste Challenge: aufsteigen. Mit der Grazie eines Fabelwesens (Troll) erklimme ich den Riesen, ohne auf der anderen Seite wieder runterzufallen – was natürlich nichts mit der Trittleiter zu tun hat. Ok. 1,80 Meter Stockmaß dürfte in etwa bedeuten, dass mein Kopf jetzt auf circa drei Metern Höhe liegt.

Wie in der Fahrschule lerne ich: Am Zügel in die gewünschte Richtung zupfen, mit einem Bein gegengleich dem Tierchen in den Wanst drücken. Starten: Mit beiden Beinen drücken. Bremsen: Zurücklehnen und „BRRRR!“ rufen. Habe Sorge, zu fest zu drücken. Habe vor allem Sorge, zur Strafe abgeworfen zu werden. Bin überrascht, als Schorsch dann doch losgeht. Klackklack, klackklack, ganz gemächlich und trotzdem höchst irritierend, dass das, womit man sich gerade fortbewegt, in sich selbst auch sehr beweglich ist. Erinnere mich ans Wohnzimmertraining: Bewegungen geschmeidig mitmachen. Super. Geschmeidig mit Schorsch in ein Schlagloch stolpern: nicht so super. Habe Angst um meine Bandscheiben. Da sei ihr jetzt nichts bekannt, sagt Steffi, und führt uns auf den Verkehrsübungsplatz.

Der Schorsch ist ein sensibles Tier, und bis ich das mit den gegengleichen Bewegungen zum Lenken verinnerlicht habe, laufen wir lustige Schlangenlinien. Bin stolz: immer noch nicht abgeworfen worden. „Und jetzt gehen wir mal über ein Hindernis“, sagt Steffi, und noch bevor ich protestieren kann, ist Schorsch schon drübergelatsch. Über den am Boden liegenden Ast. Sehr viel wackliger: die Wippe, aber weil der Sandboden höchst uneben und Schorsch ein kleiner Tölpel ist, macht das auch schon nichts mehr. „Absatz tief, Zügel locker!“ befiehlt Steffi und möchte wissen, ob wir dann mal traben wollen. Nein, wollen wir eigentlich nicht so gern. Müssen wir aber. „Ich hab’s halt im Blut!“ jubiliere ich aussitzend über den Platz und klatsche dabei wohl mit den Füßen – was Schorsch als Aufforderung zum Galopp betrachtet.

Merke: Pferd beschleunigt ähnlich schnell wie ein Auto, unterscheidet sich in puncto Bremsweg dafür massiv. Schicke Stoßgebet gen Himmel und danke Gott für die Erfindung der langen Longe. Jetzt reicht’s dann, beschließe ich und verweise generös auf Schorschens Geduld und dass man die ja nicht überstrapazieren müsse, schließlich er-trägt er mich seit einer Stunde. „Dann gehen wir noch ein bisschen ins Gelände!“, sagt Steffi, und ich habe Bilder von wilden Ausritten mit wehendem Haar und Fuchsjagden und Romantik vor Augen. Werde dann an der Longe im Schritt über einen Waldweg geführt. „Knieschluss! Absatztief!“ ruft ein entgegenkommender Reitersmann mir zu, der mich wundersamerweise direkt als blutigen Anfänger identifiziert. Muss also X-Beine im Sitzen machen. Dennoch: Schon schön, so. Anders als das Auto kann man den Schorsch nämlich zwischendurch immer mal wieder loben und streicheln und mit Leckerlis bestechen. Beginne mich zu entspannen. Werde eins mit Natur und Tier.

Das auf einmal einen Riesensatz nach vorn und oben macht. „Kreuzdonnerwetter!“, ruf ich, mich ins Mariahilf krallend, „Was war jetzt das?“ Der Schorsch, sagt Steffi, erschrecke sich gern mal, vor Ästen oder Pferden. Oder Geistern in seinem Kopf. Werde gelobt für Sattelfestigkeit. Bin jetzt doch nicht mehr so entspannt. Schorsch hingegen sehr, denn der wisse, sagt Steffi, dass „im Gelände Freizeit ist und auf dem Platz Arbeit“. Kann er sich ja ein Pfeifchen anstecken, der Schorsch, denke ich beleidigt und passiere Hanni&Nanni-Idyll und Misthaufen in Abendsonne auf dem Weg zurück zum Stall. Weil Steffi aber lieber abkürzen will, gilt es eine nächste Schikane zu überwinden: ein winzigkleiner Pfad entlang eines reißenden Flusses, vor uns ein Berg.

„Wie kommen wir denn da rauf?“ frage ich und blicke besorgt auf das Rinnsal, das sich vier Meter neben mir durch die Wiese schlängelt. „Den einen Meter Hügel wirst du schon überstehen, solang du den Kopf einziehst und dich nicht vom Ast runterfegen lässt!“, sagt Steffi. Man wird ja wohl noch fragen dürfen! Schorsch ist auch empört und beschließt, lieber nochmal einen unvermittelt großen Satz nach vorne zu machen (Geister!), doch auch davon lasse ich mich nicht abschütteln, bin ja jetzt Profi. Eine halbe Stunde später ist alles abgesattelt und aufgeräumt und ich stehe inmitten 20 Beinen, kurze und lange, und stecke Karotten in gierige Mäuler. Und reibe meine Wange an der von Schorsch. Weil der Schorsch, der tut nichts, der ist ein ganz Verschmuster.

https://www.youtube.com/watch?v=KwH0mDyxv_A

// Text & Bild: Katharina Wasmeier //