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Akne Kid Joe im Porträt – Die große Palmöllüge

Akne Kid Joe – das mag nach dem Spitznamen eines kampfkunsterprobten, pickelnden Jugendlichen klingen, ist aber vielmehr eine punkaffine Vierer-Kombo aus Nürnberg. Nach dem ersten Album „Karate Kid Joe“ erscheint am 3. April der Nachfolger „Die große Palmöllüge“. Vielleicht nicht kampfkunsterprobt, aber dennoch kämpferisch geht es auf der Platte her: in den 17 Songs werden nicht nur die Themen Klimawandel, Greta Thunberg und Orang-Utans bespielt, auch linke Klassiker finden – wie von der Band gewohnt – ihren Platz.

Bei diversen Biersorten und sympathischem Kneipen-Grundrauschen haben wir mit Sarah, Peter und Matti ein selbstironisches und zugleich ernstes Gespräch über das Selbstverständnis der Band, Punker-Stereotype und das Nord-Süd-Gefälle in Sachen Musik geführt. Was während unseres Interviews noch eine vage Vermutung war, wurde einige Tage später traurige Wahrheit: die geplante Release-Gala am 3. April im Z-Bau wird aufgrund der aktuellen Lage auf unbestimmte Zeit verschoben.

2016 habt ihr euch in eurer Lieblingskneipe zusammengefunden und beschlossen, die Band zu gründen. Schon im April 2017 war euer erstes Konzert. Die Demo, die ihr damals von der ersten Proberaumsession hochgeladen habt, ist schnell viral gegangen. Wow! Wie ging´s euch damit?

Sarah: Es gibt schon genügend schlechte Punkbands, deswegen wollten wir eigentlich erst einmal ein Jahr lang proben, bevor wir was veröffentlichen. Wir haben dann einfach diesen räudigen Handymitschnitt der ersten Bandprobe und dazu ein One-Take-Video, in dem ein Kumpel deprimiert seinen Cocktail trinkt, auf YouTube hochgeladen. Dann haben wir direkt eine Anfrage vom VOID Fest bekommen.

Matti: Wobei die Anfrage für Samstagmittag auf dem Campingplatz war.

Sarah: Aber das war trotzdem verrückt, weil das Video im Internet viel geteilt wurde. Wir haben dann die EP aufgenommen und kurz vor unserem ersten Auftritt veröffentlicht. Wir hatten nichts geplant und dafür ist sehr viel passiert. Zwei Tage nach unserem ersten Konzert haben wir dann die Anfrage von Alex (Pascow) von Kidnap Music bekommen. Er ist durch Zufall im Internet auf die EP gestoßen und wollte uns helfen, sie raus zu bringen. Erst haben wir gedacht, dass uns irgendjemand verarscht. Wir hatten sehr viel Glück in unserer Bandgeschichte bisher. Das zieht sich bis heute durch.

In einem Interview mit Pretty In Noise sagt ihr, dass die Band ohne Alex von Pascow kaum vorstellbar ist. Nun weiß ich auch warum, schließlich kam so der Deal mit Kidnap Music zustande.

Sarah: Pascow haben wir sehr viel zu verdanken. Die haben uns auch mit auf Tour genommen. Wir haben seit knapp drei Jahren mindestens dreimal die Woche Kontakt mit Alex und er ist schon sowas wie unser Band-Papa.

Matti: Ich habe Pascow Ende Januar 2017 das erste Mal live gesehen und fand es total geil. Wir haben dann alle angefangen, die Musik abzufeiern. Deswegen war es für uns umso überraschender, dass Alex uns tatsächlich eine Mail geschrieben hat. Für uns lag es nahe, dass uns jemand verarscht – eben weil wir die Musik viel gehört haben. Das war ein Wink des Schicksals.

Wenn man eure Songs hört und Pressetexte liest, hat man auch schon ganz ohne Nachrichten ein kleines Gespür dafür, welche gesellschaftlichen Debatten gerade geführt werden – erfüllt ihr mit eurer Musik einen Bildungsauftrag?

Matti: Ich habe nicht das Ziel, dass wir eine Art Sprachrohr sein müssen. Wir wurden mal gefragt, ob man intellektuell sein muss, um unsere Musik zu hören. Ich finde, das ist eigentlich komplett das Gegenteil. Die Texte sind super einfach zu verstehen.

Wenn man unsere Musik nicht versteht, dann mangelt es
einem nicht an Intelligenz, sondern eher an Moral.

Peter: (an Matti) Du hast dich aber immer schon positioniert und jetzt machst du das halt durch die Band.

Sarah: Wir spielen nicht vor 200 Achtklässlern, die alle keine Ahnung von der Materie haben. Gerade, wenn man politische Musik macht, zieht man die Leute an, die sowieso schon politisch interessiert sind. Man darf sich nicht dem Glauben hingeben, dass wir dazu beitragen, dass Leute gegen Nazis sind.

Matti: Ja, inhaltlich tragen wir schon oft das Wasser ans Meer.

Sarah: Aber es ist auch ein Bedürfnis aus uns selbst heraus, weil wir frustriert sind von dem ganzen Scheiß und für uns ist es eher ein Verarbeitungsprozess. Es gibt sicherlich diese 15- oder 16jährigen, die sich durch Akne Kid Joe Gedanken über Frauen in der Musik machen, aber das ist nicht unser primärer Anspruch. Dazu spielen wir auch vor den falschen Leuten.

Matti: Diese ganzen Themen gibt es musikalisch schon, aber oftmals so plump und scheiße, dass ich mir das selber nicht mehr anhören kann. Wenn ich mir den 100sten Song gegen Nazis anhöre, bei dem im Refrain einfach nur „Nazis aufs Maul, whohoho“ im Hintergrund läuft, holt es mich einfach nicht ab. Mein Anspruch ist eher der, solche Themen mit einem gewissen Charme und Selbstironie rüberbringen und so ein bisschen mehr zu erreichen als Plattitüden in die Welt zu schreien.

Gibt’s auch Menschen, die den Sarkasmus und die Selbstironie in euren Songs nicht verstehen oder sich auf den Schlips getreten fühlen?

Sarah: Gerade bei „What AfD thinks we do“ gab es viele Rückmeldungen, aber das darf man auch nicht so hochkochen lassen, weil das auch viele rechte Trolls waren, die vielleicht wissen, dass das Satire ist.

Matti: Beim Sarah-Song hat einer kommentiert, er verstünde das Problem nicht, weil es doch viele total erfolgreiche Musikerinnen wie Madonna, Beyoncé und Jennifer Lopez gibt. So einer checkt das Problem wohl überhaupt nicht. Ich glaube, es gibt Songs, die sind einfach unmissverständlich und es gibt Songs, die in ihrer Ironie auf den ersten Blick nicht ganz zugänglich sind. Aber die jetzige Platte ist noch ein bisschen deutlicher.

Sarah: Generell ist dieses ganze Sarkasmus-Ding etwas, womit wir uns identifizieren. Erstens, weil wir zynische Persönlichkeiten sind. Zweitens gibt es einen Haufen Bands, die sich krass ernst nehmen und selber so abfeiern, als wären sie die Coolsten auf der Welt, nur weil sie „Fuck Nazis“ und „Whohoho“ im Refrain singen. Die spielen aber vor genau den gleichen Leuten wie wir. So wie unsere ganze Bandgeschichte bisher war, können wir uns nicht ernst nehmen. Dadurch, dass uns so viel Glück und Zufall und teilweise auch Sachen passiert sind, die vielleicht einfach auch unverdient sind, bleibt uns nichts anderes übrig als das alles mit einem Augenzwinkern zu sehen.

Ich würde das gar nicht werten wollen, dass eure bisherigen Banderfolge in irgendeiner Weise unverdient sind.

Sarah: Es gibt so viele Leute, die seit 25 Jahren die besten Musiker auf der Welt sind und für die sich keine Sau interessiert. Und dann gibt es vier Vollidioten wie uns, die jetzt grad voll gehypt werden – und ich kann nicht mal gescheit Gitarre spielen.

Matti: Aber du kannst es halt gut verpacken und im Internet präsentieren. Das ist wichtig und das schaffen vielleicht die Pros, die 8 Stunden im Keller sitzen und Gitarrenriffs proben, nicht.

Nochmal zum Thema Ironie: niemand von uns ist der Stereotyp eines Punkers. Musikalisch als Hörer und Hörerinnen sind wir nicht festgefahren, nur Punk zu hören. Wir sind optisch nicht so klar der Punk-Subkultur zuzuordnen. Deshalb können wir dieser ganzen Punkszene nur ironisch begegnen, weil wir den Vorurteilen an eine Punkband selbst gar nicht entsprechen können.

Sarah: Wenn uns jemand als Hipster-Punks beschimpft, hat er schon auch Recht.

