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How Deep is You Local Love? Antrieb, der im Porträt

Ein neues Licht am Nürnberger Musikhimmel leuchtet auf: Antrieb, der sehen sich mehr als Musik- und Videokollektiv denn als klassische Band. Am 14. November spielen sie zusammen mit Dora Flob & Send/Delete in der Desi. Bei Bier & Kneipenstimmung sprachen wir mit Alessia und Joseph über überdeckende Gerüche, böse YouTube-Kommentare und eingefahrenes Album-Denken.

HDIYL: Euch gibt nun seit ca. einem Jahr. Zunächst war es euch noch gar nicht klar, dass es eine „Band“ wird?

Alessia: Wir haben eher als Kollektiv begonnen. Wir machen beide Kunst und wohnen zusammen in einer WG. Es ist alles durch einen Freund gestartet, der jetzt in Köln wohnt. Mit dem haben wir eine Weihnachtsplatte für Familie und Freunde aufgenommen. Da haben wir uns das erste Mal „Antrieb, der“ genannt. Das war aber schon noch ein anderer, ein lieblicher Sound.
Joseph: Auch ohne Ernsthaftigkeit, ein Projekt daraus zu machen.
A: Als der Freund dann in Köln war, haben wir beschlossen, mit dem Projekt weiterzumachen. Ich habe vorher 12 Jahre lang Klavier und Trompete in der klassischen Richtung gespielt.
J: Und ich habe sechs Jahre in einer Folk-Rock-Band gespielt. Aber das ist jetzt eine ganz andere Art der Zusammenarbeit. Damals war ich Schlagzeuger, jetzt bin ich wie Alessia auch Sänger.
A: Bei uns macht jeder mal was. Mal spiele ich die Synthies ein, mal Jo, mal spielen wir sie beide. Wir suchen meistens nach Wörtern, die uns catchen und aufgrund dieses Wortes bauen wir ein Lied auf, das mit der Thematik zu tun hat. Oftmals verwenden wir auch „Denglisch“, also Anglizismen. Dadurch wird das Lied auch verständlich für Leute, die gar kein Deutsch sprechen.

HDIYL: Seht ihr euch also als Band oder als Kunst-Projekt?

A: Beides. Das Wort „Band“ ist eher vorbelastet. bei einer Band stellt man sich bestimmte Rollen vor.
J: Man kann es als Duo bezeichnen. Unter „Band“ versteht man auch Instrumente, die live gespielt werden und auch, wenn ich das zu schätzen weiß, ist es nicht etwas, was wir in unserem Projekt sehen. Wir konzentrieren uns mehr auf die Performance.

HDIYL: Wie muss man sich dann euer Konzert am 14. November in der Desi vorstellen? Werdet ihr eure Instrumente nicht live spielen?

A: Wir haben Background-Instrumentals, die wir vorher eingespielt haben.
J: Wir müssen uns dadurch nicht um irgendwelche Instrumente und Einsätze kümmern und können uns auf die Gesamtperformance und unser Verhalten auf der Bühne konzentrieren. Vor allem jetzt am Anfang finde ich es super schwierig, das alles gleichzeitig zu handeln.
A: Wir bräuchten ja alleine fünf Leute, damit alle gleichzeitig die Synthies spielen können. In dem Moment kommt es v.a. auf den Gesang und die Interaktion mit dem Publikum an und nicht darauf, ob ich jetzt z.B. die Keys richtig einspiele. Die Lieder werden in einer videoähnlichen Installation gespielt.
J: … In einer Art Kulisse. Es sollte mehr Show und Entertainment werden. Deswegen auch die Bezeichnung „Ü-Musik“.
A: Wir haben ganz lange drüber nachgedacht, wie wir das bezeichnen, was wir machen und sind dabei auf das Überthema Unterhaltung gestoßen. Es gibt immer diese Spartentrennung zwischen Unterhaltungs- und ernster Musik. Erst dachten wir, wir machen nur Unterhaltungsmusik.
J: Aber unsere Musik macht teilweise doch Meta-Ebenen und Themen auf. Auf eine ironische Art und Weise sind die doch ernst zu nehmen.
A: Unsere Texte sind in gewisser Weise moderne Gedichte. Wenn man das nur als Unterhaltung bezeichnen würde, würde man es sich auch leicht machen.

HDIYL: Apropos Gedichte – ich finde eure Texte teilweise recht dadaistisch und abstrakt.

A: Leute verstehen unsere Texte manchmal auch rein akustisch nicht, aber da entstehen ganz schöne Dynamiken: Leute verstehen das, was sie verstehen wollen oder glauben zu verstehen und auf einmal bekommt der Text eine ganz andere Bedeutung. Der Song „Febreze“ ist ein gutes Bespiel: Febreze als etwas, das Gerüche überdeckt. Dass wir Abgase produzieren und die mit Febreze übersprühen.
J: In dem Song singen wir „Motorrace auf der PlaySi“, die einzigen Abgase sind tatsächlich der Febreze-Geruch.
A: Wir wollen uns da gar nicht rausnehmen oder den Finger auf etwas heben, das schief läuft. Es ist eher ein Besingen von Konsum, ohne dass wir dabei jemanden kritisieren wollen.
J: Es ist auch immer eine Selbstkritik – das sind Dinge, die uns selber umgeben & beeinflussen.

