MIA

Konzertbericht: Mia.

Normalerweise beginnt so ein Text hier ja gerne mal mit einer besonderen Szene, einem einprägsamen Moment, der exemplarisch steht für ein Konzert. Normalerweise würde man darauf dann die weitere Kritik aufbauen, und alles wäre ganz einfach. Aber was ist, wenn ein ganzes Konzert, wenn knapp zwei Stunden ausschließlich aus eingangs genannten Situationen besteht? Wenn ein großes Bild das andere jagt, wenn sich ein Gänsehautmoment an den anderen anschließt, wenn 250 Menschen ununterbrochen  in Glück und Seifenblasen und Tanz und Gefühl gepackt werden, was pickt man sich dann raus?

So geschehen nämlich am vergangenen Donnerstag im Hirsch: „Mia.“ waren … nicht nur da, sondern mittendrin und außenrum und überall. Haben eigentlich ihr neues, sechste Studioalbum „Biste Mode“ vorgestellt im Zuge der gleichnamigen Tour, und haben doch so viel mehr geliefert, gebracht, geschenkt. Es wäre ungerecht, zu sagen, dass Gunnar, Andy und Bob nur „die Band“ waren, nur der Rahmen, in dem sich Sängerin Mieze Katz bewegt, denn das sind sie nicht. Doch die Sängerin dominiert mit einer derart verzaubernden Präsenz die Bühne, dass man, pardon, ihre Jungs fast ein bisschen vergisst. Seit 1997 gibt es die gemeinhin als Electropop-Band titulierte Band „Mia.“, damals noch unter anderem Namen und in anderer Besetzung, seit 1997 hat sie mehrfach Form und Farbe gewandelt und den Stil, hat sich ausprobiert und neu erfunden – jetzt, so scheint es, haben „Mia.“ alles, was sich seitdem angesammelt hat, in einen großen Sack gepackt, durchgeschüttelt und die schönsten Farben rausgepickt.

Entsprechend bunt ist das Konzert. Stücke werden nicht gesungen, sondern aufgeführt, performed, mit je eigenem Kostüm, in das sich Mieze nonchalant ungefähr minütlich auf der Bühne inszeniert, wie sie das ganze Konzert inszeniert, ihr eigenes Bühnenbild ist. Wie die Frontfrau selbst, so changiert auch die Musik. Zwischen räudig-rockig und emotional-elektronisch, zwischen heiter und tieftraurig. Immer jedoch in einer Intensität, die bewegt. Und das ist Mieze.

Charismatisch bis an die Schmerzgrenze kommuniziert sie mit ihren Fans, schafft Momente, in denen sich jeder der Besucher fühlen kann, als sänge sie nur für ihn – keine freudvoll erhobene Hand, die ihr entgeht, kein Blumenkranz, den sie nicht sehen würde und adhoc honoriert. Springt sie plötzlich ins Publikum und umarmt ihre Freunde, holt sie plötzlich ein kleines Mädchen auf die Bühne und tanzt als beste Freundin mit ihr, bis die Tränen fließen. Die immer wieder zu sehen sind, weil nicht nur das außenrum, sondern auch die Texte so bewegend sind, jeden treffen, „Hoffnung“ geben, Verstorbene „vermisst“ werden, „Berg & Tal“-Fahrten durchlaufen und geflogen wird ohne „Fallschirm“. 50 Flüchtlinge sind auf Einladung des „Hirsch“ mit dabei, und auch die genießen jede „Sekunde“ mit der aberwitzig schillernden Formation, die mal die Instrumente durchwechselt und mal als „Kapitän“ mit Steuerrad agiert und deren Sängerin die eigene Stimme nach Gutdünken formt. Machste mit biste Mode, lässt et sein hast’n Stich, doch zu Mia. kannste immer wieder kommen!

https://www.youtube.com/watch?v=77IKeBBXXqM

//Text & Bild: Katharina Wasmeier //