Ich finde, eure Musik leistet trotzdem einen wichtigen Beitrag, um auf Missstände hinzuweisen und Themen zu platzieren. Insofern solltet ihr euch auch nicht zu unernst nehmen.

Matti: Voll. Dieser AfD-Song ging sehr viral und da waren sich auch größere Medien nicht zu schade, eine linksextreme Band im Feuilleton zu verheizen. Das finde ich eigentlich total geil.

Sarah: Der Linksextremismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Würdet ihr eure Musik selbst als linksextrem einordnen?

Matti: Wenn man sich die Texte anhört – wir machen zwei Akkorde-Deutschpunk à la „Ein Leben ohne Deutschland“ – da gibt’s nicht viel zu diskutieren.

Sarah: Klar, unter den offiziellen Definitionen von Linksextremismus fällt man, aber man kann über die Definition an sich streiten. Ich würde linksradikal bevorzugen, weil ich die Extremismus-Theorie ablehne.

 Mit „What AfD thinks we do“ und „Sarah (Frau, auch in ner Band)“ habt ihr schon zwei fette Vorreiter zum neuen Album „Die große Palmöllüge“ präsentiert. Wie war das Feedback bisher?

Sarah: Das war krass gut. Der AfD-Song ging so krass durch die Decke, damit haben wir überhaupt nicht gerechnet. Es sind jetzt immer noch 15 Kommentare pro Woche unter diesem YouTube-Video und es hört nicht auf.

Matti: Am Tag vom Release hätten wir es cool gefunden, wenn es so tausend Klicks nach einem Tag hätte. Jetzt hat es über 100.000 Klicks.

Sarah: Es hatte 10.000 Klicks nach einem Tag! Und auch bei diesem Sarah-Song: ich habe den Song neulich im Radio gehört und das ist voll verrückt, sich plötzlich dort zu hören.

Will man dann auf einmal mehr Erfolg, wenn man ein gewisses Stadium erreicht hat?

 Matti: Es ist schwer, das zu leugnen.

Peter: Wir haben uns nie darüber unterhalten, dass es geil wäre, deutschlandweit im Radio zu laufen, aber es motiviert schon, was Neues zu machen.

Matti: Umso mehr passiert, umso mehr kurbelt das auch unsere Produktivität an. Mir ist es egal, ob wir auf einem deutschlandweiten Radiosender laufen oder nicht, aber wenn viele Leute unsere Konzerte besuchen und abgehen, ist das schon was Geiles.

Sarah: Auch, dass die Leute plötzlich die Texte mitsingen! Man fährt acht Stunden durch ganz Deutschland und spielt irgendwo und von den 150 Leuten dort singen 50 Leute von vorne bis hinten alles mit – das ist echt krass. Man muss ein bisschen aufpassen, dass man irgendwann nicht enttäuscht ist, wenn es mal nicht so abgeht. In den letzten zwei Jahren kam jede Woche irgendwas Krasses und das verleitet vielleicht auch, das als Normalzustand anzusehen: was es nicht ist.

Die Devise im heutigen Musikbusiness lautet oft „Content Content Content“ und ist essentiell, um eine gewisse Relevanz und Aufmerksamkeit zu generieren und vor allem konstant zu halten.

Matti: Absolut. Das erste Video zum neuen Album kam Anfang Januar, jetzt drehen wir noch das Dritte, welches auch noch vor dem Release erscheint. Wir sind ständig dahinter, etwas zu liefern.

Sarah: Aber nicht nur, weil wir das Gefühl haben, dass das wegen dem Erfolg sein muss. Wir haben einfach Bock, das zu machen. Videodrehs sind sehr anstrengend, aber man kann auch viel Quatsch machen. Es ist ein weiteres Medium, mit dem man seine Visionen unter das Volk bringen kann.

Peter: Wir haben eigentlich nur zwei Videos geplant. Auf dem Heimweg vom zweiten Videodreh haben wir aber beschlossen, noch eins zu drehen, weil es so viel Spaß gemacht hat.

Matti: Und wie Sarah schon gesagt hat – man macht das ja nicht, weil man sich in der Verantwortung fühlt, was liefern zu müssen. Aber wenn man merkt, dass das dementsprechend rezipiert wird, dann motiviert das noch mehr. Ich weiß nicht, ob wir die Motivation hätten, wenn es niemand anschauen würde.

Wie kann man lokale Bands denn aus eurer Sicht am besten supporten? Ist es der Kauf physischer Tonträger oder der Besuch von Konzerten?

Sarah: Instagram-Likes (lacht).

Matti: Zu den physischen Tonträgern: ich verlange nicht, dass man zuhause eine Platte auflegt und unser Album bei einem Glas Wein von vorne bis hinten durchhört. Für mich ist diese Platte aber wie eine Bachelorarbeit oder sowas – ein Gesamtkonzept. Vom Plattencover über das Booklet, die Etiketten auf der Platte, die Haptik der Platte und die Dicke des Karton – das spielt alles zusammen. Und wenn das jemand in der Hand hält, dann kriegt der einen viel besseren Eindruck von uns und von der Mühe, die da reingesteckt wurde, als wenn er es nur anhört. Deswegen finde ich es cool, wenn jemand die Platte kauft.

Sarah: Man muss sie sich nicht anhören, aber man muss sie in der Hand halten.

Matti: Also Hauptsache gekauft und dann auf Spotify hören, damit wir Klicks bekommen. Wenn man die Platte daheim hundertmal anhört, bringt es uns gar nichts (lacht). Sarah, du hast in einem Artikel auch gesagt, dass es wichtig ist, sich in der eigenen Stadt nicht zu überspielen. Beim zehnten Konzert innerhalb eines Jahres kommen selbst die besten Freunde nicht mehr. Wenn man sich da etwas exklusiv hält und weniger spielt, hat man langfristiger wahrscheinlich ein bisschen mehr.

The Robocop Kraus waren kurz davor, wirklich groß zu werden, aber sonst stammen aus Nürnberg keine international bekannten Bands. Ist es das fränkische Mindset, dass man sich lieber absichert, weil es ja schiefgehen könnte, anstatt dass man zu 100% Rockstar werden will?

Matti: Fragt euch doch selbst, wie viele bekannte Münchner Bands ihr im Vergleich zu Bands aus z.B. Hamburg kennt. Es liegt allgemein an dem Trend, als kreativer Mensch die Flucht in den Norden anzutreten.

Sarah: Es gibt ein Nord-Süd-Gefälle: zum einen ist es Zufall, zum anderen bietet z.B. auch Hamburg kulturell so viel mehr als Nürnberg. In Orten, in denen man ganz anders aufwächst, entwickelt sich vielleicht auch viel mehr. In Nürnberg muss man Graffitis suchen, um sie zu finden und wenn man in Hamburg durch das Schanzenviertel läuft, ist das einfach ein ganz anderes Gefühl. Da hast du viel mehr Möglichkeiten, dich auch von anderen inspirieren zu lassen. Wenn hier die einzige Inspiration Robocop Kraus ist, die vor 15 Jahren mal fast berühmt wurden, dann ist es auch schwer, den Glauben ans Berühmtwerden nicht zu verlieren oder etwas Ausgefallenes zu machen. Ich glaube, das ist einfacher, wenn man in Hamburg aufwächst und in diesen Läden abhängt, seitdem man 14 ist.

Also würdet ihr sagen, Inspiration und kreative Impulse müssen immer aus der Subkultur heraus kommen? Denn staatliche bzw. institutionelle Förderungen gibt es ja auch noch. Mit den regionalen Projekten BY-on und POP! ROT WEISS in Bayern ist man teilweise besser aufgestellt als in anderen Bundesländern.

Matti: Das hilft vielleicht auf einer gewissen Ebene, aber ich weiß nicht, ob da auch ein bisschen die Credibility auf der Strecke bleibt, wenn man auf jedem Poster noch drauf schreibt, dass es von Bayern gefördert ist.

Sarah: Diese Initiativen wurden deswegen geschaffen, weil man gemerkt hat, dass es eine institutionelle Förderung braucht. Ob das cool ist, ist nochmal eine andere Frage. Im Osten gibt es das vielleicht nicht, aber dafür ist die selbstverwaltete Punkszene dort stärker im Vergleich zu Nürnberg, mit z.B. besetzten Häusern. Aber das ist etwas sehr Spezifisches für unsere Szene.

Matti: Wenn ich mir die Punkszene in Hamburg oder auch in NRW anschaue, dann spielen dort die 16jährigen Punker im gleichen Laden, in dem auch der Booker einer großen Bookingagentur in der Freizeit sein Bier trinkt oder in dem Musiklabels sitzen. Die Leute bei Audiolith z.B. sind alle auch in der Subkultur vernetzt.

