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Festivalbericht: Hurricane Festival

Klar, für uns mit Wohnsitz in Franken Mitte ist das Southside Festival eigentlich näher. Aber warum den kurzen Weg wählen wenn der lange mindestens genau so viel Spaß macht. Sagen wir: oder so ähnlich. Jedenfalls war unsere Gastredakteurin Franziska drei Tage mitten drin statt nur dabei auf der Motorrad-Sandrennbahn Eichenring bei Scheeßel (Niedersachsen, irgendwo im Niemandsland zwischen Bremen und Hamburg). Hier ihre Eindrücke:

Auftakt
Das Hurricane feierte in diesem Jahr mit insgesamt 65.000 Musikfans bereits seine 19. Ausgabe auf dem Eichenring in Scheeßel. Zeit also, dass sich endlich auch das niedersächsische Areal auf meinem Festival-Atlas verewigt. Gewappnet für alle Wetterlagen – typischerweise waren winterartige Klimawellen angesagt – ging es für mich also via Hamburg mit dem Panorama-Blick gewährenden Metronom in die nördliche Provinz. (Ziemlich cool: Bei Vorlage des Tickets durfte man kostenlos die Bahn benutzen.) Empfangen von großen Regentropfen galt es für mich am frühen Freitagvormittag die erste Herausforderung zu meistern: den Weg vom Bahnhof aufs Gelände finden. Aufgrund mangelnder Beschilderung (streng genommen der Abwesenheit jeglicher Beschilderung – es sei denn man reiste im Wohnmobil oder nahm sich als solches wahr) ein ziemliches Unterfangen. Vor allem als Gelände-Neuling, bei der sich auch die fesche App als wenig hilfreich herausstellte. Irgendwann auf dem Gelände angekommen, profitierte ich von einer kurzen Warteschlange bei der Bändchen-Ausgabe und konnte sogar einen aufgeladenen Bezahl-Chip mein Eigen nennen! Ein wahrer Glücksmoment, den die meisten der bereits am Donnerstag angereisten Besucher nicht hatten und stattdessen mit purem Chaos kämpfen mussten. Der Grund? Streikende Technik. Denn ohne funktionierende Kassensysteme konnte keine Bändchen ausgegeben werden. Erschwerend hinzukam, dass auch einige der vorab bereits aufgeladenen Bezahl-Chips keine Guthaben aufwiesen. Die Ansage, dass die Besucher auch ohne Bändchen bereits auf die Campingplätze dürften, kam für viele zu spät. Zeltaufbau im Dunklen kann immerhin auch spannend sein.

Apropos Bezahl-Chips. Im Vorfeld wurde dazu überall heftig debattiert. Vor allem auch, da es im Vorfeld auf diversen anderen Festivals gravierende Probleme gegeben hatte. Ob man wollte oder nicht, wollte man auf dem Hurricane Festival etwas kaufen – Getränke, Essen oder Merchandise – ohne Chip im Festival-Bändchen ging nichts. Wer wollte, konnte sich diesen Chip daher im Vorfeld mit einer unbestimmten Summe aufladen. Alternativ gab es auf dem Gelände einige Aufladestellen. Diese waren (logischerweise) besonders am Freitag stark frequentiert und präsentierten lange Warteschlagen. Sieht man von dieser kleineren Hürde jedoch ab, war Geldausgeben auf einem Festival wohl noch nie so leicht gewesen!

Doch zurück zum Wesentlichen. Denn die Schnitzeljagd war für mich noch nicht zu Ende, schließlich musste ich noch den Eingang zum „Grüner Wohnen“-Zeltplatz finden. Dies stellte sich erneut dank mangelnder Beschilderung und wenig kommunikativer oder informierter Securities als eine kleinere Mittagsherausforderung heraus. Als ich jedoch irgendwann die vorgereisten Freunde und das Zelt erreicht hatte, konnte der Frust schnell vergessen und das Gelände ausgecheckt werden.

