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Angela Aux – In Love With The Demons

“In Love With The Demons” – hinter diesem Titel steckt das mittlerweile vierte Album des Münchners Angela Aux. Nach einigen Solo-Platten, Alben mit Bands wie Aloa Input und dem Sepalot Quartett sowie Kompositionen für Kino und Theater erscheint sein neues Album am 10. Mai über Trikont.

Erste Einblicke in die neue Platte lieferte Angela Aux bei seinem Auftritt zum Record Store Day am 13. April im mono-Ton. Nach einem vertilgten Grillkäse redeten wir nicht nur über das Spiel mit Rollenbildern, das Leben als Therapie und Frank-Walter Steinmeier.

HDIYL: Auf deinem Vorgänger-Album „Wrap Your Troubles In Dreams“ wolltest du Folk in einem historischen Kontext aufgreifen. Aufgenommen hast du es mit alten Mics und Bandmaschinen. Wie war es bei deinem neuen Album “In Love With The Demons”?

Angela Aux: In der Demophase hab ich monatelang die “We’re only in it for the money” von Frank Zappa & The Mothers of Inventions gehört, viel Mac deMarco, Morgan Delt, Ariel Pink. Irgendwie dachte ich dann es muss so ultra verballert werden. Als wir mit der Platte angefangen haben, habe ich aber die Lust dran verloren. Ich wollte dann nicht nur so technisch über Musik nachdenken und absichtlich alles verändern. Es gab eine ganze Menge Songs und ich wollte dann einfach nur einige davon gut ausarbeiten und den Texten auch Platz lassen. Das war mir wichtiger, auch dass alles zusammen ein guter Erzähl-Kosmos ist. „In Love With The Demons”, als eine Art Eingangs-Mantra und dann so textliche Miniaturen: Demon für Demon sozusagen. Musikalisch passt es auch ganz gut mit diesem schluffi, leicht verplantem aber irgendwie doch ausgechecktem Stil.

HDIYL: Ich habe gelesen, dass du schlaflose Nächte zum Produzieren neuer Songs nutzt. In den ersten beiden Singleauskopplungen zum neuen Album geht es scheinbar auch viel ums Träumen: in „Dreamt Of The Death Of A Friend“ träumst du von dem Tod einer Freundin, in „Killer Kid“ etwa heißt es „and these bad dreams are like the sunshine in the end“. Sind diese Songs auch in schlaflosen Nächten entstanden?

Angela Aux: „Killer Kid“ habe ich in einer echt ekelhaften Phase geschrieben, in der ich oft nicht geschlafen habe. Ich hätte eigentlich mit Joasihno auf dem Feinkostlampe-Sommerfest in Hannover spielen sollen. Ich habe zwei Nächte in Folge nicht gepennt. Wenn man mal 50 Stunden wach ist, verändert sich der ganze Charakter. Man ist am Durchdrehen, alles ist schrecklich. Irgendwann saß ich unter meinem Schreibtisch, ich war echt in einem total seltsamen Zustand und dann kam dieses Ding raus. Da ist mir bewusst geworden, wie absurd dieser ganze Zustand ist: dass man sich selbst sein ganzes Leben lang zu Grabe trägt mit den ganzen Sachen, die man sich antut, mit den ganzen Forderungen, die man an sich stellt.
Bei „Dreamt Of The Death of A Friend“ habe ich geträumt, dass ein Freund von mir gestorben ist. Nachdem ich von diesem Traum aufgewacht bin und mich wieder hingelegt habe, habe ich geträumt, dass mich jemand anruft und mir erzählt, mein Freund sei gestorben und ich durch den Traum davor sage „Ja, weiß ich schon“.

HDIYL: Wie viel autobiografische Nähe oder Distanz hast du zu der Figur Angela Aux?

Angela Aux: Das Wenigste habe ich selbst erlebt. Es hat natürlich alles mit mir zu tun, aber ich biege alles immer noch weiter. Diese Figur hat für sich einen eigenen Wahrheits-Kosmos. Aber ich bin derjenige, der es austrägt. Die letzte Platte ist voller Zitate, die gar nicht von mir sind. Das sind fast alles Sachen, die irgendwer gesagt hat und ich mir mitgeschrieben habe. Auf der aktuellen Platte sind teilweise auch Sätze, die ich selber gar nicht so sagen würde, aber die in dem Kontext Sinn machen.

HDIYL: Fällt es dir dadurch schwer, deine eigenen Songtexte zu erklären?

Angela Aux: So richtig erklären kann man sie gar nicht. Der Moment des Schreibens liegt ja schon so weit zurück, dass man sich schon so weit verändert hat und sich teilweise einige Dinge gar nicht mehr erklären kann. Ich kann schwer konkrete Antworten geben. Oft fallen einem Sachen ein und in dem Moment versteht man sie gar nicht und ein Jahr später bemerkt man, dass das eine Sache ist, die man zu der Zeit über sich selber hätte wissen müssen.

HDIYL: Das klingt für mich wie Selbsttherapie – wenn man Dinge niederschreibt, die man eigentlich erst ein Jahr später versteht.

Angela Aux: Unter Umständen, ja. Ich habe aber auch ganz viele Sachen geschrieben, die jetzt totaler Blödsinn sind. Therapie würde ich es nicht nennen, ich mag diesen Satz nicht so, dieses „Musik ist für mich Therapie“. Das ganze Leben ist Therapie! Leben ist immer Bewältigung von irgendetwas. Wenn man möchte, dass in den Texten etwas Interessantes steckt, dann kann das ja nur etwas sein, was auf eine Art verletzt oder Probleme bereitet hat. Ansonsten würde man sagen „Hey, gestern war ein cooler Tag“. Das will ja kein Schwein hören.

HDIYL: Bist du an solch guten Tagen also nicht kreativ?

Angela Aux: Ich bin auf eine bestimmte Art und Weise kreativ. Wenn es mir gut geht, kann ich viel besser Arbeiten von mir editieren, also im Endeffekt an bestehenden Sachen weiter arbeiten. Aber das ist dann nicht der Tag, an dem ich plötzlich auf eine Idee komme, bei der ich denke „Oh wow, das entwickle ich weiter“. Aber das ist ein Tag, an dem ich super Filmmusik machen kann, weil ich frei von den eigenen Kraken bin, die über einem hängen und Energie saugen.

HDIYL: Bei der letzten Platte „Wrap Your Troubles In Dreams“ hast du die Entstehungsgeschichte der Songtexte mit abgedruckt. Wirst du das bei der neuen Platte auch machen?

Angela Aux: Ich habe darüber nachgedacht. Ich habe aber keine Lust, Sachen immer weiter zu machen. Das wäre zweimal dasselbe gewesen. Ich habe angefangen zu schreiben und fand es dann so banal. Schon bei der letzten Platte weiß ich nicht, wie viele Songs tatsächlich so entstanden sind. Es ist vielmehr ein Erzähl-Kosmos. Im Endeffekt ist es so wie meine Kurzgeschichten als Heiner Hendrix. Da passieren immer Sachen, die teilweise Referenzpunkte in die Wirklichkeit haben, aber natürlich ist niemals Frank-Walter Steinmeier in meinen Weinladen gekommen. Lustigerweise würde mich da niemand fragen, ob ich wirklich einen Weinladen habe.

HDIYL: Vielleicht kann das Publikum im literarischen Bereich das fiktive Ich stärker vom reellen Ich abstrahieren.

Angela Aux: Oder man ist es in dem Bereich eher gewohnt, dass Autorinnen nicht zwingend über sich selbst sprechen. Vor der letzten Platte hat es mich schon genervt – deswegen habe ich früher nie Bock gehabt, meine Folksongs zu spielen. Ich war immer in meinen Straßenklamotten auf der Bühne und die Leute dachten, ich würde die ganze Zeit von mir selbst erzählen. Das war aber nicht so. Die allerwenigsten Leute erzählen von sich selbst. Auch all die Leute, die furchtbar traurige Musik über ihre ganzen Freundinnen schreiben – so viele Frauen können die gar nicht gehabt haben, wie sie dann verloren haben. Es ist immer etwas, das man auf irgendeine Art und Weise inszeniert.

