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Quo vadis, Quellkollektiv?

Ein junger Mann flitzt mit dem Tretroller durch den riesigen Innenhof. Der ist mit selbstgezimmerten Paletten-Sofas dekoriert und Pflanzen, ein DJ schickt eingängige Bässe an die Wände. Kleine Kinder wackeln an den Händen ihrer Eltern zum großen Lastenaufzug, aus dem grade große Kinder purzeln und mit freudigen Gesichtern von dem Mann erzählen, der im Aufzug sitzt und Portraits der Mitfahrer auf eine lange Rolle kritzelt. Im Innenhof der „Quelle“ ist Kultur, auf der vierten Etage ist Kunst auf zig hundert Quadratmetern. Alles wie immer. Alles bunt und laut und kreatives Durcheinander bei der dritten Ausgabe der „Sommerkollektion“, der Werksschau derjenigen Künstler, Musiker und Kreativen, die sich in den vergangenen Jahren im Gebäude des ehemaligen Versandhauses „Quelle“ ihr Schaffensnest gebaut haben. Abgesehen von einer winzigen Kleinigkeit: Es wird das letzte Mal gewesen sein.

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Das letzte Mal Kultur-Aufzug, das letzte Mal DJ. Das letzte Mal ausstellen. Das letzte Mal Wände bemalen, das letzte Mal bemalte Wände im Schatten des Quelle-Turms anschauen. Der Hammer ist längst gefallen, eine der größten „leerstehenden“ Immobilien Deutschlands versteigert. Alle müssen raus. Keine Ateliers mehr und keine Werkstätten, keine Proberäume mehr und keine Schneiderei. Man könnte meinen, die Lage sei prekär, die Stimmung angespannt. Schließlich stehen Existenzen auf dem Spiel. Was man aber findet, ist eine Mischung aus Schicksalsergebenheit und größter Zuversicht. Denn „ich hab doch meinen Verein“, sagt Tobias Witt, 30-Jähriger Realisateur und Gründungsmitglied des „Quellkollektiv e.V.“ – derjenigen Verbindung aus Kulturschaffenden und -interessierten, die seit der Werkschau im vergangenen Jahr mit der Initiative „Wir kaufen die Quelle“ für Furore gesorgt hatten. Und auch für mildes Lächeln – 25 Millionen Euro sammeln, einfach mal so, wer schafft das schon? Genau.

„Wir sind mittlerweile geerdet in unseren visionären Ideen“, sagt Karsten Barnett, politischer Sprecher des Vereins. Im Laufe des Wochenendes wird der 33-Jährige im Rahmen des zweistündlich stattfindenden „Quelle Talks“ interessierten Bürgern Rede und Antwort stehen – ein Teil des Rahmenprogramms zwischen Konzert und Show und Installation und „Buntem Picknick“ am Sonntag als Möglichkeit der Begegnung mit ansässigen Asylbewerbern (Uhrzeiten zum Programm gibt es keine, denn „wir glauben nicht an Uhrzeiten. Die Leute sollen kommen und sich überraschen lassen.“) Man sei guter Dinge, ein adäquates neues Heim zu finden, habe gar schon drei interessante Objekte in Aussicht – nicht zuletzt dank der Unterstützung der Stadt Nürnberg. Ein altes Bahndepot sei im Gespräch, zwei weitere Flächen, die „sehr geeignet wären“, um als offenes Kollektiv weiter zu bestehen und zu wachsen, mit anderen Initiativen zu kooperieren. Freilich, sagt Barnett, hören die Leute sich auch anderweitig um. Wie Martin Rehm.

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Der 30-jährige Fotograf, seit 2011 in der Quelle, sucht längst ein neues Atelier. Was sich schwierig gestaltet. „Es ist schade, dass jetzt alle rausgeschmissen werden, diese geballte Kreativität hier zu zerbrechen droht“, sagt er. Und dass es schade sei, dass die Stadt die Chance verpasst habe, das Gebäude zu erwerben. Sich dafür aber umso mehr um Ersatz bemüht, versichert das Kollektiv. „Wir suchen ein neues Zuhause für unsere Mitglieder und alle anderen Vertreter des subkulturellen Milieus“, so Karsten Barnett. „Und wir hoffen, dass die Stadt uns in Organisations- und Realisierungsfragen weiterhin so gut unterstützt.“ Auf Machbarkeit muss halt geprüft werden. Und auf Bezahlbarkeit. Sie sind größer geworden, die Quellerianer, reifer, das zeigt sich auch in der Ausstellung, die in einer Irrsinnsbuntheit und –vielfalt ein Pfauenrad schlägt mit allem, was hier wächst und gedeiht, sich gegenseitig befruchtet und unterstützt.

Die Mischung aus Laien und Profis, die verschiedensten Hand- und Kunstwerke beweisen eine kollektive Entwicklung, die auch der Konzeptkünstler Christian Weiß so schätzt. „Mein Projekt“, sagt er, „zeigt genau die Verbindung der verschiedensten Zusammenarbeiten, die den kreativen Pool hier so besonders machen.“ Schreiner, Goldschmied, Keramiker und Architekt haben gemeinsam die Arbeit entwickelt, die so schön wie zynisch ist: Von einer Baustelle gerettete Steine – nicht irgendwelche, sondern die berühmten, Neufert’schen Fassadenklinker – erstrahlen mit echtgoldenem Quelle-Schriftzug. „Hoffentlich können so viele wie möglich von uns zusammen umziehen“, sagt Christian Weiß. Wegen des guten Klimas, sagt Tobias Witt, wegen der „wahnsinnigen gegenseitigen Unterstützung und Inspiration.“

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Und dass er „alles andere als entspannt“ sei, aber zuversichtlich. Was genau passiert am 1. Januar, ist bis dato offen: Das Wunsch-Objekt, nämliches Bahn-Depot, wird voraussichtlich bis dahin nicht zum Bezug bereit stehen. Die beiden Alternativen verfügen, so die einhellige Meinung, zwar über großartige Flächen, jedoch eine ausgesprochen unattraktive Lage. Eine Entscheidung muss her, eine gangbare Zwischenlösung. Sonst müssen ab Neujahr rund 100 Künstler und Kreative mit all ihren Pinseln und Farben, Werkzeugen und Ideen auf dem Plärrer campieren. Was dem allerdings nicht schaden würde. Zumindest optisch.

www.facebook.com/Quellkollektiv

 

// Text & Bild: Katharina Wasmeier //