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Clubbetreiber im Gespräch: Wut, Traurigkeit und Hoffnung

Seit Mitte März haben Clubs nicht mehr geöffnet. Das ist lange her. Wir haben mit Peter Harasim (Hirsch), Tom Zitzmann (Rakete) und David Lodhi (Stereo) über das Jahr gesprochen. Die Fragen stammen vom freien Journalisten Michael Rosmann, der unter anderem für den Kiss Klub in der Rakete verantwortlich ist (war).

Wie seid ihr bislang durch diese Krise gekommen? Gab es Hilfen vom Staat oder Spenden? Musstet ihr Personal entlassen?

[Peter Harasim] Die Staatshilfen sind beantragt und im sehr überschaubaren Umfang angekommen. Wir hoffen auf die groß angekündigten Novemberhilfen. Ohne die kommt aber die gesamte Kulturszene nicht mehr allzu weit. Als die Pandemie im März anfing waren die Leute immens bereit uns mit Spenden zu unterstützen. Das hat uns auch persönlich sehr berührt und wir haben das Gefühl dass unsere Arbeit für die Menschen wirklich sehr relevant ist und ganz viele genau wissen, wer in der Region für welche Kultur verantwortlich ist. Personal mussten wir nicht entlassen – aber auf Grund der allgemeinen Verunsicherung sind uns wichtige Kollegen und Leistungsträger abgesprungen; die werden wohl nie mehr zurückkommen. Das fand ich sehr traurig.
[Tom Zitzmann] Die Krise ist noch nicht rum, aber es sieht gut aus, dass wir es schaffen. Wir hatten eine gute Startnext Aktion und für den tollen Support unserer Gäste sind wir sehr dankbar. Wegen der Krise mussten wir bis jetzt zum Glück keinen entlassen.
[David Lodhi] Der Club Stereo hat die erste Soforthilfe erhalten, die hat bis Mai gereicht. Bis zum Herbst hat uns dann ein Crowdfunding über Wasser gehalten. Es hat uns viel Kraft gegeben, zu sehen, wie vielen Menschen unser Schaffen was bedeutet. Ohne diese Unterstützung wäre es im Spätsommer sehr knapp geworden. Unsere Minijobler*innen oder freien Mitarbeiter*innen mussten wir größtenteils in eine „Pause“ auf unbestimmte Dauer schicken, unsere Festangestellten auf Kurzarbeit setzen. Vor einigen Wochen wurden wir im Rahmen des Bayrischen Spielstättenprogrammes für kulturelle Spielstätten unterstützt, was bedeutet, dass wir zum ersten Mal seit vielen Monaten etwas durchatmen und den Blick vorsichtig auf das kommende Jahr richten konnten. Das tut für den Moment gut, wird es aber am Ende nicht einfacher machen. Viele Menschen, die in der Umgebung von Kultur- und Begegnungsorten wie dem Stereo arbeiten, haben noch gar keine Unterstützung erhalten. Das zeigt klare Deckungslücken im System auf, die schleunigst beseitigt werden sollten. Auch wir beide Betreiber müssen vom Ersparten leben. Das kann so nicht sein. Mal sehen, ob die angekündigten Novemberhilfen ein paar dieser Lücken stopfen.

Konntet ihr nach dem ersten Lockdown zwischenzeitlich überhaupt wieder öffnen? Falls ja, in welcher Form?

[Peter Harasim] Ja, in sehr überschaubaren Umfang. Wir haben unseren Garten im „Hirsch“ genutzt und über 30 Veranstaltungen dort durchgezogen. Das Interesse der Menschen daran war spektakulär. Aber das waren nicht mehr als Lebenszeichen – die von der Öffentlichkeit sehr wohl registriert wurden. Finanziell hat das keine Entlastung gebracht.
[Tom Zitzmann] Wir hatten kurzfristige eine Biergartenlösung, welche aber finanziell eine Katastrophe war. Zu Techno gehört nun einmal das Tanzen, wenn das verboten ist, brauchen wir erst gar nichts versuchen. Werden wir auch nicht mehr.
[David Lodhi] Wir haben gegenüber vom Vorraum, unserer Bar über dem Stereo, einen kleinen Außenbereich genehmigt bekommen, den wir als „Sonnendeck“ betrieben haben. Außerdem konnten wir auf Initiative der Nürnberger Wirtschaftsförderung ein paar Wochen lang einen Pop Up Biergarten auf dem Kornmarkt öffnen dürfen. Beides waren unterm dem Strich Arbeits- und Motivationsbeschaffungsmaßnamen. Mit unserem Beruf hat das abgesehen davon nicht viel zu tun gehabt, aber wir konnten für Freunde und Stammgäste da sein. Die vielen Gespräche, die hier geführt wurden, waren total schön und wir konnten uns bei den Menschen, die uns beim Crowdfunding unterstützt haben, zu einem großen Teil persönlich bedanken.

Welche finanziellen, aber auch emotionalen Folgen hat dieser zweite Lockdown für euch? Was stellt das mit eurer Psyche an und welche Auswirkungen hat das auf eure Visionen, Ideen?

