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Nachbericht: Bukahara

Ist gut gemeint das Gegenteil von gut?

Die Stadt Nürnberg hat mit der Ankündigung ihrer Seebühnen Konzerte auf dem Dutzendteich reichlich Wellen geschlagen. Mehrere offene Briefe wurden hin und her geschickt und die lokale Musikszene fühlte sich im Stich gelassen und begleitete die Veranstaltung durch kleinere Proteste.

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Was war der Auslöser dieses Shitstorms?
Die Stadt dachte sich, dass man, wenn schon Bardentreffen, Klassik Open Air und Stars im Luitpoldhain wegfallen, doch ein Alternativprogramm bieten könne. Also kam man auf die eigentlich sehr charmante Idee, eine Seebühne auf der Terrasse des Yachtclubs aufzubauen und dort je ein passendes Konzert abzuhalten. So weit so gut. Das schafft eine gern genommene Abwechslung und bietet den Leuten die Möglichkeit, endlich wieder Konzerte zu sehen.

Als Band, die das Bardentreffen repräsentieren sollte, fiel die Wahl auf die Kölner Kombo Bukahara. Ich persönlich bin ein großer Fan der Band und ihr fröhlicher Sound hat mir gerade in der konzertfreien Corona-Tristesse mehrfach den Tag gerettet. Für mich war sofort klar, dass ich bei diesem Konzert dabei sein werde, bis ich die Anforderungen an die Gäste sah. Jeder muss sein eigenes Schlauchboot mitbringen und in diesem dürfen maximal zwei Personen sitzen. Da lag schon mein erstes Problem. Isch ‚abe gar kein Schlauchboot. Das Thema zwei Personen pro Boot kann man aus hygienetechnischer Sicht noch verstehen, Familien mit einem Kind sind hier aber gearscht, denn auch ein Kind darf nicht als Dritter mit ins Boot. Auch wurde großspurig behauptet, dass man am Ufer nichts von der Musik hören würde. Dies bedeutete für mich erst mal, dass eine Band, die man laut hören muss, wohl ziemlich leise spielen wird.

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Nach längerem Überlegen und einem wütenden Facebookpost kam ich zu dem Entschluss, dass ich nicht als offizieller Gast an diesem Konzert teilnehmen werde, sondern dass ich die These „am Ufer ist das Konzert nicht zu hören“ genauer überprüfen werde. Also ein befreundetes Pärchen eingeladen und mit Decke, Wein und Quiche am Ufer beim Doku-Zentrum gemütlich gemacht. Von dort konnte man – welch Wunder – das Konzert hervorragend verfolgen, verstand jede Textzeile und auch jede Ansage. Jedoch ließ es auch das Konzert in den Hintergrund rücken. Man unterhielt sich und hatte die Musik nur als sehr angenehmes Grundrauschen im Hintergrund. Hatte bissl was von einem Festival, weil wir auch nicht die einzigen mit dieser Idee waren. Was man so vom Konzert mitbekam war musikalisch top und bestärkte auch meine Meinung, dass Bukahara eine hervorragende Liveband sind. Auch das Publikum war sichtlich begeistert und tanzte auf den Booten und, möglicherweise unfreiwillig, auch mal im See.

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Aber dieser Konzertbericht ist eben nicht nur ein Konzertbericht, sondern soll auch die andere Seite beleuchten. Warum stellt die Stadt für kolportierte mehrere zehntausend Euro (wohl durch Sponsoren bezahlt) eine Bühne auf, erarbeitet ein Hygienekonzept und holt sich dann eine Band aus Köln, wenn es doch in Nürnberg auch viele gute Bands gibt? Warum gibt es die Konzerte nur für den erlauchten Kreis der Schlauchbootbesitzer? Warum nutzt man dieses wirklich schöne Ambiente nur für ein Wochenende?

