Ausprobiert

Ausprobiert: Trike fahren

Ich schwitze. Blut und Wasser, ungefähr. Mindestens. „Ach Gotterl, wie Ihr Daumen zittert!“ Ja, schon recht. Das Ungetüm, auf dem ich mich befinde, ist ja nur drei Meter lang und zwei breit. Auch nicht anders als ein Auto? Von wegen. Alles anders als im Auto. Aber auch alles anders als am Motorrad. Denn dieses Ungetüm, das zu fahren ich grade im Begriff bin, ist ein Trike. Vulgo: Dreirad. Nur, dass unter dem Sitz dieses Dreirades ein 75 PS starker Motor hockt und dieses Ding sich anschickt, meine grobmotorischen Fähigkeiten schwer zu strapazieren.

„Linkes Pedal: Kupplung. Rechts: Bremse“, erklärt mir Jürgen Gökeler, Inhaber eines Fitness Studios in Wendelstein, passionierter Triker und Vermieter eben dieser Fahrzeuge. „Rechter Griff: Gas. Links: Blinker.“ – „Äh und wie soll ich dann …“ – „Schalten? Na hier. Mit links“, sagt er, und deutet auf den Schaltknüppel, der genau so aussieht wie der, den ich seit vielen Jahren recht souverän im Auto bediene. Mit rechts. „Daran gewöhnen Sie sich schnell“. Ihr Wort in Gottes Ohr, sage ich, und dass ich finde, ich hätte jetzt genug Trike fahren ausprobiert. Nix da, bestimmt mein Lehrer, bringt das Ungetüm in Position und zwingt mich, auf dem Parkplatz des Verleihs in erstem und Rückwärtsgang hin und her zu fahren. Als ich diese Übung wundersamerweise absolviert habe, ohne mein eigenes Auto oder das der anderen Parkenden zu touchieren und auch sonst noch alles heil ist, findet Gökeler, es kann jetzt losgehen.

Ich finde das nicht. Mir schwirrt der Kopf von all den Erklärungen und Belehrungen. „Immer konsequent in der Mitte fahren – das Trike ist hinten ungefähr zehnmal so breit wie vorne, da bleiben Sie schnell mal irgendwo hängen. Und das muss bei knapp 25 000 Euro Anschaffungspreis ja nicht unbedingt sein.“ Ich versuche gar nicht, meine Nervosität zu verbergen, aber als mein Daumen dann über dem Blinker ein Tänzchen wagt, ist schon klar: Ich hab ordentlich Bammel. Dabei bin ich alles andere als ein Neuling im Verkehrsgeschehen. Jetzt, als ich einigermaßen holprig den Parkplatz verlasse, fühlt sich das schon so an, wie in der ersten Motorrad-Fahrstunde. Nur mit dem Unterschied, dass kein Fahrerlehrer mich begleitet. Dafür eine Freundin, die ein Gottvertrauen mir nicht bekannten Ursprungs an den Tag legt und sich sicher ist: Das wird super!

Trikes. Früher zusammengebastelt aus VW Käfern und was man halt so fand auf dem Schrottplatz, hat sich hieraus eine völlig neue Spezies entwickelt. „Das schöne ist, dass man damit sowohl das gemütliche Fahrgefühl eines Cabrios hat als auch richtig um die Kurven fliegen kann“, schwärmt Gökeler. Als wollte ich jetzt irgendwas von Kurven und Fliegen hören! Ich möchte einfach nur platt wie eine Kröte möglichst eng am Boden kleben. Immerhin besteht Helmpflicht. Also los. Ziel, ganz klar: die Steintribüne am Dutzendteich, altbewährter Treffpunkt Liebhaber möglichst großmotoriger Fahrzeuge. Wenn schon zum Affen machen, dann richtig. Erste Schikane. Zwei Kreisverkehre hintereinander. Ich sitze breitbeinig und vor allem –armig hinterm Lenker, wenn ich um Kurven möchte, muss ich den ganzen Oberkörper mitdrehen. In der ersten Geraden sehe ich die Notwendigkeit ein, zu schalten. Rechte Hand zuckt zum Steuerknüppel, dann fällt ihr ein, dass das falsch ist, die linke gesellt sich dazu, ich fahre freihändig, meine Füße machen irgendwas anderes. Zweiter Gang, juhu. Dann geht der dritte, und der vierte sogar schon fast ohne Zwischengas.

Und schon sausen wir mit 100 Sachen über die Landstraße. Juhu! „Immer schön in der Mitte bleiben, gell!“ ruft’s von hinten in mein Ohr. Hoppla, richtig. Der Gegenverkehr macht, dass ich versucht bin, mich am rechten Fahrbahnrand zu halten. Nicht gut, teuer. Nächste Schikane: Stadtverkehr. Ich lege wirklich keinen Wert darauf, mitten auf einer Kreuzung zu stehen und das Ungetüm nicht mehr bewegen zu können. Doch schon nach kürzester Zeit klappt das alles wie am Schnürchen, und ich habe wieder andere Kapazitäten als die reine Konzentration aufs Überleben. Und registriere: Wir erregen ordentlich Aufmerksamkeit. Triker, das sind ältere Herren mit einem dicken Bauch, den sanft ein Rauschebart umwölkt. Rocker halt. „Tatsächlich sind meine Kunden vor allem Herren zwischen 40 und 70“, sagt Gökeler. „Die kriegen das beispielsweise zum Geburtstag geschenkt, weil sie alles andere irgendwie schon haben.“ Alle gucken neugierig, freuen sich und winken. Ein Winken stellt sich allerdings als Hinweis darauf heraus, dass ich vergessen habe, den Blinker wieder auszuschalten.

Total profimäßig cruisen wir zur Steintribüne, souverän rangiere ich das Trike in Parkposition, und schon sind wir umringt von Neugierigen. Die machen Fotos und wollen Dinge wissen, die ich ihnen nicht sagen kann. Wie viel PS? Welcher Motor? Öhm … Der Spott von „echten“ Bikern, mit dem ich gerechnet hatte, bleibt aus. „Ich dachte, Ihr findet Trikes peinlich.“ – „Nö wieso denn, ist doch total cool!“ Stattdessen bekomme ich Tipps und Hinweise für die Rückfahrt, die ich alleine antreten werde, während allerlei Volk uns neugierig umkreist und versucht, unauffällig Fotos zu machen. „Die meisten, Frauen wie Männer, fahren hier genau so bibbernd weg wie Sie. Und zurück kommen sie dann alle mit SO einem Grinsen unterm Helm. Sie werden schon sehen!“, hatte der Meister georakelt. Und um ehrlich zu sein spür‘ ich schon, wie’s raus will, das Grinsen. Auf der Rückfahrt darf es das dann. Keine Spur von der anfänglichen Unsicherheit. Die Sonne scheint mir auf die Nase, ich lehne mich erstmalig entspannt im Sitz zurück, statt mich kerzengerade zum Absprung bereit zu halten, der Fahrtwind bei 120 schickt sich an, mir eine Stirnhöhlenentzündung zu bereiten, aber das ist egal. Und viel zu schnell bin ich zurück in Wendelstein, wo ich, mit einem Grinsen unterm Helm, von einem wissend lächelnden Jürgen Gökeler in Empfang genommen werde.

https://www.youtube.com/watch?v=VcaTeV0n6KU

// Text & Bild: Katharina Wasmeier //