HDIYL: Trittst du deswegen mittlerweile mit Perücke und in Frauenkleidung auf?

Angela Aux: Das hat sich so ergeben und ich habe erst in dem Moment des Auftretens gemerkt, wie entspannt das für mich ist. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und da war so eine gewisse Härte immer präsent. Ich habe mich in meiner Jugend viel geprügelt und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, merke ich, dass ich das nie wollte. Ich hab vielleicht gedacht, dass ich das auch machen muss. Ich hatte damals das Gefühl, dass ich eine Hülle habe und unter dieser Hülle sitzt irgendwer. Langsam habe ich das Gefühl, dass die Hülle sich aufgelöst hat. Ich mochte nie und mag es bis heute nicht, wenn ich dauernd damit verglichen werde – wenn gesagt wird „Hey du bist doch ein Mann, mach doch blablabla…“. Es hätte damals keinen Sinn gemacht, wenn ich in der Schule gesagt hätte „Hey Leute, das mit der Mann-/Frau-Aufteilung ist doch eher total bescheuert.“. Damals hätten mich alle nur dämlich angeschaut. Durch die Verkleidung hat sich schon einiges verändert und ich steh lieber auf Bühnen. Seitdem habe ich das Gefühl, dass ich einfach so sein kann und das ist für mich befreiend. Und das Absurde daran ist, dass es völlig normal ist, wenn Angela Merkel ein Interview in einem Hosenanzug gibt. Aber ich möchte wissen, was los ist, wenn sich am Montag der Chef von Siemens in einem Kleid einer Pressekonferenz stellt. Es wäre in jeder Nachrichtensendung auf der ganzen Welt, dass ein Typ ein Kleid an hat. Das ist so abgefahren. Ich weiß nicht genau, was es bedeutet, aber es ist auf jeden Fall krass.

HDIYL: Hast du mit deinen Auftritten in Frauenkleidung auch negative Erfahrungen gemacht?

Angela Aux: Letztes Jahr bin ich dreieinhalb Wochen in Augsburg auf dem Friedensfest mit meiner Schreibmaschine durch die Stadt gelaufen und habe Haiku-artige Texte für das Friedensfest geschrieben. Die kommen jetzt auch als Buch zur Platte raus. Es sind 365 Texte zum Zustand der Welt. Und da habe ich genau die Sprüche bekommen, die man sich vorstellt. Leute spucken auf offener Straße in deine Richtung oder drücken dir Sprüche wie „Hey, verpiss dich! Leute wie dich wollen wir hier nicht haben.“. In dem Konzertkontext hatte ich am Anfang Bedenken, dass ich die falschen Menschen damit provoziere. Darum wollte ich mich auch nicht als Drag schminken oder spare mir auch den Begriff crossdressing. Ich will diese Subkulturen nicht als Malkasten verwenden. Ansonsten habe ich auf eigenen Konzerten nur positive Erfahrungen gesammelt. In Chemnitz war ein Typ, der eher hooliganmäßig ausgesehen hat. Der kam nach der Show zu mir und hat gesagt, dass ich echt tolle Beine habe. Dann hat er gefragt, wie das eigentlich so ist, ein Kleid an zu haben. Das fand ich cool.

Wir sagen: vielen Dank für das Gespräch! Die Relase-Party zu „In Love With The Demons“ findet am 20. Mai im Münchner Einstein statt. Doch auch Nürnberger haben die Chance, Angela Aux live zu sehen. Am 27. April wird er das erste Mal zusammen mit Bird Berlin auf einer Bühne stehen. Beide präsentieren jeweils ihr neues Album (Bird Berlin: “Immer-Birdi-Alles-Forever” über Avantpop). Die Album-Doppel-Release-Party im MUZclub wird zudem mit Lichtexperimenten von Prizesin Haralt sowie wilden Remixes von Tom König begleitet.

https://www.facebook.com/AngelaAux/
https://www.angela-aux.com/

/ Interview: Sarah Grodd /
/ Bild: Sophie Wanninger /