reden ist silber

Konfetti! Und außerdem … Ekelshopping

Neulich so: shoppen. Ich hatte die Geschehnisse um mich herum ausgiebig studiert und war zu dem Schluss gekommen, dass mein seit langem pontifizierter Grundsatz „Safety first, beauty second“ nun endlich auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen war und Schuhwerk, das vormals einzig dazu diente, US-amerikanische Touristen als solche zu identifizieren und milde zu belächeln, auch von Hiesigen getragen werden konnte, ohne direkt als Modeopfer verlacht zu werden. Einwändi diversi, ich möge doch bitte erstmal in mein Schuhgrab hinabsteigen und alles reanimieren, was sich da im Laufe der letzten Dekaden angesammelt hätte, bevor ich neues anschaffte, ließ ich nicht gelten, schließlich waren die dort Begrabenen alle 90er Originale, und die sind gleich viel uncooler, wenn sie sich eindeutig als solche zu erkennen geben, als wenn sie um ein Vielfaches preiserhöht als exklusive Neuauflage in den Fachgeschäften der Region aufgebahrt stehen.

Verifiziert wurde diese Ahnung alsgleich im Zuge eines Gespräches, dessen Zeugin ich werden musste, als ein ungefähr 13-Jähriger Mensch, dessen adoleszenter Leib mehr schlecht als recht sich mit dem Umstand arrangierte, Weiblein wie Männlein trendbewusster Art habe sich heutzutage in lustige Hybriden aus Leggins und Haremshose zu kleiden, wobei letzterer Bestandteil die Vermutung nahelegt, die Kinder seien noch nicht ganz stubenrein, einer Dame ungefähr meines Alters wortreich erklärte, das Schuhmodell, auf das sie fassungslos deutete, sei in den 90er Jahren bereits aufgelegt worden, hier aber (aus sichtbaren Gründen) nicht erfolgreich gewesen, und im Revival der Modeära des Schreckens versuche das Unternehmen einen neuen Anlauf, dessen Verkaufserfolg, so dachte, nein: betete ich, es dem der damaligen Auflage gleichtun möge.

Mit Akribie suchte ich in den weitläufigen Regalen das schlichteste Modell, was gar nicht so einfach ist, denn wer’s im Kopf nicht so bunt hat, der muss das scheint’s am Fuße ausgleichen, und suchte nach Fachpersonal. Eine ältere Dame mit Langhaarperücke, Birkenstock, Strickmantel und Hornbrille kreuzte meinen Blick. Als sie sich umdrehte, war sie plötzlich 20 – ich war verwirrt und griff zum eingangs erwähnten Teenager, der mit schwer verhohlener Skepsis meinen Wunsch nach Schuhgröße XY entgegennahm. Kaum 17 Minuten später hatte er das Fußkleid angefleißt und verzog erneut das Gesicht, als ich mir die Vermutung erlaubte, der vietnamesische Schuster als solcher könne wohl nur bis Größe 38 nähen, man möge mir bitte die Ferse abheben oder ein Modell in 42 (ja, fand ich auch problematisch) bringen. Zuvor lobte ich ihn noch für die seit meinem Betreten des Ladens aufgelegte 90er Jahre Mukke. Er ging. „Das Kind hat scheint’s Ekel vor dem großen Fuß“, sagte ich zur Freundin. „Das Kind hat Ekel vor der alten Frau“, replikierte sie und zog einen Besuch im Orthopädiehaus unseres Vertrauens vor. Haben wir freilich nicht gemacht. Könnt ihr sehen.

 

// Text: Katharina Wasmeier / Bild: Hannah Rabenstein //

~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa!“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten ~