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Konzertbericht: FJØRT

Und wer schrieb einst eigentlich: „Geh‘ dahin, wo du passt.“?

Diese Textzeile aus FJØRTs „Anthrazit“ passt zu meinem Konzertabend wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Denn eigentlich bin ich kein Freund von Hardcore und Posthardcore. Viel zu aggressiv und wütend für meinen Geschmack. Zu wenig eingängige Melodien und Harmonie.

Warum bin ich dann hier? Ein Typ, für den Motörhead, Black Sabbath und Iron Maiden so ziemlich die härtesten Scheiben im Plattenschrank gepresst haben, ein musikalisches Weichei, das sich nicht scheut seine Affinität zu Schnulzenbarden wie Bosse oder Adele zuzugeben. Vielleicht, weil ich von meiner Weheartmusic-Kollegin Franzy mit dem FJØRT-Virus angesteckt wurde, weil das aktuelle Album in der Visions 11 von 12 Punkten bekommen hat, vielleicht auch, weil die 3 Aachener Jungs es schaffen, mich mit ihrer Musik irgendwie zu packen. Egal ob es die harten Riffs, der treibende Bass oder die aussagekräftigen Lyrics sind, FJØRT sind anders als die anderen.

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Nun steh ich also hier im ausverkauften Club Stereo, um mich rum nette Menschen, denen man größtenteils ihre Liebe zu härteren Tönen ansieht, und ich merke schon bei der Vorband, wie mich die Musik mitreißt. „We never learned to live“ kommen aus Brighton und machen doch sehr gefälligen Screamo mit Posthardcore und Postrock Elementen, eine perfekte Einstimmung auf das, was noch folgen wird.

Ich werde doch nicht mit fast 35 Jahren meinen Musikgeschmack nochmal anpassen? Ich dachte, das kommt frühestens mit 50, wenn es im Autoradio nur noch Bayern 1 gibt.
„Was finden die Leute an dieser rauen, wütenden Musik?“ frage ich mich und erwische mich beim Headbangen. „Das ist doch kein Gesang, der schreit doch nur“, denke ich und merke, dass ich gerade selbst den Refrain mitschreie.
FJØRT haben an diesem Abend Dinge in diesen kleinen Kellerclub gebracht, die ich (als Stammgast) dort noch nicht oder erst selten erlebt habe. Wilder Pogo, Crowdsurfing, Mädels auf den Schultern ihrer Begleiter.

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Zwischenzeitlich wurde sich vor dem äußerst politischen Song „Paroli“ mit der Kernaussage des Songs an das Publikum gewandt, doch dem braunen Mob und den (Mitte-) Rechtsparteien entgegenzutreten und dem Hass und der Angst keinen Platz zu geben. Dem können wir uns nur anschließen! „Frei zu sein bedeutet Freiheit zu schenken.“

Was bleibt nach diesem Abend als Fazit?
Scheinbar mag ich Hardcore wohl doch, und definitiv haben FJØRT einen festen Platz in meinem musikalischen Herzen eingenommen.

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/ Text: Simon Strauss /Bilder: Bing-Hong Hsiao