Peter: Als bayerische Band kann man sich mit dem Stempel BY-on auf jeden Fall nicht in diese Subkultur in Hamburg einkaufen.

Matti: Wenn du als Newcomer in einer Szene bist, in der auch Leute sind, die vor Ort vernetzt sind und überregionale Kontakte haben, dann ist es als Band viel leichter, über bisherige Strukturen hinauszukommen als wenn man in einem eher isolierten Szene-Muff hockt.

Sarah: Pascow z.B. kommen aus dem Saarland und sind so ungefähr die einzige Punkband dort. Ihre ersten Konzerte in Hamburg wurden von den coolsten Leuten besucht und Pascow konnten erst gar nicht so damit umgehen. Es gibt Hot Spots, wo sich viel mehr bewegt und dann gibt es halt Orte wie Bayern.

Akne Kid Joe

Das Besondere aus meiner Sicht im Vergleich zu anderen Städten ist aber gerade der Fakt, dass die Nürnberger Subkultur und Bands deutlich besser vernetzt sind als anderswo.

Sarah: Das stimmt und viele Leute aus Nürnberg supporten uns auch sehr, auch wenn sie gar nicht aus der Punkszene kommen.

Spätestens seit eurem Ritterschlag durch Leute wie Olli Schulz und Linus Volkmann, die sich als Fans „geoutet“ haben, seid ihr einem größeren Publikum bekannt. Glaubt ihr, dass euch das einen größeren, überregionalen Push aus der Bubble Nürnberg heraus gegeben hat?

Matti: Witzigerweise hat es in Nürnberg viel später angefangen als anderswo. Nach dem ersten Konzert hatten wir richtig coole Konzerte in Halle, Köln, Berlin und in Nürnberg kannten die Leute uns noch nicht so. Da hätten wir vielleicht mal eine Pressemitteilung an Nordbayern.de schicken sollen, dass es eine neue Band gibt (lacht). Aber Stefan Gnad hat letztes Jahr auch einen fetten Artikel über uns geschrieben. Das war schon cool. In Nürnberg ist nicht alles scheiße, aber es ist schwerer für junge Bands, aus diesem Muff rauszukommen.

Was läuft denn aus eurer Sicht in Nürnberg falsch und richtig?

Matti: Vor einigen Wochen war die ExplizitRap-Tagung im Z-Bau mit einem Vernetzungstreffen der lokalen Szene. Dort haben sich viele beschwert, dass überhaupt nichts getan wird. Nürnberg bewirbt sich als Kulturhauptstadt, es gibt aber überhaupt keine Auftrittsmöglichkeiten usw. Ich finde, die gibt es eigentlich schon in Nürnberg. Klar steht nicht an jeder Straßenecke ein fettes Haus, wo man ohne große Hürden spielen kann, aber es gibt das selbstverwaltete P31 und den mehr oder weniger selbstverwalteten Kunstverein in Nürnberg, es gibt einen selbstverwalteten Laden in Erlangen. An Auftrittsmöglichkeiten – für Leute aus dem Punk-Bereich – mangelt es hier nicht.

Sarah: Wenn Bands von außerhalb eingeladen werden, hier zu spielen, ist es oft so, dass publikumsmäßig nichts los ist. Die Leute finden es cool, dass die Band hier spielt, aber wenn dann gerade der Franken-Tatort läuft, bleibt man irgendwie doch zuhause. Das bedingt sich alles selber. Auch stimmungsmäßig ist nicht los. Ich nehme mich da nicht raus, aber es gibt ein krasses Nord-Süd-Gefälle, was diese Stimmung angeht und wie die Leute sich auf eine Band einlassen.

Matti: Man merkt das auch daran, wenn Bands in anderen Städten ausverkauft sind und sich der Vorverkauf in Nürnberg noch schwer tut.

Sarah: Umso südlicher man geht, umso weniger Konzerte von großen Bands gibt es.

Matti: Und die Kapazität wird runter geschraubt. Mit Pascow haben wir in Hannover vor 800 Leuten gespielt, in Zürich vor 200.

Seit Ende letzten Jahres seid ihr bei Audiolith Booking – hat sich was verändert im Vergleich zu den Anfängen, als ihr eure Gigs noch selbst geplant habt?

Peter: Kohletechnisch auf jeden Fall – wir verdienen jetzt sau viel (lacht).

