Schreibschwein © David Häuser
Konfetti - Die Kolumne

Konfetti! Und außerdem … Zeugnisse

Viele von uns haben es kürzlich erst wenn nicht am eigenen Leib erfahren, so doch zumindest live mitbekommen. Oder gruseln sich gar nicht wohlig bei der Erinnerung. An: Zeugnisse. Zeugnisse sind eine sehr schwierige Sache, und ich bin recht froh darüber, selbst keine schreiben zu müssen. Meine eigenen Zeugnisse waren auch immer eine eher schwierige Sache. Vor einigen Jahren bin ich einmal hinabgestiegen in die gesammelten Familienchroniken und habe dabei auch meine Grundschulzeugnisse entdeckt. Mit einer Mischung aus Begeisterung und Entsetzen habe ich beim Schmökern der ordentlich ausformulierten langen Texte (statt Noten) zwei Dinge festgestellt: 1. Die Beurteilungen lesen sich exakt wie eine Prophezeiung meines späteren, erwachsenen Ichs, was mich wirklich sehr verwundert und beeindruckt hat. Und 2. Wenn diese Zeugnisse heute geschrieben würden, stünde eventuell statt der sehr vielen, langen Sätze dort nur ein einziges, kurzes Wort. Nämlich: ADHS. Während man diese Zeugnistexte vermutlich weitestgehend für bare Münze halten kann, bekommt man 30, 40 Jahre später plötzlich etwas, das sich „Arbeitszeugnis“ nennt und absolut nichts mehr mit baren Münzen zu tun hat, sondern vielmehr mit Geheimsprache und Codes. Steht da „hat sich bemüht“, so wäre das in der Grundschule noch echtes Lob gewesen. In der Arbeitswelt hingegen handelt es sich hierbei um eine denkbar schlechte Note. Wird „Interesse an der Arbeit“ konstatiert, wäre das in der Grundschule eine feine Eigenschaft. Hier hingegen bedeutet die Formulierung nichts Gutes. Und über ein „lernt leicht und begreift das Wesentliche“ würde sich ein Kind zurecht freuen, der Arbeitnehmer hingegen sollte diese Worte vielleicht zum Anlass nehmen, seine eigenen Kompetenzen einer kritischen Prüfung zu hinterziehen. Darüber hinaus gibt es seit einigen Jahren eine Art Zeugnis, die sich „User-Bewertung“ oder „Erfahrungsbericht“ schimpft, zumeist im Internet anzutreffen ist und absolut und garantiert nichts mehr mit verlässlicher Aussage und objektiver Beurteilung zu tun hat. Mit dem falschen Fuß aufgestanden? Von wegen! Der Kellner war schuld an allem, und schon wird der Zorn hineingerotzt ins Internet, auf dass er dort auf ewig stehe und Ahnungslose beeinflusse. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, nämlich den der übersprudelnden Begeisterung. Und auf diese falle ich regelmäßig bei der Wahl eines Hotels herein. Weil mir Frühstück wichtig ist, suche ich Unterkünfte, die das anbieten. Lese ich „sehr gutes Frühstück mit toller Auswahl“, so denke ich an Obstkörbe, frische Brote, butterweiches Ei – um mich dann schwer enttäuscht in einem Raum voll Gelsenkirchner Barock wiederzufinden, in dem mich Analogkäse und Plastikwurst traurig anschauen, Rühreipulver in seine Bestandteile zerfällt und statt O-Saft hellgelbe Zuckerplörre ins Glas fließt. Man möchte die Schreiber der begeisterten Bewertungen fragen: Was esst ihr daheim? Bauschaum und alte Kartons? Wie das zu lösen ist, weiß ich nicht. Wohl aber: Zeugnissen ist nicht zu trauen!

// Text: Katharina Wasmeier / Foto: David Häuser //

~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~