reden ist silber

Konfetti! Und außerdem … Kartenver(w)irrung

Mir ist was ganz seltsames passiert: Ich hab ein Buch bestellt. Nein, das ist jetzt kein Witz á la „Geht ein Journalist an einer Kneipe vorbei“. Sondern weiter: Das Buch fand seinen Weg zu mir und mit mir in den Lesesessel. Noch bevor ich es richtig aufschlagen konnte, erbrach es sich auf mich. So erschrocken wie verdutzt klaubte ich mir eine Postkarte von der Stirn. „Die Menschen“, las ich, „sind wir das Meer, manchmal glatt und freundlich, manchmal stürmisch und tückisch – aber eben in der Hauptsache nur Wasser“, hat der Einsteins Albert mir entgegenaphorisiert, und ich so: Aha, macht der Versandriese jetzt auf menschelnd und verschenkt Karten, wend das Ding und werd eines Besseren belehrt. „Liebe Mama …“ beginnt die Handschrift, erklärt das Geschenk aus Boetschis (?) Holz- und Druckwerkstatt in Kiel und dann dezidiert eine Vorfreude auf Weihnachten, eine unendliche Dankbarkeit für die Mama als solche und das von ihr in die Wege geleitete Fest im Speziellen, und wie gern man zur Mama von Zeit zu Zeit zurückkehren würde, alles Liebe dein Vinzent. Seitdem bin ich erschüttert. Was war da los? Hat die Mama die Karte je erreicht? Hat die Mama sich so geärgert, dass sie sie wutentbrannt weggepackt hat? Warum? War die Mama so zornig über das depperte Deppenbuch (Don Winslow Pacific Private), das sie außerdem bekommen hat, dass sie kurzerhand weggeworfen und der Müllmann retourniert hat? Ist der Vinzent auf dem Weg zur Mama verunglückt mitsamt dem neuen Buch, das er sich für die Fahrt besorgt hat, und der Vinzentfinder hat Profit geschlagen aus dem Unglück und das Retourengeld für das Buch eingestrichen? Sitzt irgendwo eine Mama und wartet seit drei Monaten auf den Vinzent? Ist der Vinzent beim Versandriesen anstellig und ergo unterjocht, hat im schlimmen Stress gleichzeitig die Mamakarte geschrieben und Bücher für mich verpackt und ist dabei zusammengebrochen? Nie werd ich’s herausfinden, alles ganz furchtbar. Noch furchtbarer, weil der Vorfall längst Vergessenes wieder aufgewühlt hat, nämlich, dass bis vor nicht allzu langer Zeit ab und an mal, wenn ich heimkam, eine süße Omi auf meinem AB gewartet hat. Die süße Omi hat immer ganz lieb sich erkundigt nach mir und der Familie und schöne Urlaube gewünscht und Wochenenden, und gefragt hat die süße Omi immerzu, wann ich denn mal wieder vorbeikommen würde, sie würd sich so freuen und auch die Speisen machen, die ich so mag. Immer hab ich weinend der Omi zugehört, weil das war nämlich gar nicht meine Omi. Sondern eine Verwählomi. Und eine Nummerunterdrückomi. Also hab ich ihr nie sagen können, dass ich gar nicht ihre liebe Enkeltochter bin und sie aber trotzdem gern besuchen tät und dann gleich noch ihre echten Rotzenkel zur Sau machen, die sich offensichtlich nicht kümmern. Irgendwann haben die Anrufe aufgehört. Jetzt muss ich wieder weinen. Und schnell meine Omi anrufen. Und ihr auch! Also eure Omis anrufen, nicht meine …

// Text: Katharina Wasmeier / Bild: Hannah Rabenstein //

~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~