Rainald Grebe

Abendbericht: Egersdörfer und Artverwandte

Pickepackevoll: der Festsaal des Kunstkulturquartiers, die Bühne, das Programm. Bevor sich Matthias Egersdörfers Artverwandte in die Sommerpause verabschiedeten, wurde am Dienstagabend nochmal ordentlich aufgefahren. Der Meister dankt’s mit dem innigen Wunsch, das Publikum möge sich doch bitte dereinst im Oktober wieder in selber Besetzung einfinden. Weil’s gar so schön war. War’s ja aber auch.

Dabei begann der Abend mit einer Hiobsbotschaft: Bird Berlin, die tanzende Glitzerelfe, musste sich entschuldigen. Wegen peristaltischer Unbill. Doch wir sind ja live und flexibel, und so ward geschwind ein angemessener Ersatz gefunden. Nämlich in Form eines gewissen Rainald Grebe. Von dem könnte man schon mal gehört haben, zum Beispiel in seiner Eigenschaft als Träger ungefähr jedes Kleinkunst- und Kabarettpreises im deutschsprachigen Raum, steter Gast der „Anstalt“ und planmäßiger des diesjährigen Bardentreffens, zu dem er sich inklusive Kapelle der Versöhnung ankündigt. Hüllt der sich also statt in Indianerfeder in rosa Tüll und den kompletten Saal in Nebel und schlenzt mit gewohntem Changieren zwischen Wahnsinn und Genius eine Großartigkeit nach der anderen ins anschlagdynamische Keyboard statt des üblichen Flügels, schnalzt mit der Regenbogenpeitsche und stampfklatscht sich in volkstümliche Liedekstase. Lästert über Wellnesshotels, besabbert den Dürerhasen und spielt vom mitgebrachten Laptop „schöne Anfänge, die aber nicht weitergehen“. Chapeau!

Ob’s letztlich Rainald Grebe war, der zum ausverkauften Saal mit laut Egersdörfer’scher Umfrage zahlreichen Veranstaltungsneulingen geführt hatte oder dieser komische Krimi da im April – man weiß es nicht. Eher nicht so bekannt dürfte das Grazer Damenduo „Flüsterzweieck“ gewesen sein. Zumindest bis dato. Jetzt haben sie sich mit Charmedialekt in Herzen getheaterkabarettet, Smalltalkkatastrophen heraufbeschworen, in „zweiter Trausamkeit“ Liebeserkärungen ad absurdum geführt, Poetry Slammer persifliert und seufzende Pärchentelefonate bis zur Unerträglichkeit überzogen. A propos unerträglich: Carmen war, das soll der Vollständigkeit halber Erwähnung finden, auch dabei, um intellektuelle Horizonte übersteigend über präkoitale Testamentserstellungen zu halluzinieren und dabei frappierend an die fragwürdige Behandlungsmethode der Lobotomie zu erinnern. Falls es davon ein Gegenteil geben sollte, dann wurde das mit Sicherheit bei Philipp Balthasar Moll angewendet und ihm die Wortästhetik direkt ins Hirn geimpft, auf dass es von dort aus in sein Notizbuch sich ergieße und unters Volk verlesen werde.

Zum Glück nur für so zehn Minuten, weil das hält ja kein Mensch aus sonst, wegen Lachen. Musikalisch eingerahmt wurde das Lustspiel übrigens von der Formation „Burn Out Blues Convention“, deren Fade-Ins und -Outs nicht nur gefühlte Überlängen aufwiesen. Nicht überlang, dafür gefährlich überlastet bog sich die Bühne während des Zweitauftritts des Bühnennovizen Ahmet Iscitürk, umtriebig bislang primär als DJ, jetzt fröhlich Grenzen in puncto Political Correctness auslotend und dabei so ziemlich alles genau so wenig verschonend wie sich selbst. „Schämt sich der Buchstabe H eigentlich dafür, dass er in ‚Hitler‘ vorkommt? Und wenn ja, ist der dann ein Scham-Haa(r)?“ Der gespielte Witz erfreulich kurz und schmerzvoll, entlässt der Meister Egersdörfer von sich selbst gerührt in den Abend. Bis Oktober.

(Infos und Termine gibt’s übrigens bei Winterstein)

//Text: Katharina Wasmeier / Bild: Gesa Simons//