Matti: Für ganze Konzertjahr haben wir schon ca. 20 Gigs selbst ausgemacht – darunter die komplette Release-Tour. Die Konzerte, die ab jetzt dazu kommen, werden von Audiolith gemacht. Bisher haben wir einen super Eindruck und es ist eine Arbeitserleichterung. Wir haben teilweise 30 Mails am Tag bekommen. Sarah und ich haben die ganzen Mails beantwortet und bestimmt 20 Stunden die Woche mit Verwaltungsarbeit verbracht.

Sarah: Das war ein Bürojob, außer dass man kein Geld dafür bekommt.

Matti: Jetzt kümmert sich Audiolith um jede Booking-Anfrage. Mir fällt es ehrlich gesagt noch etwas schwer, Verantwortung aus der Hand zu geben, aber zeitlich ging es einfach nicht mehr anders. Der Deal, wie wir ihn jetzt gefunden haben, ist super und wir haben im Vorfeld lang mit unserem Booker darüber gesprochen, was uns wichtig ist: dass wir nicht zu schnell zu viel wollen.

Nochmal zu euren Songs: Habt ihr das Gefühl, dass eure Songs durch das Aufgreifen aktueller oder regionaler Gesellschaftsthemen zeitlich irgendwie „begrenzt“ sind (z.B. eure Referenz auf Markus Söder im Song „Markus Erlöser„)?

Peter: Gerade ist Söder ja noch aktueller denn je.

Sarah: Sobald Söder Kanzler ist, geht der Song nochmal mehr ab. Die Songs haben mit Sicherheit ein Ablaufdatum, aber es kommt auch auf die Struktur des Songs an. Ich glaube, viele Leute checken den Song nicht, feiern ihn aber trotzdem.

Peter: Und wenn der Song bald abläuft, wäre es auch voll gut.

Matti: Das würde ich in Kauf nehmen.

Sarah: Das ist das Gleiche wie in unserem Song „Julia“, in dem es um Julia Engelmann geht. Im besten Fall kennt man die auch irgendwann nicht mehr.

Matti: Und was machen wir mit dem Video zu „Sarah (Frau, auch in ner Band)“, wenn Angela Merkel keine Kanzlerin mehr ist? Dann checkt das auch keiner mehr. (An Sarah) Dann kannst du dich als Friedrich Merz verkleiden.

Sarah, wie kam es zur Idee zu dem autobiografischen Song „Sarah (Frau, auch in ner Band)“?

Sarah: Mich haben oft Leute angesprochen, wie es ist, als Frau in einer Band zu spielen. Als wir diese Band gegründet haben, hat niemand über dieses Thema nachgedacht. Das kam erst im Laufe der Bandgeschichte auf. Umso mehr ich mich damit beschäftigt habe, umso mehr ist mir aufgefallen, dass ich sehr oft die einzige Frau im Backstagebereich bin. Auch der Techniker, der Veranstalter und das Barpersonal sind männlich – außer der Garderobenfrau. Ich habe mich gefragt, warum es in meinem Fall 28 Jahre gedauert hat, bis ich aktiv Musik gemacht habe – obwohl ich seit meiner Pubertät voll gerne auf Konzerte gehe. Daraus ist der Song entstanden. Nach jedem Konzert sprechen mich explizit Frauen genau auf dieses Thema an. Mir war vorher nicht so bewusst, dass dieser Vorbildcharakter sehr wichtig ist, um selbst was zu machen. Weil es bei mir keine oder ganz wenige Vorbilder gab, hat es bei mir so lange gedauert. Man geht ja nicht auf Konzerte und denkt sich „Ach krass, schon wieder nur Männer auf der Bühne“, sondern es ist etwas, das man über Jahre hinweg immer wieder sieht. Ich habe aber auch ein Problem damit, wenn es aus gut gemeinten Gründen so hervorgehoben wird, dass ich eine Frau bin.

Ich merke es an mir selbst auch Frauen im Musikbereich haben immer noch einen Exoten-Status, den man in der Berichterstattung positiv und explizit hervorhebt.

Sarah: Auf der einen Seite verstehe ich, dass man das machen muss, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Letztendlich macht der Song auch mit dem sehr platten Titel nichts anderes. Aber das kann nur ein Zwischenschritt sein. Es wäre schon geil, wenn es irgendwann scheißegal ist, wer in einer Band mitspielt.

Wir sagen vielen Dank für das Gespräch und wünschen einen Happy Release Day!

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// Text: Sarah Grodd & Simon Strauß //
// Bilder: Max Häßlein, Simon Strauß //