Konfetti! Und außerdem … Waking up is hard to do
Seit einigen Jahren beschäftigt die (europäische? deutsche?) Welt ein Thema, das nur allzu menschlich und normal ist, das man aber ganz offenkundig prima (und mutmaßlich auch sehr lukrativ) problematisieren kann. Diese Fähigkeit ist bis auf wenige pathologische Ausnahmen in uns allen angelegt und sollte entsprechend nicht der Rede wert sein, ähnlich einer gut funktionierenden Verdauung oder Schluckauf. Nichtsdestotrotz gibt es Pillen (mit und ohne Rezept), Ratgeber, Aromamittelchen, Therapien, Videos, Podcasts und allerlei Heilsversprecher, die mindestens zwei Gemeinsamkeiten haben: zweifelhafte Wirksamkeit und hohe Bepreisung. Es geht hier um: Sex. Nein Schmarrn, natürlich nicht, aber schon hab ich eure Aufmerksamkeit wieder. Selbstverständlich geht es ums Einschlafen. Damit haben Menschen viele Probleme, und deswegen müssen die Heilsversprecher richten, was der durchgetaktete Alltag zwischen Kita, Job, Power Yoga und dazwischen vielleicht die ein oder andere Stunde Doomscrolling zuvor zerstört haben. Allen Betroffenen gilt mein tief empfundenes Beileid, weil ich kenn sie sehr wohl auch, diese Abende, an denen der Körper schwer wie Blei im Bett liegt, derweil der Kopf leicht und lustig eine eilige und endlose Reise durch die eigene Biographie, die nächste Einkaufsliste, die dumme Trulla von gegenüber oder den aktuellsten Radio-Hit durchhüpft. Mit dieser Sorge hab ich ungefähr genau gar nichts mehr zu tun. Seit einigen Jahren leg ich mich abends in Bettchen, mach die Augen zu und sogleich ist auch der Rest von mir im Shutdown. Aus Ende Basta. Ganz gelegentlich hab ich dann mal eine Phase nächtlichen Erwachens, aber die hab ich nicht nur zu akzeptieren gelernt, sondern begrüße sie wie einen guten Freund, der gleich die kommenden 30 bis 90 Minuten in der friedlichen Stille der Nacht mit mir verbringen, ein Buch lesen und dann sanft wieder einschlummern wird. Das gelingt meist nicht nur abends ist im Bett, sondern auch tagsüber auf dem Sofa, auf einer Picknickdecke, einer Parkbank oder zur Not auch mal sitzend mit dem Kopf an der Wand. Also nein, das ist meine Sorge nicht. Mein viel größeres Problem, und ich kann und will nicht glauben, dass das nicht auch für den Rest der o.g. Welt gilt: das Aufwachen. Ich hatte mal ein Nachtgewand, auf dem stand „Waking up is hard to do“, und eigentlich ist damit alles gesagt. Mit grässlichem Geräusch reißt der Wecker einen aus dem allertiefsten Frieden, und sofort soll man funktionieren. Tut man aber nicht, weil im Kopf befindet sich exakt: nichts, außer einem großen Dunst, der gerne bis in die späten Mittagsstunden anhält und Handlungen nur durch Automatismen möglich macht. Wo sind sie also, die Heilsversprecher? „In drei Minuten zur Höchstleistungsfähigkeit – der Podcast“, „Gemeinsam glücklich in den Tag starten – Anfängerkurs“ und „Der neue Aufwachdrop: Nur fünf Minuten vor dem Aufwachen in den Mund gesteckt ein Garant für den erfolgreichen Morgen“! Ich denke doch, sowas hätte einen Markt, zumal in der trüben Jahreszeit. Höhle der Löwen, hobbetz! Weil alternativ: „Zum Winterschlaf in sechs Schritten“. Tät ich nehmen.
// Text: Katharina Wasmeier / Foto: David Häuser //
~~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung ~~
