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Nachbericht: BERLINALE SHORTS

Stille. Ein radikaler Bruch.

Plötzlich erscheinen Bilder. Bewegte Bilder.

Wir verlassen die Welt der Musik – jedoch nicht die Welt der Kunst–und geben euch einen kleinen Einblick in die „Berlinale Shorts“, bei der wir die Vorpremiere besuchen durften.

Die diesjährigen Kurzfilmvorführungen sind in zwei Zeitabschnitte gegliedert: Zum einen gibt es einen speziellen Sonderthemenblock, der überwiegend Kurzfilme aus den 68ern zeigt, da die Berlinale in diesem Jahr zum 68ten Mal stattfindet. Der zweite Bereich umfasst eine aktuelle Auswahl an Kurzfilmen. Wir haben uns für eine der Teilvorstellungen der aktuellen Kurzfilmreihe (,Hohe Bäume werfen kurze Schatten’) entschieden und möchten gleich anmerken, dass Ihr diesen Mittwoch und Freitag noch die Gelegenheit habt, die Filme im Zuge der Berlinale live zu erleben. Drei Kurzfilme, drei Texte: Alma Bandida, Russa und Blau.

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Der Kurzfilm Alma Bandida (The Hooligan Soul) des Regisseurs Marco Antônio Pereira handelt von einem jungen Pärchen aus der brasilianischen Provinz, das von einer Hochzeit und Wohlstand träumt. Der bekanntermaßen schwache Arbeitsmarkt im Zentrum des Landes erschwert ihnen ihr Vorhaben jedoch deutlich und der junge Mann beschließt sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er begibt sich mit der Spitzhacke allein in den Dschungel und gräbt sich auf der Suche nach Edelsteinen mühselig durch das Gestein. Täglich kehrt er in den Steinbruch zurück und hofft auf sein Glück, denn nur ein Fund wird entlohnt und ohne Erfolg bleibt alle Mühe sinnlos. Währenddessen wird immer wieder seine Freundin gezeigt, meist am Handy wo sie sich sehnsüchtig Bilder von ihm anschaut. Oder an der Konsole, an der sie einen ihm nachempfundenen Charakter erstellt hat. Mit diesem Charakter zieht sie durch die Straßen der Computer Matrize und nimmt sich in seinem Namen einfach das, was sie will. Obwohl in Gedanken häufig bei ihm, wirkt sie in seiner Anwesenheit eher abwesend, ja fast abweisend. Seine Liebesschwüre und das Ausmalen einer besseren Zukunft scheinen sie kalt zu lassen. Die Realität in der Gegenwart ist eine andere. Mehrfach wird im Film ein Partybus gezeigt, der durch die Kleinstadt zieht und von einem ausgelassenen Nachtleben zeugt, das nicht ihres ist. Wie der Übergang Brasiliens vom Schwellenland zur Industrienation nicht alle seine Bürger mitzunehmen vermag, die wirtschaftliche Aufstieg und die zunehmende Digitalisierung auch im ländlichen Raum des Landes Verlierer produziert, davon zeugt dieser Film. Er berichtet vom Anachronismus einer aufstrebenden Nation, deren Jugend zwar in der Moderne verwurzelt ist und dennoch ihr Potenzial nicht ausschöpfen kann, weil das Land diese Entwicklung schlicht nicht ermöglicht. Was bleibt ist die ungewisse Flucht in eine der Küstenstädte des Landes oder aber man bleibt in der vergessenen Heimat und kämpft täglich gegen Stagnation und Resignation. Was bleibt ist die Liebe und der Traum von einer besseren Zukunft – um vielleicht auch einmal im Partybus, dem Symbol für Ausgelassenheit und Wohlstand, mitfahren zu können.

