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Konzertbericht: Micro Circus & Rooftop Runners

Ein sehr überraschender Konzertabend war das am Dienstag in der Desi. Warum, wieso, weshalb? Wir waren vor Ort:

Konzerte wie jenes am Dienstag in der Desi erlebe ich wirklich selten.

Wie so oft steht und fällt meine Entscheidung, auf ein Konzert zu gehen, mit einem kurzen reinhören in die Musik, so auch bei den Rooftop Runners. Da genügte es, den erstbesten Youtube-Clip der Band kurz anzuspielen und der Termin stand fest im Kalender. Eine mir bis dato unbekannte Vorband gab es auch, aber die Entscheidung des Konzertbesuchs stand ja bereits und ich lasse mich auch gern mal überraschen.

Beim Bezahlen fiel mir auf, How deep is your Love scheint hier schon bekannt zu sein, zumindest prangt ein dicker Sticker auf der Kasse. Schön! Dann das übliche Prozedere: Stempel auf den Arm und rein in den Laden.

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Besagte Vorband war Micro Circus, drei Männer aus Nürnberg und München, die an diesem Abend erst ihr viertes Konzert spielten (erstes Konzert 2012 im MUZclub, zwei weitere als Support von Sportfreunde Stiller in diesem Jahr), obwohl die Bandgründung an sich schon vier Jahre zurückliegt. Hinter der Band eine Leinwand für Visuals, auf der Bühne zwei E-Gitarren und ein Schlagzeug.
Der erste Song vorüber, erstes Fazit: Klingt nach mehr. Die zahlreich anwesenden Gäste hielten noch etwas Abstand zur Bühne, dies änderte sich jedoch schnell durch die erste Aufforderung der Band, heranzutreten. Bevor es weiterging, wurde noch kurz der Schlagzeuger vorgestellt, der das bisherige Duo neuerdings ergänzt.

Bereits nach den ersten drei Songs war klar: Die eindrucksvoll ausgefeilte Musik, eine Mischung aus Indie Pop mit elektronischen Elementen und 90er Einschlag, überzeugt auf ganzer Linie! Der Sound geht vom Ohr direkt ins Bein, der überwiegende Teil des Publikums jedoch genoss diesen nur still stehend. Egal – jeder wie er mag.

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Doch nicht nur die Musik war stimmig, auch an der Liveperformance gab es nichts auszusetzen, die Visualisierung stehts punktgenau auf die Songs abgestimmt, der Schlagzeuger mit viel Einsatz bei der Sache, das Duo an den Gitarren, der Gesang, einfach alles wirkte wie aus einem Guss und nicht wie der vierte Liveauftritt.

Neben der Einbindung des Publikums als Chor beim Titel „Seven“ gab es sogar noch eine Zugabe obendrauf. Allein für diese Band hat sich der Eintritt schon mehr als gelohnt – Überraschung Nummer eins, selten überzeugt mich eine Vorband derartig.

Danach hieß es erstmal durchatmen an der Bar und die Gelegenheit nutzen, ein paar Worte mit der Band zu wechseln. Die knapp zweijährige Pause ist auf Nachwuchs zurückzuführen, dass auf der Bühne präsentierte Album „Bliss Made Of Plastic“ gibt es nur online bei Bandcamp zu kaufen und weitere Konzerte sind für nächstes Jahr geplant, wenn man sie denn bucht.

Ich kann sie mir jedenfalls jetzt schon sehr gut auf den Konzert- und Festivalbühnen des nächsten Jahres vorstellen. Meine Empfehlung haben sie und ihr solltet unbedingt mal reinhören:

Immer noch ziemlich geflasht vom ersten Konzert wurde man nett aufgefordert, doch wieder in den Saal zu schauen, Rooftop Runners standen auf der Bühne bereit für ihren Auftritt.

Dem Ruf sind leider nicht mehr so viele Leute gefolgt, scheinbar waren unter den Konzertbesuchern doch so einige Freunde und Bekannte von Micro Circus.

Auf der Bühne standen jetzt die beiden Brüder MacIsaac, ursprünglich aus Kanada, mittlerweile in Berlin daheim. Bewaffnet mit zwei E-Gitarren begannen sie ihr Set und präsentierten ihre Songs ausschließlich mit dem Sound der Gitarren, das war dann Überraschung Nummer zwei für den Abend.

Um es besser nachvollziehen zu können – auf ihrer Facebookseite beschreiben sie die Musik wie folgt:
„[…] eine Mischung aus souligem Gesang, dynamischen Instrumenten und elektronischen Elementen. In der Musik der Rooftop Runners treffen sich die Polaritäten: durch abwechselnde Gesangsharmonien, schallende Gitarren und schwere Synthies werden dynamische Soundlandschaften erzeugt. So kreieren die Rooftop Runners ein vielseitiges Wechselspiel der Musik.“

Was beim Livekonzert davon übrig blieb, war der soulige Gesang und düstere, ja schon ans Depressive grenzende Gitarrensounds. Polarisiert hat hier einzig und allein der krasse Gegensatz zur ersten Band.

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Ich möchte damit die Musik der Rooftop Runners keineswegs schlecht reden. Was hier auf der Bühne präsentiert wurde, war wirklich gekonnt, aber ich war schlichtweg nicht auf die „abgespeckte“ Version der Musik vorbereitet. Zumal die Stimmung, welche durch die Vorband erzeugt wurde, einfach nicht zum dargebotenen Sound passte.
Nach einer halben Stunde beendeten die Herren den Abend, ernteten einen angemessenen Beifall und verließen die Bühne.

Da die beiden Brüder im Anschluss noch an der Kasse standen um ihre in Eigenregie produzierte EP „We Are Here“ sowie das Anfang des Jahres erschienene Debütalbum „Alluvium“ zu verkaufen, unterhielt ich mich noch kurz mit den beiden, um eine Erklärung für den abweichenden Musikstil zu erfahren.

Die bekam ich auch, die Zusammenfassung: Das Geld reicht einfach nicht aus, dass eine ganze Band auf Tour geht, deshalb sind sie nur zu zweit unterwegs. Bei den Konzerten haben sie anfangs noch den fehlenden Sound aus der Konserve beisteuern lassen, aber gemerkt, das ihnen das selbst nicht gefällt. Also gibt es den Gitarrensound und Gesang eben pur.

Klang schlüssig und nachvollziehbar, auch die Veranstalter wurden damit etwas überrascht. Das deutlich weniger Gäste zu ihrem Auftritt anwesend waren, nahmen die Jungs ganz locker hin, solche Abende gebe es auch, sie haben auch schon als Vorband einer bekannten Band ein Konzert vor nur zehn Leuten gespielt, passiert eben.

Sollten die Rooftop Runners in Zukunft Nürnberg erneut in kompletter Besetzung einen Besuch abstatten, ich würde mir es auch ein zweites Mal ansehen, allein um den kompletten Sound der Band zu erleben, der in etwa so klingen sollte:

/ Text & Bilder: André Prager / Addicted to Concerts NBG