[Peter Harasim] In unserem Betrieb gibt es keine Jammerlappen, die sich mit diesen Coronaleugnern gemein machen. Objektiv sind die Maßnahmen verständlich denn die Ansteckungsgefahr ist erheblich und wir sehen zum Teil schwere Verläufe – auch in meinem Freundeskreis. Der zweite Lockdown ist natürlich ärgerlich weil er wieder viel geleistete Arbeit zerstört. So haben wir für die laufenden Monate für Hirsch, Löwensaal und Gutmann Corona-konforme Veranstaltungs-Konzepte und Serien konzipiert. Diese Veranstaltungen müssen nun permanent fast von Monat zu Monat verschoben werden. Im Übrigen mussten wir über 450 Veranstaltungen von diesem Jahr ins nächste oder übernächste verschieben; das ist fürchterlich viel Arbeit.
[Tom Zitzmann] Naja, unser letzter richtiger Event war am Freitag der 13. März, seitdem haben wir geschlossen, da hat der zweite Lockdown nichts verändert. Der erste Kredit war ruckzuck weg. Zumindest konnten wir alle Schulden begleichen, auch sehr wichtig. Naja wenn man das seit 30 Jahren macht und dafür lebt, fällt einen das schon schwer ohne BumBum und Bass und dem Drumrum.
[David Lodhi] Das ist schwierig zu beantworten. Wir leben seit Mitte März in einem ständigen hin und her, es ist kaum mehr was planbar. Vieles muss kurzfristig entschieden werden, kann stehen, kann fallen. Deshalb ist es gerade schwierig, auf einen längeren Zeitraum nach vorne zu schauen, obwohl vieles in unserer Branche mit einem hohen Vorlauf geplant wird.

Könnt ihr noch gut schlafen? Wie sehen eure Tage aus? Wie geht es euch und euren Familien?

[Peter Harasim] Also ich schlafe sehr gut. Unsere Generation hat nie einen Krieg erlebt und musste noch keine Nacht in einem Bunker verbringen. Ich selbst habe mich vor langer Zeit mal freiwillig nach Nicaragua als Arbeitsbrigadist begeben um sowas einmal zu erleben. Eigentlich sind wir in Europa gesegnet. Leider können manche Zeitgenossen das nicht wertschätzen und haben nur ihr Ego im Blickfeld. Wir schränken uns alle solidarisch eine gewisse Zeitlang ein. Das sollte zu schaffen sein – auch wenn ich liebend gerne mal wieder ein richtig höllisch lautes Konzert besuchen würde.
[Tom Zitzmann] Aktuell machen wir die Rakete fit für ein „Nach der Krise“ und ich bin der Meinung es wird gut. Die Familie bangt natürlich mit, klar muss sie auch die scheiß Laune von einem aushalten.
[David Lodhi] Ich schlafe meistens gut, aber auch mal schlecht. Das war aber vor Mitte März nicht anders. Normalerweise wäre jetzt Hauptsaison mit etwa 20 Konzerten und 12 – 15 Partys im Monat, was viel Arbeit und Extrastunden zur Folge gehabt hätte. Das gibt es jetzt ja nicht. Ich habe einen Online-Sprachkurs belegt und lerne seit einiger Zeit isländisch. Außerdem mache ich mehr Sport und meine Familie freut sich natürlich trotz allem auch ein wenig über die viele gemeinsame Zeit.

Habt ihr noch Zuversicht? Werdet ihr also um jeden Preis durchhalten oder habt ihr die Hoffnung auf ein gutes Ende aufgegeben?
[Peter Harasim] Wir sind hier im Betrieb größtenteils Sonnenkinder und Kämpfernaturen. Wir haben keine wirklichen Depressionen – höchstens etwas Wut und Traurigkeit dass so viel den Bach runter ging. Wir hoffen dass es irgendwann wieder weiter gehen kann und sich die Bedingungen für uns und das Publikum nicht gravierend ändern werden.
[Tom Zitzmann] Jetzt nach den angekündigten Hilfen ja, wir geben nicht auf, auf keinen Fall. Wir starten ja bald unser neues Projekt die Digitalrakete, siehe http://www.digitalstage.io/digitalrakete, da haben wir einige gute Acts am Start und auch unsere Homies können sich wieder zeigen. Wir arbeiten da gerade zu 100 % dran und ich bin der Meinung es ist wichtig dass wir so was machen, ist auch ein Signal, dass wir noch leben.
[David Lodhi] Um jeden Preis durchhalten kann man als freies, unabhängiges Wirtschaftsunternehmen nicht. Den Kampfeswillen lassen wir uns allerdings trotz allem nicht nehmen. Wir machen das schon wirklich lange und haben die Liebe und Energie dafür noch nicht verloren – ganz im Gegenteil.

Ist eure Bar, euer Club das einzige berufliche Standbein, das ihr habt? Falls ja, werdet ihr euch Alternativen suchen, um neue Einnahmequellen zu erschließen oder habt ihr bereits neue Ideen realisiert? Für euch persönlich oder für eure Bar, euren Club?

[Peter Harasim] Also ich hab mit der langlebigsten Nachwuchsband der Region, den „Ramrods“ die zweite CD eingespielt, die am 1.3.21 offiziell veröffentlicht wird. Wenn die durch die Decke geht dann hab ich auch eine Alternative. Aber die meisten von uns haben tatsächlich keinen Plan B; die haben ihr ganzes Leben lang nur Concertbüro Franken gemacht; wir feiern nächstes Jahr 40-jähriges Bestehen. Wir können nichts anderes.
[Tom Zitzmann] Nein, aber die anderen Sachen sind auch stark von der Krise betroffen und die laufen gerade alle leider auch nicht, zum Glück sind wir in Deutschland und bekommen zumindest für den Club Zuschüsse, das ist schon klasse.
[David Lodhi] Wir leben von dem was wir vor dem ersten Lockdown getan haben und wollen daran grundsätzlich festhalten. Kreative Lösungen zu schaffen ist Teil unseres Berufsbildes. Mit dem Nürnberg Pop Festival haben wir, meine ich, auf sehr schöne Art und Weise gezeigt, dass Popkultur auch in diesen Zeiten funktionieren und Menschen glücklich machen kann. Ideen gibt es – klar. Alles andere muss man sehen.

Fragen: Michael Rosmann. Bild: Rakete

www.der-hirsch.de
www.dierakete.com
www.club-stereo.net