Freitag
Am frühen Abend war – nach gemütlichem Auftakt mit den Counting Crows – erst einmal Durchdrehen mit Danko Jones angesagt. Der kanadische Mr Obercool-Rocker lieferte eine sympathische Kaltschnauzen-Show ab, dass die Heide wackelte. Wie eine ordentliche Festivalrandale-Show auszusehen hat, demonstrierten wenig später die vielen politisch zu unbequemen Audiolith-Aushängeschilder Frittenbude. Durchdrehen mit erhobenem Mittelfinger und gegen Nazis! Der absolute Live-Knaller im Elektro-Trommelwirbel. Schon allein für den Witz, dass „Der Ewige Kreis“ als Gig-Intro verwendet wurde und Johannes Rögner einen Plüsch-Löwen in die Höhe hielt!

Grauer Auftakt auf der Blue Stage mit den Counting Crows

Grauer Auftakt auf der Blue Stage mit den Counting Crows

Zurück auf der Hauptbühne bei The Gaslight Anthem gab es zunächst eine erstaunliche Beobachtung: Der Kreischfaktor hat deutlich abgenommen! „Endlich!“ wollte ich beinahe rufen, doch da befand ich mich schon mitten in einer dreckigen Rock’n’Roll-Show. Auch wenn die Vergleiche mit Bruce Springsteen doch langsam ausgedient haben, diese vier Amerikaner wissen einfach zu begeistern und füllen immer mehr diese großen Fußstapfen auf. Alleine Brian Fallons liebenswürdig gequälte Stimme sorgte schon für gebührend Aufregung!

The Gaslight Anthem

The Gaslight Anthem

Die anschließende Pause bis Placebo die Green Stage entern sollten, nutzte ich schließlich zur Begutachtung des Hipster-Phänomens von Alt-J. Doch wollte an diesem Freitagabend der Funken einfach nicht überspringen. Womöglich lag es auch am wieder einsetzenden Regen, dass es nur eine nette Show mit netten Videos und netter musikalischer Untermauerung war.

Wie man hingegen die Massen auch bei Starkregen motivieren kann, obwohl man eigentlich gar keine neuen Songs im Gepäck hat und dafür routiniert nur die alten Gassenhauer schmettert, bewiesen Placebo. Eine niedliche deutsche Ansage hier, ein flotter Spruch da und ach ja, Matt Lunn wurde gleichzeitig noch als neuer alter Drummer vorgestellt, der seit Februar Steve Forrest ersetzt. Fakt ist die drei Engländer, die live noch mit allerhand instrumenteller Unterstützung auffahren, zündeten ein herzerwärmendes Diskografie-Querschnitts-Feuerwerk.

Die Neugier trieb mich im Anschluss zurück an die Blue Stage zu deadmau5. Der House-Star gilt immerhin als Speerspitze im elektronischen Bereich. Doch konnte ich die Euphorie für diesen Disney-Look-Alike nicht so ganz nachvollziehen. Auch wenn zugegebenermaßen die Lichtshow schon recht cool war.

Die persönliche Begeisterungswelle schlug aber kurze Zeit später noch einmal ordentlich an. Nämlich als die Suicidal Tendencies die kleine Red Stage enterten und im Handumdrehen die Massen mit ihren über 30 Jahren alten Songs die Masse dirigierten. Und hey, Lieblings-Hardcore-Opa Mike Muir legte auch im Regenspagat eine verdammt sexy Figur hin!

Samstag
Wachwerden war am Samstag eine leichte Sache – zumindest, wenn man sich pünktlich 13:30 Uhr zu Adam Angst verzogen hatte. Was für `ne abgefahrene Punk-Show war das denn?! Von Frau Potz und Escapado war man ja schon Einiges von Sänger Felix Schönfuss gewöhnt, aber die Show in der Zeltbühne setzte an diesem Wochenende neue Schweiß-Maßstäbe!

Adam Angst in der White Stage

Adam Angst in der White Stage

Das Wachbleiben hingegen fiel im Anschluss deutlich schwieriger. Denn die Zeit verging nur schwer angesichts der leider schnarchigen Sets von The Tallest Man On Earth und George Ezra.

