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Gefragt: FJØRT – Teil 2

Leben und Leben lassen!

Im gestrigen ersten Teil unseres großen FJØRT-Interviews habt ihr schon viel über Texte, Politik und den Backstageraum im Club Stereo erfahren. Heute geht es um Guilty Pleasures, Mark Forster und Pizzabäcker.

HDIYL: Über Eure Musik wurde schon viel geschrieben, aber was war für Euch das größte Lob, das ihr bislang erhalten habt?

FJØRT:
Chris: Ich glaube, das größte Lob ist nicht, dass jemand von einem Onlinemagazin schreibt „9 von 10“, sondern wenn wir nach dem Konzert am Merch stehen und dann Leute herkommen und sagen: „Ich wollte nur Danke sagen, Eure Mucke hat mir sehr durch eine schwere Situation geholfen.“ Das mag dir zwar jede Band erzählen, aber das sind genau diese Sachen, die die Musik transzendieren. Das heißt, es geht gar nicht mehr drum, was wir schreiben oder was wir für Typen sind, sondern irgendwie ist da was passiert, dass wir jemandem helfen konnten und dem was geben konnten, ne Emotion entlocken konnten. Das sind diese Sachen, die uns nach der Show echt ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Wo wir dann auch sagen: „Vielen vielen Dank. Geil, dass du die Mucke gefunden hast, dass du die eingelegt hast und dass du da was mitnehmen kannst.“ Wir sind halt nicht Mark Forster. Das ist das, was einen mitnimmt und wo man jede Show wieder denkt: „Wow, danke, dass wir das machen dürfen.“

David: Ich musste gerade so ein bisschen über den Satz „Wir sind halt nicht Mark Forster“ lachen. Das ist halt echt so. Den kennt halt jeder, den Dude. Du schaltest Pro7 ein und den kennt da jeder. Es wird wahrscheinlich keiner in nem Jahr auf ein Mark Forster Konzert kommen und sagen: „Boah ey, ich hab dich gestern entdeckt! Ein Freund von mir hat mir ein Mixtape gegeben, da ist ein Song von dir drauf und der hat mich voll mitgenommen.“ Das erlebt der wahrscheinlich selten. Klar, er hat kreischende Leute drum rum, aber das mal einer sagt: „Ey, deine Mucke!“ Bei uns ist das Schöne, das ist so ein Schneeballeffekt. Am Anfang haben wir vor 2-3 Leuten gespielt, dann waren wir in Nürnberg, da waren’s fünfzig, beim nächsten Mal in Nürnberg wars ausverkauft. Wir haben halt immer noch Leute, die nach Konzerten kommen und sagen: „Ich hab Euch letzte Woche kennengelernt und Ihr macht mich komplett fertig.“ Und das pusht! Dass du merkst, deine Musik, die kriegen mehr Leute mit. Die war im Verborgenen und wird halt entdeckt. Das ist halt total geil. Das kriegen wir dann live immer wieder durch Erzählungen mit. Wir kennen uns halt seit 2012, für uns ist das das Normalste der Welt, dass wir in dieser Band spielen. Wenns für andere Leute was völlig Neues ist, wie wenn du für jemanden nen geilen Kuchen gebacken hast oder ne geile neue Pizza entdeckt hast, dann macht das ja Glücksgefühle für denjenigen und der Pizzabäcker findets auch geil. Der sagt dann: „Geil, du findest meine Pizza geil. Sags weiter, erzähls weiter!“ Das macht Spaß!

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Chris: Wenn Leute sich auch mit der Musik auseinandersetzen, wenn du was machst, wo du dir superviele Gedanken drüber gemacht hast und dann Leute hast, die das auch auseinander nehmen. Die das nicht so für gegeben hinnehmen und sich überlegen, was steckt hier dahinter. Wenn Leute kommen und haben ein kleines Notizbüchlein dabei und haben sich da nen Text aufgeschrieben, wo sie sagen: „Hier, das bedeutet mir voll viel, kannst du mir zu der Zeile kurz was sagen?“ Das sind so Sachen wo du dir denkst: „Wahnsinn, dass sich da jemand anders dein Baby genommen hat und es ein bisschen auch als seines annimmt.“ Das ist wunderschön.

HDIYL: Wo wir schon bei Mark Forster waren, habt ihr musikalische guilty pleasures? Musik, bei der man so gar nicht denkt, dass ihr die hört.

FJØRT:
Chris: Guilty Pleasures ist ja etwas, das es nicht geben darf. Guilty Pleasures sagt ja, dass du dir etwas anhörst und gut findest, aber es nicht gut finden darfst. Das ist eigentlich echt was, wo man sich von frei machen muss.

David: Das war schon in vielen Interviews so, dass gesagt wurde, die machen voll die harte Musik, die dürfen so was nicht anhören. Wir sind begnadete Clueso Fans. Es gibt so viele megageile Sachen. Wir schieben uns ja auch immer megaviele Mucke rüber. Es schiebt aber keiner irgendwie brettharten Hyperscheiß rüber.

Chris: Das gibt es aber auch!

David: Seltener aber. Weil sich in dieser brettharten Musik viel wiederholt und wir da aber auch voll offen sind. Ich hab die letzten Philipp Poisel Platten sehr gerne gehört. Da kannst du mich jetzt auslachen für und sagen, der Typ fühlt das nicht. Bin ich bei dir. Aber ich find cool, was der mit seiner Stimme macht und wie das Songwriting und die Produktion ist. Aus reiner Musikersicht dann.

Chris: Es ist halt schlimm, wenn jemand sagt Musik A und B, die hör ich mir gar nicht erst an, weil is ja komisch die anzuhören. Heute kam ja die neue Architects Platte raus, da hab ich mal in zwei drei Songs reingezappt. Ich bin halt riesiger Architects-Fan seit zehn Jahren. Die haben mich irgendwann mal richtig abgeholt. Dann hab ich vor ein paar Tagen die Ólafur Arnalds Platte reingezogen. Das ist so ein Composer-Typ, der hat einfach ne Platte aufgenommen, die heißt „Livingroom Songs“, das sind einfach nur Klavierstücke, richtig rough aufgenommen. Da knackt und knisterts. Und dann sitzt du da und lässt dich einfach nur wegfliegen. Auch sehr viel Popmucke und so. Es gibt so viel Mucke aus der man was ziehen kann. Wenn man darf…

David: Das ist halt bei Mucke das Wichtige. Genau was Chris gesagt hat, ist das Problem. Wenn man da an ne Band denkt und sagt: „Boah, kannst dir nicht reinpfeifen.“ Hey, der neue Annenmaykantereit Song, „Marie“, find ich super. „Weiße Wand“, find ich super. Was der Typ für ne Stimme hat und was der da rausholt. Jetzt geh mal auf ein Hardcorekonzert und sag zu nem Typen du findest den neuen Annenmaykantereit Song super. Da steht der vor dir und meint „Waaas, das geht ja gar nicht, sowas kann man sich ja nicht anhören.“ Wo ich mir dann denke, wie sehr beschränkt man sich selber und wie viel entgeht dir auch bewusst? Blöd gesagt, sich einfach mal auf was einlassen und das auf sich wirken lassen. Dann kann man danach immer noch sagen, is nicht mein Ding. Aber direkt dieses von oben herab „Das geht doch nicht“ und „Das kann man nicht“. Da kommt so ne absolute Intoleranz in einen Bereich rein, der absolut tolerant sein müsste. Jemand der eine bestimmte Musik liebt, der soll doch diese Musik hören dürfen. Warum darf der denn bestimmte Sachen nicht. Dann können wir uns noch über Texte unterhalten. Welche Texte verbreitet werden. Da bin ich dann auch wieder dabei, dass es da Einschränkungen geben sollte. Wenn jetzt jemand so nen total stumpfen Elektrobeat für sieben Stunden hört, ja bitte, viel Spaß dabei! Ist doch dein Ding. Dass man sich anmaßt über den Geschmack von anderen zu richten, boah, da könnten wir uns Stunden drüber unterhalten. Das ist ne ganz schlimme Entwicklung!

Chris: Es gibt so viel geile Mucke. Ohne jetzt die Band bewerten zu wollen, aber ne Band wie Bring Me The Horizon, die nen neuen Song raushauen und die Menschen sagen einfach nur: „Was ist das für eine Scheiße, was ist das für ein Pop, was ist das für ein Müll?“ Ohne jetzt zu sagen, was ich von diesem Song halte, aber was soll das denn? Wenn ne Band sich weiterentwickelt und wenn die Leute Bock haben, poppige Musik zu hören, dann sollen sie es doch machen. Das machen wir doch auch. Warum diskutiert man auch über solche Sachen?

David: Man sollte da mehr leben und leben lassen, wie man in Köln sagt.

HDIYL: Wir sind ja immer auf der Suche nach neuer Musik, habt ihr nen musikalischen Geheimtipp für uns?

FJØRT:
Chris: Haben wir. Da kann man sich mal quer durch unseren Support klicken, den wir mit auf Tour nehmen. Ich glaub ne riesengroße Band für uns war Black Foxes, das ist ne Band aus England. Die haben zwei Platten mittlerweile und haben uns komplett weggefegt. Yellowknife, die wir mit auf Tour nehmen. Fast schon Weakerthans Pop und man kann, wenn man auf der Suche nach härteren Bands ist, die keiner kennt, bei dem Label vorbeischauen, das unsere erste Platte veröffentlicht hat. True Love Records. Die haben zum Beispiel ne Band wie Svalbard aus England rausgebracht, We never learned to live, Sandlot Kids und einfach so kleinere Bands, die unglaublich gute Musik machen, die aber keiner auf dem Schirm hat, denn wie soll man denn heutzutage Musik finden, wenn der Spotify-Algorithmus einem eben nicht sagt, die sind geil. Funktioniert ja nur noch über Mund-zu-Mund Propaganda, wenn man sich nicht von den großen Konzernen vorgeben lassen will, was man zu hören hat.

HDIYL: Vielen Dank für Eure Zeit und dann heben wir am 30. Januar einen im Z-Bau.

FJØRT: Auf jeden Fall, nen kleinen vorher und nen großen danach!

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/ Interview: Simon Strauß /
/ Bilder: Pressefreigabe und Bing-Hong Hsiao