HDIYL: Wie entstehen die Songs konkret bei euch? Wer schreibt die Texte?

J: Wir machen alles immer zu zweit.
A: Meistens sind wir zusammen in der WG und dann fällt uns irgendein Wort auf. Daraufhin reimt jeder drum herum.
J: Das Reimen benutzen wir schon noch als traditionelles Mittel, um unsere Texte zu gestalten.

HDIYL: Das Reimen ist ja auch eine klassische Stilistik des Hip Hop & Trap. Euer Song „Aiuta mi“ klingt schon sehr „trapig“.

A: In dem Song haben wir den Text des uralten Liedes „Mala Femena“ übernommen und auf diese Weise in unsere jetzige Zeit transportiert. Zusätzlich habe ich einen Teil des Textes in meine weibliche Sicht umgewandelt.
J: Popkultur ist bei uns ein großes Thema und Trap eine zeitgenössische Musikrichtung. Es ist witzig, alte Songs aufzunehmen und in neue Kontexte zu setzen. Wir denken uns nicht bewusst, dass wir Trap mit rein holen wollen. Wir spielen rum und plötzlich kann es trapig, aber auch New Wave / 80s-mäßig klingen.
A: Ich würde uns keine Sparte vorschreiben. Wir haben nicht-veröffentlichte Tracks, die eher in den Operngesang gehen.
J: Oder wunderschöne Balladen und traurige Lieder.

HDIYL: In der Tat ist mir aufgefallen, dass eure „älteren“ Lieder „Monolith“ und „Civitella“ eher klassischeren Popstrukturen folgen als „Febreze“ oder „Aiuta mi“.

J: Das waren auch noch die Anfänge von Antrieb, der. Das Video „Civitella“ gab es, bevor es diese Gruppierung gab.
A: Wir machen einfach das, worauf wir in dem Moment wirklich Bock haben. Sei es Indie oder auch mal Schlager (wir haben auch noch einen Schlagersong).
J: Es ist schön, wenn man sich in allem bedienen kann und sich nicht in nur einem Feld bewegen muss.

HDIYL: Ihr habt neben den fünf veröffentlichten insgesamt 20 Songs in petto. Das ist ja ein Album wert! Ist da was geplant?

A: Nee, eigentlich nicht. Ich höre kaum noch Alben an. Wir drehen Musikvideos zu den Songs, auf die wir spontan Bock haben und dann kommt es direkt raus. Wir brauchen nicht die geschlossene Struktur eines Albums.
J: Dieses ganze Album-Denken hat mich damals bei der Band auch immer super belastet. Man musste noch mehr Songs ansammeln, um ein Album zu droppen. Dann hat man ein Album mit fünf guten Songs und der Rest ist Lückenfüller. Es langweilt auch.
A: Wir produzieren manchmal auch drei Songs an einem Tag. Dann fängt es in der Früh ganz lieblich an, mittags wird es aggressiver und am Abend wird es z.B. ein Schlaflied.

HDIYL: Das klingt sehr produktiv. Ihr denkt also nicht lange auf euren Songs herum?

J: Ja, es ist auch so eine Art des Abschließens. Wenn es veröffentlicht ist, ist es abgeschlossen. Es ist manchmal hart, diesen Punkt zu machen.
A: Ich höre mir die Songs nicht mehr an, sobald sie mal veröffentlicht wurden und dann habe ich immer wieder ein neues Lieblingslied. Am liebsten würde ich eigentlich alles dauernd nur live machen. Wir können auch nicht sagen, wie wir vorgehen.
J: Unsere Herangehensweise ist immer anders. Mal ist der Text zuerst da oder es ist zuerst die Melodie oder der Drumbeat da. So, wie es uns gerade Spaß macht.

HDIYL: Ich finde es spannend, dass bei euch beides funktioniert. Es gibt schließlich Bands, die einen festen, fast eingefahrenen Weg bei der Songproduktion haben.

A: Das ist auch der Vorteil, dass wir uns nicht als Band bezeichnen sondern als Kreativschaffende, die einfach mal drauf los probieren. Als Band kommt man schnell in eine Routine rein, man trifft sich an einem bestimmten Ort, an den man mit einer bestimmten Einstellung des Musikmachens hingeht. Wir sind aber teilweise einfach nur im Zimmer, wenn uns spontan die Idee kommt, Musik zu machen.
J: Ich möchte auch nicht an den Punkt kommen, dass Leute auf unseren Konzerten eine bestimmte Musik erwarten. Das würde mich eingrenzen. Es passiert bei uns von selber, dass es ganz unterschiedliche Songs werden. Dann kann der Zuschauer und Zuhörer nicht wirklich etwas erwarten sondern jedes Mal nur wieder darauf gespannt sein, was passiert.

HDIYL: Ihr erzählt, dass ihr mit einer breiten Palette an Bands verglichen werdet – von Trio über John Carpenter hin zu Yung Hurn. Nerven euch die Vergleiche mit anderen Bands?

J: Gar nicht. Wir leben selbst in vielen Nischen und hören verschiedenste Musikstile. Mal fühlen wir uns in der einen Nische wohl, mal in einer anderen und es kommt trotzdem etwas raus, was in die Richtung „Antrieb, der“ geht.
A: Viele Bands bedienen nur eine Nische und dürfen dann nicht mehr wechseln. Die haben dann schon eine große Bookingagentur und dürfen z.B. ihre Frisuren nicht mehr ändern. Das ist mir bei den Parcels aufgefallen. Die schauen immer gleich aus und haben immer den gleichen Sound. Das würde ich eher ungern machen, weil es uns zu viel Spaß macht, einfach auszuprobieren und nicht immer ein fertiges Produkt zu produzieren.

HDIYL: Ich finde euren Pressetext ganz interessant: „In Zeiten, in denen jede Popmusik auf ihre Forderung beharrt, ernst genommen zu werden, ist ein Gegenpart – um nicht zu sagen Gegner – notwendig. Antrieb, der begibt sich dankend in diese Rolle.“

A: Wir sind in einem Mischbereich zwischen Musik und Performance und finden es auch nicht schlimm, wenn Leute uns hören und sagen, dass sie es total scheiße finden. Einer hat mal auf YouTube kommentiert „Das ist das Schlimmste, das ich je gehört habe“. Es hat mich so gefreut, dass man so anecken kann und dass sich jemand die Mühe macht, einen Hasskommentar auf ein Video zu posten.
J: Es ist allgemein schön, zu polarisieren. Ich finde es gar nicht wichtig, in welche Richtung man polarisiert. Jede Emotion ist gut, es wäre bloß schlimm, wenn es keine Emotion gäbe.

HDIYL: Ihr kommt aus einem künstlerischen Gebiet, wo man eh viel mit Geschmäckern zu tun hat und mit Kritik umgehen muss. Seid ihr dadurch abgehärteter gegenüber Kritik an eurer Kunst?

A: Gerade im Kunstkontext gibt es immer so viele unterschiedliche Meinungen. Mich interessiert, in welche Richtung welche Emotion ausgelöst wird, aber allein, dass Leute darüber reden, ist super.
J: Der eigentliche Grund, warum wir das machen, ist, dass es uns selber viel Spaß macht. Das ist dann schon das Ergebnis wert.

HDIYL: Ihr bezeichnet euch selbst als „music & video art collective“. Zu jedem eurer fünf veröffentlichten Songs gibt es ein Musikvideo. Welchen Stellenwert nehmen also jeweils Musik und Video ein?

A: Wir brauchen immer ein Video, einen visuellen Reiz. Meine Eltern reden nicht gerne über Kunst oder hören keine ernste Musik. Aber sobald etwas in einem Filmformat vorkommt, trauen sie sich viel mehr, darüber zu reden. Es wird dann greifbarer.
J: Live ist uns die Performance super wichtig. Und die theatralische Art und Weise, auf die wir das rüber bringen. Ohne Visualität ist das gar nicht möglich. Und es macht auch Spaß!

HDIYL: Wieviel Zeit nehmt ihr euch im Schnitt für ein Musikvideo?

J: Es ist immer sehr unterschiedlich. Manchmal dauert es so lang und dann wird es einfach weg geschmissen.
A: Aber die veröffentlichten Videos haben nicht länger als zwei Stunden gedauert. Ich schaue sie danach nicht mehr an. Ich konsumiere dauernd meine Songs und sobald ich die rausgeworfen habe, widme ich mich dem nächsten Projekt.
J: Konsum trifft es echt ganz gut. So produzieren wir unsere Sachen: wir produzieren unsere Lieder nicht in einem krassen Studio, sondern objektiv gesehen sehr billig. Genau so ist das Konsumverhalten in unserer Gesellschaft. Das betrifft Klamotten und auch Musik kommt und geht sofort wieder. Man merkt sich jemanden und dann vergisst man den sofort wieder, weil der nächste Interpret kommt.

Wir wünschen viel Spaß beim Auftritt in der Desi und freuen uns auf viele weitere Songs und Musikvideos!

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14.11. – mit Dora Flob & Send/Delete, präsentiert von Spagat Booking – Desi Nürnberg

// Interview: Sarah Grodd //
// Bild: Antrieb, der //