reden ist silber

Konfetti! Und außerdem … Autobahnadrenalin

In ihrer Freizeit machen Menschen die seltsamsten Dinge, um ihrem lahmen Alltag irgendwas möglichst Spritziges entgegenzusetzen. Zu den mutmaßlich spritzigsten Dingen gehören Extremsportarten verschiedenster Couleur, die einzig dazu dienen, den rostigen Adrenalinpegel auf ein möglichst pathologisches Level zu jagen. Fallschirmspringen, Freeclimben, Kundenhotlines oder als erster in der Reihe zu stehen, wenn Feinkost Albrecht die Türen zur Amerika-Woche öffnet. Ich für meinen Teil halte davon wenig und mich lieber an eine gleichwohl niederschwellige wie abwechslungsreiche Beschäftigung: Autobahnbaustellen befahren. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man kommt rum, sieht was von der Landschaft und besucht bestenfalls am Ende der Reise eine liebe Person. Der Zugang ist denkbar einfach, hat sich doch, während alle Welt die wildesten Salti vollführt, um Grenzen gegen Fremdvolk zu schließen, der Freistaat einer simplen List bedient und seine Autobahnen pünktlich zur Ausflugs- und Ferienzeit in einen lustigen Baustellenteppich verwandelt, um dem Preußen oder noch üblerem Pack die An- und Durchreise per KfZ gründlich zu vermiesen. Da lacht der Horst und nimmt einen kräftigen Schluck vom Hefe, während der Bayern-3-Verkehrsbericht voraussichtliche Ankunftszeiten und Unfallwarnungen mit Flachwitzen und Italopop garniert. Jedenfalls gehöre ich zu der so vernünftigen wie spärlich gesäten Sorte Mensch, die rotumrandete Zahlen an Straßenrändern als wohlmeinenden Vorschlag im Toleranzbereich Plusminuszwanzig betrachtet und diesen zugunsten des Verkehrsflusses auch in kilometerlangen Baustellenstrecken beherzigt, deren Abmessungen ähnlich der meisten Tiefgaragen auf Automaßen basieren, die vielleicht 1965, nicht aber mehr der heutigen Realität entsprechen. Derweil also der Pöbel auf der rechten Spur bei Jokke Herrmann antichambriert, kann ich als alter Punk ein solches Verhalten freilich nicht tolerieren und habe ja außerdem keine Zeit. Leider muss ich erkennen, dass ich im Gegensatz zum Jahre 2001 auch keine Nerven aus Drahtseil mehr habe. Während ich als Führerscheinneuling im weißen 2er Golf fehlende PS durch Wahnsinn kompensiert und mein Weg von Schweißausbruch und Infarktnähe gepflastert habe, widerfährt mir all der Stress, den ich annodazumal den anderen eingebrockt habe, heute selbst. Nur in eigenverschuldet. Doch ich habe bereits in der Fahrschule gelernt, dass man immer heile durchkommt, wenn man bei Herannahen eines Busses einfach die Augen schließt und stur geradeaus weiterfährt, und so halte ich’s auch heute, derweil ich in christsozialer Tradition Stoßgebete murmle, den Rosenkranz knete und daheim ein neues Dankeskerzlein im bereits bestehenden Lichtermeer entzünde. Et hätt noch emmer joot jejange.

~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa!“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten ~