reden ist silber

Konfetti! Und außerdem … Joggerterror

Im September ist es traditionell üblich, bei jedem noch so kleinen Sonnenstrahl den „letzten schönen Tag des Jahres“ auszurufen, auf dass der Mensch sein Bündel schnüre und in den nächstgelegenen Park wallfahre. Dort angekommen wird ihm der letzte schöne Tag jedoch alsgleich vergällt von einer Spezies, die sich bereits seit dem ersten schönen Tag des Jahres anschickt, ihren Mitmenschen das Dolce Vita zu versauen. Dem Jogger. Der Jogger ist von Natur aus eine Nervensäge. Das gilt freilich auch für Anhänger des Arschgeweihs der Funsportarten, gemeinhin als Inlineskater bekannt, doch sind die bei weitem nicht so zahlreich vertreten wie der Jogger als solcher. Egal zu welcher Tageszeit man sich in einem Park, an einem Strand oder einem Biergarten niederlässt, um sich von Existenzstrapazen zu erholen, von der Muse oder sonstwem küssen zu lassen – man kann sich sicher sein, es dauert keine fünf Sekunden, und diese Ausgeburt der plakativen Fitness kommt herangazellt.

Manchmal auch herangenilpferdet, was aber unterm Strich egal ist. Ausgerüstet mit dem neuesten Highendschuhwerk, bepackt mit zig energydrinkbefüllten Leichtplastikfläschchen, um den Arm ein Pulsgerät, und die ganz Tollen telefonieren dann auch noch im Lauf, während sie niederträchtig und verächtlich auf den Kontemplierenden hinabblicken: „Ih, du Freizeitversager, sitzt da und vertodsündigst dich! Schau mich an, vital, fit, und nachher mach ich mir einen Sprossensalat ohne Dressing! Ätsch!“ Ich empfinde das als unerhört, als Belästigung sondersgleichen. Wozu gibt es Turnhallen, wozu gibt es Kellerräume, in denen man der Leibesertüchtigung nachgehen kann, ungestört von der Umwelt und vor allem die Umwelt ungestört vom Jogger?

So irre sexy schaut ihr nämlich auch gar nicht alle aus, mit eurer vitalen Gesichtsfarbe, und dann ist man auch noch beständig umgeben von dieser höchst vitalen Duftnote, die, so bin ich überzeugt, der einzige Grund für das exzessive Fliegenaufkommen beispielsweise am Wöhrder See ist. Ich möchte das nicht. Ich möchte im Biergarten und Park sein, ohne dass permanent das fleischgewordene schlechte Gewissen um mich herum japst, das mich vorwurfsvoll anschaut, weil es gar nicht weiß, dass ich natürlich längst bei der Morgengymnastik im Turnkeller war oder das zumindest fest vorhatte, und weil es auch nicht weiß, dass ich hier grade nur bin und vermeintlich entspannt in den Himmel gucke, weil ich eigentlich arbeite und krampfhaft darüber nachdenke, ob ich nicht was anderes schreiben kann außer über Jogger. Aber sagen wir mal so: Das habt ihr jetzt davon. Ihr habt euch mir nachgerade aufgedrängt.

/ Text: Katharina Wasmeier. Bild: Hannah Rabenstein /

~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa!“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten ~