Black Sea Dahu

„Als würdest du immer noch zuhause wohnen“ – Black Sea Dahu im Interview

Mit ihrem Song „In Case I Fall For You“ und dem Debütalbum „White Creatures“ haben sich Black Sea Dahu im letzten Jahr Unmengen positiver Kritik eingeheimst. Nicht einmal ein Jahr später erschien nun die neue EP „No Fire In The Sand“. Erstaunlich, angesichts des konstanten Tourens der Schweizer, bestehend aus drei Geschwistern und drei weiteren Bandmitgliedern. Vor ihrem Auftritt im MUZclub sprachen wir mit Frontfrau Janine über die Entstehung der EP, die Ursprünge der Band und feste Tour-Rituale.

HDIYL: Seit eurem großen Hit „In Case I Fall For You“ ist einiges passiert. Wie hat sich euer Leben durch den Song und das Debütalbum verändert? Wie erging es euch seitdem?

Janine: Wir sind konstant auf Tour seit einem Jahr. Ich habe die zwei Jobs, die ich noch neben der Musik hatte, auf Eis gelegt. Mein kleiner Bruder hat auch seinen Forstwart-Job gekündigt, meine Schwester auch. Der Pianist und der Schlagzeuger haben die anderen beiden Bands, in denen sie spielen, auf Eis gelegt. Es hat sich alles auf diese Band konzentriert und wir sind fast nicht mehr zuhause, einfach nur noch am Spielen.

HDIYL: Ihr wart ziemlich produktiv – nur ein Jahr nach Veröffentlichung eures Debütalbums kommt die EP, zwischendrin habt ihr auch viel getourt. Wie kam es dazu, dass die EP so relativ schnell raus kam?

Janine: Wir haben das Album und die EP damals zusammen in Norwegen aufgenommen und uns dann entschieden, es zu splitten. Zusammen sind es 13 Songs und einerseits haben wir uns so Zeit gesichert, damit wir keinen Stress haben, nach einem Jahr was Neues zu liefern und andererseits gehören die Songs für mich thematisch auseinander. Und drittens finde ich beides spannend – das Konzept vom riesen Album mit 20 Songs (ich glaube, Bon Iver macht das die ganze Zeit) und auch das Kleine, bei dem man mehr Fokus auf die einzelnen Lieder legt. Bei uns ist das Spezielle, dass ein Song zum Teil zehn Minuten lang ist. Das sind zum Teil zwei, drei Songs in einem.

HDIYL: Bei eurem Debütalbum habt ihr die bereits aufgenommenen Songs verworfen und dann nochmal vier Monate in eine Vorproduktion investiert, bevor ihr das Album final in Norwegen aufgenommen habt. War es mit der EP dementsprechend auch so? Oder wart ihr mit den Songs auf der EP direkt zufriedener?

Janine: Nachdem wir die Aufnahmen vom Album verworfen haben, hatten wir für all die Songs in der Vorproduktion extrem viel ausprobiert. Als wir im Studio ankamen, wussten wir, was wir wollten und waren trotzdem flexibel genug, die Idee des Moments auch noch zuzulassen und dabei mitgehen zu können. Der Song „Thaw“ war in unseren Ohren eigentlich ein ziemlich elektronischer Song und jetzt ist der viel akustischer. Das Piano war eigentlich ein Synthesizer. Wir waren aber total geflasht und dachten, das funktioniert so. Bei den Album-Songs sind solche Sachen auch passiert. Ich glaube, wir waren allgemein in Form und flexibel und wussten aber gleichzeitig, wo der Song liegen soll.

HDIYL: Emotional gesehen ist die EP direkter und offensichtlicher geschrieben als das Album, man kann es als eine Art „Post-Relationship-Platte“ hören. Fungiert die EP für dich persönlich auch als Abschluss einer gescheiterten Beziehung?

Janine: Ja, ich denke schon.

HDIYL: Fällt es dir manchmal schwer, diese Songs dann live zu verformen?

Janine: Grundsätzlich mache ich das gerne – Musik zu machen auf einer Bühne, auch wenn es mega persönlich ist. Ich habe schon so oft Konzerte gespielt, bei denen es mir währenddessen oder danach wirklich nicht mehr gut ging, weil es so emotional ist für mich. Aber gleichzeitig dachte ich: „ich muss das machen“. Schwierig wird es dann, wenn sich gewisse Themen wiederholen, wenn ich am gleichen Punkt bin wie damals, als ich den Song geschrieben habe und ich live, wenn ich ihn singe, in der gleichen Situation bin. So, wie wenn ich über ein gestohlenes Portemonnaie geschrieben hätte und jetzt wird mir gerade wieder das Portemonnaie geklaut und ich singe wieder darüber, dann ist man irgendwie viel mehr drinnen und dann regt es einen auf. Dann ist es schwierig, aber sonst geht es irgendwie – ich weiß nicht warum.

HDIYL: Warum ist gerade der Song „No Fire In The Sand“ der namensgebende Titel der EP geworden?

Janine: Ich habe ganz lange rumstudiert, ob es entweder „No Fire In The Sand“ oder „Thaw“ oder „Rhizome“ wird. „Demian“ ganz sicher nicht – ich wollte nicht eine ganze EP nach diesem Song benennen, sonst hätte es mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Und „No Fire In The Sand“ beschreibt für mich auch das ganze Thema auf der EP: dass es nichts mehr gibt an Land, das auf mich wartet. Dass ich woanders hingehen kann. Das ist, wie wenn du bei einem Buchdeckel hinten die Zusammenfassung lesen würdest. Für mich ist „No Fire In The Sand“ die Zusammenfassung von allen Liedern, außerdem mag ich den Ausdruck „No Fire In The Sand“.

HDIYL: Ist „No Fire In The Sand“ denn eine Art Redewendung?

Janine: Ich weiß nicht, ob man das im Englischen wirklich so sagt. Wahrscheinlich checken die überhaupt nicht, was ich meine. Aber ich schreibe schon immer sehr versinnbildlicht und metaphorisch. Ich rede immer „das ist wie…“ und so. Auch bei meinen Freunden ist das schon ein Gag. Ich habe den Ausdruck sehr gern, weil es eigentlich etwas total Trauriges ist, worüber ich schreibe. Aber ich glaube, ich habe es geschafft, es trotzdem schön auszudrücken.

HDIYL: Eure Themen und Texte sind extrem persönlich. Lässt du dich als Schreibkopf der Band beim Songschreiben außer von deinen Gefühlen und Erlebnissen auch von anderen musikalischen Einflüssen inspirieren?

Janine: All die Musik, die ich höre oder Leute, die ich kennenlerne – es beeinflusst mich eigentlich alles. Ich lese auch ganz viele Bücher in Englisch und unterstreiche alle Begriffe, die ich schön finde oder verwenden will und schreibe mir da alles raus.

HDIYL: Welches Buch liest du aktuell?

Janine: „Die sonderbare Welt des Christopher Boone“. Es geht um einen Autisten-Jungen, der einen Fall aufdecken will: sein Nachbarhund ist ermordet worden.

HDIYL: Ihr spielt immer mal wieder mit Naturbezügen und -bildern: Black Sea tragt ihr im Namen, ihr singt von pure white mountains, giant trees, diving deep to the seabed. Woher kommt dieses Natur-Faible?

Janine: Ich mag es einfach mehr als die Stadt. Deswegen haben wir unser Album auch nicht in Berlin aufgenommen, sondern irgendwo in der norwegischen Pampa, die nichts hat außer Meer und ein paar Bauernhöfe, wo niemand ist. Es gibt mir Ruhe und Konzentration und ich kann da für mich sein. Es gibt nicht so viel Lärm und zu viele Leute und Kommerz. Ich weiß nicht, ob es allen Menschen so geht, aber wenn man das Meer ansieht, passiert etwas mit einem. Man wird kleiner und bekommt neue Perspektiven. Das passiert auf jeden Fall mit mir, wenn ich am Meer bin und vor allem, wenn ich surfen gehen kann. Man ist draußen und wartet einfach mal eine Weile. Dann kommt vielleicht ein Set, aber vielleicht surfst du es gar nicht. Vielleicht lässt du es durchgehen und dann kommt das nächste Set. Das ist wie Meditation. Wir waren damals alle Pfadfinder, unser Vater hat einen Schrebergarten gehabt, wir sind auf dem Land aufgewachsen. Der Bauernhof war nebenan, da haben wir jeden Morgen Milch geholt.

HDIYL: Ursprünglich ist das Projekt aus einer Matura-Arbeit entstanden, dann kamen neue Bandmitglieder dazu und ihr habt euch JOSH genannt. Hat die Musik jetzt als Black Sea Dahu im Vergleich zur Schulzeit eine andere Gewichtung bekommen?

Janine: Das Lustige ist, dass es für mich nie eine Schülerband war. Ich habe die Band gleich bei der Matura gegründet und dann haben wir einfach weiter gemacht. Ich wollte von Anfang an raus und spielen. Ich habe direkt schon „Heavy Management“ betrieben und Cafés angeschrieben etc. Als wir noch JOSH geheißen haben, hatten wir noch zwei Bandmitglieder, die dann ausgestiegen sind, u.a. weil sie nicht ganz so mit dem Vibe klar gekommen sind zwischen uns drei Geschwistern und weil es doch auch schon streng wurde, weil man sechs Jahre lang für gar nichts spielt. Es ist anstrengend und zeitintensiv. Das haben sie irgendwann nicht mehr ertragen und sind gegangen. Mit dem Zustoß vom neuen Schlagzeuger und Pianisten hat sich etwas in der Band verändert und wir haben uns umbenannt. Es entstand ein neuer Drive. Es kam frische Energie dazu und die neuen Mitglieder wollten auch, das hat man gespürt. Vorher war es so, dass ich immer gezogen und gezogen habe und die anderen waren eher zurückgelehnt, einer hat sogar nach hinten gezogen. Mit den neuen Leuten ziehen nun alle an einem Strang. Dann waren wir in dem Studio und haben die Platte aufgenommen und haben gewusst: wir finden das alle scheiße geil! Wenn es keinen Erfolg hat, meinetwegen, aber es ist so geile Musik, die wir gemacht haben und das reicht uns irgendwie. Dann haben wir uns mit dem Verlag Mouthwatering Record zusammen getan (wir haben kein Label) und seitdem geht es mega steil hinauf. Alle konzentrieren sich auf die Band und geben alles. Das hat mega viel mit Commitment zu tun. Die Musik war damals noch ein Traum und für einige eher ein Hobby.

Als es Black Sea Dahu wurde, wusste ich: das wird unser Job. Wir wollen das alle und es wird klappen. Punkt.

HDIYL: Du hast gerade eine schöne Dynamik in der Band beschrieben, dass ihr nun alle an einem Strang zieht. Ihr seid drei Geschwister in der Band. Gibt es viel Streit? Wie ist es so mit Geschwistern in der Band?

Janine: Als würdest du immer noch zuhause wohnen mit allen Geschwistern. Dann fetzt du dich an einem Tag oder gehst dir einfach nur auf die Nerven. Seit du auf der Welt bist, kennst du dich und weißt genau, wo du drücken musst. Aber andererseits ist so ein Grundvibe in der Band, in den man sich als Außenstehender sehr gut einfach reinlegen kann, weil es von Grund auf so familiär und lustig ist.

HDIYL: Gibt es denn einen Unterschied zwischen den Familienmitgliedern und den anderen Bandmitgliedern?

Janine: Ja mega. Wenn wir Geschwister streiten, dann haben wir gewisse Mechanismen entwickelt. Z.B. kommt der Pianist dann und sagt „Auseinander! Auseinander!“ und der sagt es immer so lustig, dass wir dann lachen müssen und denken „Ja stimmt, wir haben jetzt über irgend so ein kleines Ding gestritten“. Das ist schon wichtig. Sie spielen oft dort Mediator, wo wir so eine verkeilte Art haben miteinander zu reden. Sie kommen mit einer frischen Art der Kommunikation und das hilft uns sehr.

HDIYL: Du hast bereits erwähnt, dass ihr sehr viel auf Tour seid. Wenn man so viel unterwegs ist, entwickelt man doch sicherlich auch feste Rituale. Ihr macht z.B. nach den Gigs immer ein Foto von euch nach dem Abladen. Habt ihr auch vor den Gigs gewisse Rituale oder Aufwärmtechniken?

Janine: Ja, wir machen jedes Mal so eine Sonne. Das machen wir jetzt schon seit Jahren. Alle strecken eine Hand in die Mitte, immer die gleiche, und dann bläst einer da rein und gibt den Wind an. Wenn du die Hände zusammen knickst, ergibt das eine Sonne. Je mehr Leute dabei sind, desto cooler ist es.

HDIYL: Was war bisher der denkwürdigste Moment auf Tour?

Janine: Am Anfang der Tour hatten wir ein bisschen Schwierigkeiten mit der Technik und dem neuen Set. Wir waren ein bisschen unsicher und damit verunsichert man auch das Publikum, dann ist das so ein Ping Pong-Spiel. Jetzt langsam sind wir eingespielt, haben gewisse Abläufe intus und können das auch liefern. In Hamburg waren die Leute z.B. auch total ready, wunderbar herzlich und warm und haben auch mit uns kommuniziert. Durch das konnten wir eine mega schöne Show spielen und es genießen.

Auch der MUZclub hat Black Sea Dahu sehr warm und herzlich empfangen. Kein Wunder, bei einer solch menschlichen Band. Bei jedem Gig haben sie ein kleines (Harry Potter) Notizheftchen mit dabei, in das jeder Gast Worte an die Band richten kann. Das hilft ihnen, sich selbst immer wieder aus Sicht der Fans zu sehen und schlechte Laune schnell vergessen zu machen. Wir sagen: vielen Dank für das Gespräch und das beeindruckende Konzert, das so viel Herzenswärme beinhaltet hat!

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Black Sea Dahu live:
05.02.20 Esslingen – Kulturzentrum Dieselstrasse
06.02.20 Übersee – Freiraum Übersee
07.02.20 Annaberg – Alte Brauerei Anna Berg
08.02.20 Darmstadt – bedroomdisco
10.02.20 Münster – Pension Schmidt
11.02.20 Langenberg – KGB Langenberg
13.02.20 Leipzig – UT Connewitz
14.02.20 Lauenau – Kesselhaus Lauenau
15.02.20 Brandenburg – Buchholz Saloon
16.02.20 München – Milla Club
21.03.20 Frankfurt – Brotfabrik
22.04.20 Augsburg – Provino Club
23.04.20 Tübingen – Sudhaus
24.04.20 Jena – Kassablanca
25.04.20 Dortmund – Junkyard
22.05.20 Köln – YUCA
23.05.20 Hamburg – Hamburg Harbour
24.05.20 Rostock – JAZ

// Interview: Sarah Grodd & Lukas Ullinger //
// Bild: Black Sea Dahu //