Konfetti! Und außerdem … Siesta
Kann ich mich nicht mehr so gut erinnern: Ob ich eigentlich ein Seepferdchen gemacht habe. Wie ich die Bundesjugendspiele überstanden habe. Wie ich zu der irrigen Annahme kam, Abitur auch mit Lernaufwand = Null glänzend bestehen zu können. Kann ich mich sehr gut erinnern: Freistunden im Café. Als das erste Mal jemand wollte, dass ich Steuern nachzahle. Und: Wie absolut unbegreiflich mir das Konzept „Siesta“ früher war. Sehr gut weiß ich noch, wie ich mich früher durch venezianische Gässchen und toskanische Örtchen geschleppt habe. Als Schatten meiner Eltern (und meiner selbst), derweil von anderen, kühlenden Schatten in der Gluthitze italienischer (Nach-)Mittage keine Spur zu finden war. Ebenfalls unauffindbar: Cafés, Geschäfte, Restaurants, die geöffnet haben. Wie kann das sein, frug ich verzweifelt? Man muss doch erstens Arbeiten und zweitens für Touristen in Not bereitstehen? Im Gegensatz zum Einheimischen schwammen diese in ihrem eigenen Saft über pfannenheiße Plätze, ausgerüstet mit Fototasche, Proviantrucksack, Sonnenhut, speckglänzend und milchig-weiß eingerieben mit Sonnencreme der damals höchstmöglichen Stärke LSF 15. Grundsätzlich hat sich daran nichts geändert (außer dass aus LSF 15 mittlerweile 50 geworden ist), allein mein Verständnis für diese wunderliche Volksangewohnheit namens „Siesta“ hat massiv verstärkt. Nur nenne ich das heute „Mittagsschlaf“ oder lässig: Natzen und verstehe darunter einen himmlischen Zustand, in den ich mich irgendwann zwischen 12 und 16 Uhr begebe: Der Kopf wird leer, die Augen schwer? Glasklare Sache: Zeit für einen Natz! Es wird dann erst ein jedes technisches Gerät fein säuberlich in den Ruhestand versetzt und anschließend ich selbst. Fenster zu und Türen auf, die Ohren fest verpfropft, auf dass ja kein böses Weltgeräusch (Post, Müll, Baustelle) ins ruhende Gehirn eindringen möge. Die Pflicht ist getan, was nach dem Natzerl noch zu tun ist, ist allerhöchsten Kür, und der weltbeste Mittagsschlaf ist der, der ohne Wecker auskommen darf. Ok gut, kann passieren, dass ich dann erst gegen 19 Uhr wieder erwache und in Folge dessen weder zu einer Pflicht noch einer Kür noch zu überhaupt irgendwas außer lobotomiertem Glotzen (an die Wand oder ins Flimmerkastl hinein) in der Lage bin, aber wen schert das schon? Fein an meine große Liebe (Bett) gekuschelt, falle ich sogleich in tiefsten Tiefschlaf und erwache im Idealfall 20 bis 45 Minuten später well refreshed und bin bereit für den zweiten Teil des Tages (Freizeit). Wie unfassbar sinnvoll diese Angewohnheit ist, hab ich freilich jetzt im Hitzedings ganz besonders gut verstanden, und so möchte ich Abbitte leisten gegenüber der Siesta: Du bist toll, du bist richtig, Südländer sind uns kulturtechnisch einfach weit voraus. Und wenn man selbst grad Schäfchen zählt, fällt auch nicht unangenehm auf, dass keine Läden offen haben. Worauf warten wir also?
// Text: Katharina Wasmeier / Foto: David Häuser //
~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~
