Konfetti! Und außerdem … Italienisch
So langsam bewegt sich das Leben wieder Richtung nach draußen, und auch wir Balkonier machen es uns gemütlich. Theoretisch zumindest, weil um ehrlich zu sein sieht es auf meinem Balkon noch genau so aus wie die letzten Monate: ziemlich trist. Aus den Blumenkästen hängen schwach im Wind wehende Pflanzengerippe, der Boden kann sich nicht entscheiden, ob er grau oder gelb eingestaubt sein möchte, und alles in allem ist es noch recht fern da draußen von meinem Idealbild mit Blühpflanzen, Hängekräutern und Lichterketten. Für eine Sache taugt’s aber allemal, und das ist mir zugleich angenehmst wie peinlich. Weil: die Nachbarn. Die Nachbarn, so sie sich ebenfalls auf ihren Balkonen befinden, können nämlich seit einiger Zeit Wundersames belauschen. „Vorrei un cornetto e un tè, per favore.“ Oder „Il mio vestito non è brutto.“ Oder „Anna e Lin sono di Sydney. Loro insegnant inglese qui.“ Gehaltvolle Sätze wie diese kommen wahlweise aus meinem Telefon oder aus mir selbst. Denn ich habe eine neue Stufe auf dem Weg zur Klischee-Mittvierzigerin erklommen: Ich lerne Italienisch. Wer ist schuld? Ich weiß es nicht, sicherlich aber nicht meine akademische Sehnsucht nach Toskana und Rotweindegustation oder dem typischen Wunsch nach dem Lebensabend in der Finca, auch hege ich keine sonderlich große Leidenschaft für italienische Popmusik oder Filmkultur. Höchstens hege ich eine große Leidenschaft für italienisches Essen (il cibo), und allein dafür muss man gelegentlich mal über den großen Berg reisen (viaggiare). Indeed tu ich das schon mein Leben lang und habe als Kind mittels eines Bilderbuchs Basiswörter gelernt und Zählen als Sportart betrieben. Für mehr hat’s mich nie interessiert, meine letzte Sprachlernerfahrung datiert auf die 10. Klasse, wo irgendein Wahnsinniger beschlossen hatte, das wäre die exakt perfekte Zeit für eine vierte Fremdsprache (Nicht. Ist es: nicht!) bzw. ein jedes Treffen mit dem Vatertier, das nicht müde wird, trotz minimaler Erfolge (minus null!) seit circa 40 Jahren maximalen Aufwand zum Erlernen des Italienischen zu betreiben. Dann kam im Winter (inverno) eine Freundin und mit ihr eine App mit einer grünen Eule, der ich sofort verfiel. Seit nunmehr 65 Tagen lerne ich also täglich, mal mehr, mal weniger intensiv, aber mit großer Begeisterung, weil ich das Prinzip „Gamification“ verstanden und lieben gelernt habe. Oder es mich. Lustig: Der Mann macht das auch, aber mit einer anderen App, weswegen zeitweise verschiedenste Stimmen verschiedenste Worte und Sätze durch die Wohnung oder aus dieser hinaus bläken. Selbstverständlich muss das neue Wissen bald erprobt werden. Schön Klischee. Am besten hier im Ristorante. Ich freu mich schon auf die schiefen Blicke. Und dann such ich mir das nächste Hobby. Seidenmalerei vielleicht?
// Text: Katharina Wasmeier / Foto: David Häuser //
~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~
