Schreibschwein © David Häuser
Konfetti - Die Kolumne

Konfetti! Und außerdem … Hermeneutischer Zirkel

Ich fülle diese Zeilen seit fast genau 15 Jahren, hab grade nochmal nachgeschaut. 2011 hat der liebe Kollege Erik S. mir den Staffelstift mit den Worten „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“ übergeben, und wenn ich mich nicht verrechnet habe, war er damals wesentlich jünger als ich es jetzt bin. In 15 Jahren ändert sich vieles, vieles aber auch nicht, und da ist es wohl kaum verwunderlich, dass das ein oder andere Thema hier schon mehrfach beackert worden ist. „Ich bitte um Milde“, um sogleich eins meiner größten Vorbilder zu zitieren, den ehrenwerten Herrn Klaus Schamberger, der mir einst am Telefon verriet, er schriebe seit 1969 Kolumnen und zu Hochzeiten sogar vier verschiedene pro Woche – eine Leistung, die mich blass werden lässt. „Milde“ ist mein Stichwort, denn mir scheint, auch ich werde von Jahr zu Jahr milder und bin im Vergleich zu den Anfangszeiten schon so milde, dass ich glatt als Babynahrung durchgehen könnte. Man schreibt so vor sich hin, durchschifft den Kalender, die Ereignisse, die Jahreszeiten, und während sich an Grundsätzlichem oft nicht viel ändert, tut es das Detail sehr wohl. Zum einen. Zum anderen ganz offenkundig meine Haltung. Auf Gscheidhaflerisch heißt das „Hermeneutischer Zirkel“, so ein akademisches Dings, bei dem es eigentlich darum geht, dass der Rezipient, also Leser, ein und den selben Text immer anders lesen, interpretieren und einordnen kann, weil die eigene Erfahrungs- und Verständniswelt sich in der Zwischenzeit immer ein bisschen ändert (also so ähnlich halt, sorry Germanisten, ist schon bisschen her). Ob das jetzt andersherum auch funktioniert, also so, dass die Schreibende ebenfalls immer eine andere Sicht- und Verständnisweise auf ein bestimmtes Thema hat im Laufe ihres Alterns, hatten wir damals glaube ich nicht durchgenommen, ich finde aber, man kann den Spieß durchaus so herumdrehen. So geschieht es mir zumindest grad im Anblick einer bestimmten Pflanze, die ihr alle grade draußen im schönsten Frühlingssonnengelb vor sich hin leuchten sehen könnt und der ich unlängst einen schmachtenden Blick zuwarf. „Schon schön, wie die so leuchten“, hab ich gesagt und bin sofort angeschrien worden. „WIE BITTE? DU? Du hast die doch jahrelang als verachtenswürdige Streberpflanze verteufelt!“ Nun, das ist richtig. Die Forsüzie und ich, wir standen sehr lange Zeit auf Kriegsfuß. Dieses Vordränglerische, Grellnervige, das war mir früher nix. Heute bin ich scheinbar altersmilde und mit dem strahlenden Strauch versöhnt. Wie schön, dass es diese Pflanze gibt, die selbst dem hartnäckigsten Winterstarrsinn tapfer die Stirn bietet, ihre blütenkleinen Fäustchen ballt und laut hervorschreit „Du kannst machen, was du willst, aber am Ende wird der Frühling, werden das Gute und Schöne gewinnen!“ Soweit, dass ich ihr ihren echten Namen gewähren möchte, bin ich zwar noch nicht. Aber vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr Forsüzie sein. Und milde. Oder?

// Text: Katharina Wasmeier / Foto: David Häuser //

~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~