reden ist silber

Konfetti! Und außerdem … Ästhetik des Wartens

Neulich hab ich mal ein bisschen gewartet. Weil das Wetter war ja nich so, und das Warten an sich wird gemeinhin völlig unterschätzt, also, dacht ich mir, wartest du mal ein bisschen. Die Erkenntnis dieser kühnen Tat möchte ich direkt vorwegstellen, befinde ich mich damit doch in einer Reihe mit den großen Forschern dieser Zeit. Weil: Der Mensch sollte viel, viel mehr warten. Und zwar dringend ohne sich dabei mit einer dieser neumodischen Erfindungen wie Büchern und dergleichen zu beschäftigen, da verpasst man nämlich alles. Um der Warterei den richtigen Rahmen zu geben, hab ich mir selber die Bedingung verpasst, es müsse sich um solche Örtlichkeiten handeln, die sich eines Schalters und darob oktroyierter Zeitvertändelung erfreuen. Wohin genau ich mich begeben habe, kann ich aus Rufmordgefahrgründen nicht en detail angeben, ebensowenig, ob es sich da um meinen Ruf oder … naja.

Warten macht zum einen, dass man viele Menschen sieht. Und viele Menschen machen viele lustige Dinge, die sich garantiert nicht im Candy Crush abspielen, und im Quizduell auch nicht. Sitzstehe ich da beispielsweise in so einem Fahrgastunternehmen und gucke und muss laut in mich hineinlachen. Guck ich, wie eine Kindergärtnerin sich als Löwenbändigerin betätigt. Erst verbal. Dann mit Bonbon-Bestechung. Guck ich wieder hin, weil’s plötzlich so still ist. Sitzen alle Welpen schweigend vor einem Bildschirm und glotzen selig Urlaubswerbung. Lernen kann man auch was, nämlich „Beliebtmachen für Profis“ von den Schaltermenschen: „Geschlossen“-Schild auf den Tresen stellen und dann offenkundig gelangweilt mit verschränkten Armen abhängen, während auf der anderen Seite des Gatters die Massen kurz vor der Schlägerei stehen kommt mindestens so gut, wie hinter selbigem Schild lautvergnügt ins Facebook hineinzulachen.

Ein anderer Ort, an dem sich der gesellschaftliche, wie sag ich’s denn jetzt am besten, also das, was in den Glasflaschen vom naturtrüben Apfelsaft am Ende übrig bleibt, also wo sich das da jedenfalls sammelt, ist ebenfalls ein ersprießlicher Quell an Menscheleien. Abgesehen davon, dass ein Klima herrscht, das den Verdacht nahelegt, das Personal zöge heimlich Tomaten in den Schränken, machen Kinder in Lycra Schlafyoga auf dem Boden und unsichtbare Männer um die Ecke Angst vor TBC, nachdem eine ausschließlich tschechisch sprechende Großfamilie sich für eine Stunde geweigert hatte, das Wort „Dolmetscher“ zu verstehen und ergo eine Schlange Unmut produziert. Highlight: Zwei Prachtexemplare besagten Flaschenbodenbewohners betreten den Raum, um potentiell lange Wartezeiten zu monieren, man hätte ja schließlich sonst nichts zu tun …

/ Text: Katharina Wasmeier. Bild: Hannah Rabenstein /

~ Diese Glosse erscheint unter dem Namen „Runter vom Sofa!“ in der Freitagsausgabe der Nürnberger Nachrichten ~