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Für viel Unmut im Vorfeld sorgte vermutlich auch die Lokalpresse, die ihre Artikel zur Seebühne mit einem Foto der millionenschweren Seebühne Bregenz bebilderte. Im Grunde war es ja nur eine Bühne auf der Terrasse des Yachtclubs, hier muss ich die Stadt etwas in Schutz nehmen. Warum holt man eine Band aus Köln? Dies wurde von der Stadt damit begründet, dass Bukahara den weltmusikalischen Charakter des Bardentreffens darstellen sollten. Das ist ein schlüssiges Argument und wenn man genau darüber nachdenkt, dann hat man es schwer, eine Band ähnlicher Größe und Qualität in Nürnberg und Umgebung zu finden.

Aber!

Das Bardentreffen hat zum Beispiel auch die jedes Jahr gut besuchte MUZ-Bühne. Weshalb nimmt man nicht einen Tag des Wochenendes und stellt das Bardentreffen mit mehreren lokalen Bands dar, die nacheinander die Seebühne bespielen? Da kann man auch Newcomer aus Nürnberg und Umgebung spielen lassen. Das Publikum ist so auf Konzertentzug, wenn da Hans und Heiner mit Keyboard und Gitarre die größten Hits der Amigos covern, kommen trotzdem einige. Wenn man das Konzept Seebühne nimmt und es auf mehrere Wochenenden ausdehnt, sich mit z. B. der Kulturliga im Vorfeld zusammensetzt und unterschiedlichste lokale (sub)kulturelle Veranstalter mit ins Schlauchboot holt, wird dann nicht die kulturelle Strahlkraft Nürnbergs viel besser dargestellt, als wenn man an drei Tagen zwei Konzerte (Ersatz für Klassik Open Air und Stars im Luitpoldhain) bietet, die eher Hochkultur als kulturelle Vielfalt darstellen? Warum schafft man hier eine Abgrenzung, anstatt Solidarität zu zeigen?

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Bei einer längerfristigen Seebühne könnte die Stadt für einen kleinen Aufpreis Schlauchboote direkt mit vermieten. Man könnte am gegenüberliegenden Ufer 3 x 3m große Areale absperren und dort je 2 Haushalte zusammen feiern lassen. Diese zahlen dann weniger als die Gäste auf dem See. Noch nen Bratwurststand oder nen Foodtruck und einen Getränkestand, schon hat man ein coronakonformes Mini-Festival geschaffen. Wenn man hier die lokalen Veranstalter wie das Concertbüro Franken oder die zahlreichen Kollektive im Vorfeld gefragt hätte, dann hätte man auch ein Konzept erarbeiten können, bei dem es keine Protestaktionen gibt, die die lokale Subkultur bildlich zu Grabe tragen. Die Veranstalter dieses Protests standen vielen Passanten gerne Rede und Antwort, trugen ihre Sorgen und Nöte vor und schufen so hoffentlich mehr Aufmerksamkeit für das drohende Massensterben in der Nürnberger Gastro- und Kulturszene. Aus Sicht des Concertbüro Franken war diese Veranstaltung auf so viele Weisen bitter, dass ich den Unmut sehr gut verstehen kann. Denn die Seebühne wurde ziemlich genau in der Mitte von zwei der vom CBF bespielten Spielstätten aufgebaut (Gutmann und Serenadenhof). Somit musste man hier zusehen, wie mit dem eigenen Tagesgeschäft, genau zwischen zwei aktuell unbespielbaren Locations, andere Leute Geld verdienen, während man selbst sehen muss, wo man bleibt.

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Kommen wir zur Eingangsfrage zurück. Ist gut gemeint das Gegenteil von gut? Nicht zwingend. Aber hier wurde aus einer wirklich guten Idee einfach zu wenig gemacht. Denn Kultur ist eben nicht nur Klassik Open Air und Bardentreffen. Kultur ist auch ein Punkkonzert in einem selbstverwalteten Kollektiv oder ein Gorilla Festival an der Theodor-Heuss-Brücke, bei dem jeder so viel gibt, wie es einem wert war. Thema gut erkannt, aber nicht gut umgesetzt. Der Sommer geht noch ein paar Wochen. Ich gebe gerne noch eine zweite Chance.

/ Text & Bilder: Simon Strauß /