Lediglich Oscar and the Wolf hatten es zuvor geschafft, mit ihrem Indie-Electro-Mix für eine herzlich willkommene Abwechslung zu sorgen. Die Belgier mit Frontmann Max Colombie legten eine entzückende Tanz-Show hin und zogen damit das leider noch überschaubare Publikum vor der Red Stage in ihren Bann. Und das nicht nur wegen des im Sonnenschein herrlich schimmernden Spiegel-Backdrops.

Geheimtipp: Oscar and the Wolf

Geheimtipp: Oscar and the Wolf

Abhilfe gegen aufkommende Langeweile verschaffte übrigens nicht nur der Sonnenschein, sondern auch eine kleine Erkundungstour über das Gelände auf der Suche nach einem Abendessen. Gewohnt an den üblichen Matsch aus Pommes-Döner-Pizza suchte mich eine positive Reizüberflutung heim. Veganes Curry? Belgische Pommes? Falafel oder doch lieber Pasta? Für Nicht-Veggies war das Angebot ebenso reichhaltig und reichte von Schwein am Spieß, über Sushi bis hin zu Steaks. Die kleinen Zelte und Trucks, die fairen Kaffee, organischen Wein etc. verkauften waren da noch das kulinarische i-Tüpfelchen. Auch wenn es auf Festivals eigentlich um die Musik gehen sollte, eine tolle Bereicherung!

Der Haupttag des Hurricane Festivals stand außerdem unter dem Motto „Hip Hop“. So gehörte der Nachmittag und frühe Abend den infantilen Shows von den 257ers, Alligatoah und Cro, wobei Letzterer immerhin ein cooles Feuerwerk am Ende hatte.

Feuriges Finale mit Cro

Feuriges Finale mit Cro

Erst das Farin Urlaub Racing Team brachte wieder etwas Schwung in das musikalische Treiben und jagte einige Besucher auf die Mülltonnen für innige Tänzereien.

Dass bisher alle „Rapper“ nur blasse Möchtegerns waren, zeigten später am Abend die Special Guests K.I.Z.. Der gemäß bald erscheinendem Album angekündigte Weltuntergang war Programm. Genau wie das kollektive Durchdrehen zu derben Bässen und derben Texten! Fun Fact am Rande: Die Bühnen-Deko stand schon tagsüber (unter strengster Bewachung) bereits auf dem Gelände rum.

Do not touch! - K.I.Z.

Do not touch! – K.I.Z.

Nicht minder crazy, wenn auch etwas, naja nennen wir es kultivierter, ging es beim Headliner auf der Green Stage zu. Denn Marteria ballerte all seine Hits ab und hatte auch wieder standardmäßig sein Alter Ego Marsimoto im Schlepptau. Und so lieferte der Hansa Rostock-Fan einmal mehr eine wirklich beeindruckende Show im Bengalo-Rausch ab!

So schön verstrahlt - Marteria

So schön verstrahlt – Marteria

Übrigens: Für die Rock-Fraktion gab es zur gleichen Zeit auf der Red Stage eine kultige, gazende Rockshow mit den liebenswert abgehalfterten Jungs vom Black Rebel Motorcycle Club. Wer hier am Ende noch seine olle Lederjacke auf dem Rumpf trug, hatte definitiv etwas falsch gemacht.

Sonntag
Bevor der letzte Festival-Tag anbrechen sollte, den man getrost auch als meinen „Fangirl-Tag“ bezeichnen durfte, galt es noch die Zelte abzubrechen. Vor allem noch vor der angekündigten Unwetterwarnung. Brav den Regeln folgend, ging es nach dem Abbau zur Müllabgabe, wo bereits der nächste kleine Aufreger auf uns warten sollte. Denn als kleine Gruppe von fünf Green Campern hatten wir schlichtweg zu wenig Müll produziert! Eine gute Sache möchte man meinen, doch nicht in den Augen des Personals und so erhielten wir unseren Pfand-Chip nur unter Protest und gegen den Tipp, wir sollten das nächste Mal doch einfach den Müll anderer einsammeln. Beim Umtauschen des Chips gegen den Pfand in Höhe von 10 Euro wartete schon der nächste Punkt, der unsere Nackenhaare in die Höhe schießen ließ. Denn obwohl der Betrag auf unsere Bezahl-Chips am Handgelenk geladen wurden, wurde das grüne Festival-Bändchen mit einem roten Edding markiert und das nicht einmal, nicht zweimal, sondern insgesamt dreimal, wenn man das große rote Kreuz auf dem weißen Bezahl-Chip mitzählt. Wer Glück hatte, erhielt sogar noch eine Markierung auf dem Handgelenk.

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Der Puls schnellte dann das erste Mal positiv an diesem Tag in die Höhe als das Elefanten-Rüssel-Kopf-Backdrop auf der Blue Stage flatterte und Death From Above 1979 ihre psychedelische Dessert-Rock-Show abfackelten. Nach langjähriger Abstinenz ein wirkliches Highlight!

Das Indieherz glühte später gleich noch einmal lichterloh, als Death Cab for Cutie ein Traumset auf der Green Stage schmetterten. Sicherlich, die Amerikaner wirken im kleinen Club mit schummrigem Licht durchaus besser. Aber am Sonntag reichte es dennoch für eine Show, die vor allem die Mädels im Teenie-Himmel schwelgen ließ. Toll!

Weil wir gerade von Jugendhelden sprechen. Noel Gallagher sorgte im Anschluss auf der benachbarten Blue Stage für den kollektiven Schulterschluss des Publikums. Mit seinen High Flying Birds im Schlepptau gab es so eine Stunde coolen Britrock erster Klasse. Das große Finale – wie sollte es anders sein – markierte unter lautestem Mitgegröhle der alte Oasis-Überhit „Don’t Look Back in Anger“. Auch wenn die Sonne schon den ganzen Nachmittag auf den Eichenring ballerte, sorgten diese knapp vier Minuten für eine Gänsehaut der Sonderklasse! Immer wieder WOW!

NGHFB.

NGHFB.

Dass Archive schon immer Shows abliefern, bei denen einem vor Begeisterung fast die Luft wegbleibt, ist eigentlich nicht einmal mehr eine Meldung wert. Doch was da am Sonntagabend auf der Red Stage abging, sucht seine Vergleiche! Im Halbdunkel donnerten die Londoner indie-lastigen, proggenden Trip-Hoper eine knappe Stunde einen elektronischen Knaller nach dem anderen. Verdammte Axt, war das atemberaubend!

Am Ende gab es nur noch eine schwere Entscheidung für das Fan-Herz: Florence + The Machine oder Casper? Den Battle der Rothaarigen gewann doch der Wahl-Berliner. Was war da nur abgegangen auf der (wie eigentlich zu erwarten) gnadenlos überfüllten Red Stage? Eskalation! Ekstase! Der Wahnsinn! Ohne Band aber zusammen mit Joe von den Drunken Mastersr gab es so einen derben Rap-Exzess-Angriff auf alle Sinne. Wie bei den zuvor schon statt gefundenen Mini-Club-Shows wurden die teilweise ohnehin schon leicht ausgenudelten Chart-Hits in ein neues Gewand gesteckt und mit knallenden Bässen unterfüttert. Der totale Abriss! Irre!

Total-Abriss mit Casper

Total-Abriss mit Casper

Um von dieser abgefahrenen Show runter zu kommen und das Festival endgültig zu beschließen, stand ein letztes Mal Bühnen-Hopping an. Und so wurde der wundervoll stimmgewaltigen und wie immer barfüßigen Riesenelfe doch noch meine Aufmerksamkeit zuteil, wenn auch nur kurz und für die letzten 30 Minuten. Doch waren diese so herzerwärmend wie die Bühnendeko in allen Farben bunt glitzerte. Ein perfekter Abschluss!

Abtakt
Getragen von so viel Harmonie ging es direkt im Anschluss zurück durch das unbeschilderte niedersächsische Hinterland. Ein Glück konnte uns immerhin das Navi den Weg weisen. Ihr fragt euch, was die Wetterkapriolen machten? Nichts! Naja, zumindest bis zum Verlassen des Geländes war es trocken geblieben und schüttete erst wenig später wie aus Kübeln. Auch im nunmehr zwanzigsten Jahr wohl irgendwie ein ewiger Kreis …

/ Franziska/