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Die brasilianisch-portugiesische Koproduktion Russa von Joao Salaviza und Ricardo Alves Junior behandelt weitere Auswüchse einer wachsenden Bevölkerung, denen durch sozialen Wohnungsbau und Zwangsumsiedlungen begegnet wird. Wie sich das auf die menschliche Psyche und den Gemeinschaftssinn einer Siedlung auswirkt, damit beschäftigt sich diese Kurzdokumentation. Der Film begleitet Russa, eine Gefängnisinsassin auf Freigang, beim Heimatbesuch in Bairro do Aleixo, einem sozialen Brennpunkt Portos. Seit ihrem zwölften Lebensjahr lebte Russa hier in einem der fünf 1974 eingeweihten Wohntürme. Das Viertel, einst ein Vorzeigeprojekt der Regierung und Pilotprojekt des sozialen Wohnungsbaus in Brasilien, leidet heute stark an einer zunehmenden Kriminalisierung. Russas Biographie, von Kindheit an hier lebend und nun inhaftiert, ist eng verwoben mit der Geschichte des Viertels. Daheim angekommen findet sie ihre alte Wohnung verschlossen, der Sohn lebt längst im Ausland. Viele sind weggezogen oder haben ihre Wohnung verloren. Was einst als Hoffnungsträger des sozialen Wohnungsbaus begann, soll nun abgerissen werden. So versucht die Regierung der Ghettoisierung und Kriminalisierung radikal beizukommen. In der Tat wirken die farblosen Innenaufnahmen des Gebäudekomplexes und der Treppenhäuser trist, leer und trostlos, aber welche Bedeutung dem Viertel für die Bewohner beizumessen ist, kann man erahnen, wenn man dem Gespräch Russas und ihrer Schwester lauscht. Hier verlebten sie ihre Jugend, zogen ihre Kinder groß, hier spielte sich alles ab und hier sah man sich im hohen Alter. Man spricht über alte Bekannte und Freunde, die Familie und vor allem über die Vergangenheit. Denn die Zukunft ist ungewiss, den letzten Mietern wird trotz lebenslangem Wohnrecht gekündigt und zwei der Türme wurden bereits 2011 gesprengt. Dennoch ist der Zusammenhalt der verbliebenen Bewohner hoch, man richtet sich in der Ungewissheit ein und versucht Normalität herzustellen. Russa kehrt ins Gefängnis zurück, im Ungewissen darüber ob der Ort, der einmal ihr Zuhause gewesen isz, bei ihrem nächsten Besuch noch da sein wird.

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Der Animationsfilm Blau von David Jansen entstand 2017 in Deutschland und spielt im größten Zentrum der Welt. Dem Meer. Die ersten Momente des Films konfrontieren uns mit verschiedenen Bewohnern dieser Wasserwelt. Fröhlich anmutende Quallen tanzen und einem riesigen Wal scheinen regebogenähnliche Strahlen aus dem Mund. Dieser Gigant der Meere taucht auf und befindet sich in einer romantisch und stürmisch anmutenden Meereskulisse, die vom Mondlicht bestrahlt wird. Die Naturidylle bleibt nicht lange unbetrübt und so verdunkeln sich die Farben und ein graues Objekt tritt in Erscheinung. Ein karges und nicht gerade eine friedliche Atmosphäre ausstrahlendes U-Boot treibt im Meer. Der weitere Verlauf ist intuitiv spürbar. Der Wal wird harpuniert und versteinert während des Falls zum Meeresgrund. Unten aufgeschlagen verfärben sich die Augen des Wales rot. Die anfängliche Harmonie schlägt gegensätzlich aus. Doch der Augenblick ist nicht von langer Dauer, kurze Zeit später wird er von bunten Meerestierschwärmen reanimiert. Während der Wal leicht unruhig durch die Meeresebenen schwimmt, wird ein U-Boot von einem Torpedo abgeschossen. Im Anschluss daran füllt sich das Meer schwarz. Es scheint keine Ausflucht aus dem öldurchsetzten Meer zu geben, bis der Wal einen kleinen roten Schlupfwinkel findet, in dem er sich verbarrikadiert. Der Realitätsmodus wird weiter unterminiert, nachdem der Wal in einer von Gletschern umzingelten Region auftaucht und in den Himmel fliegt. Er fliegt und wandert stoisch über den Wolken. Die letzten Stationen seiner Flugroute sind durchzogen von Hochhäusern. Er erreicht die Grenze der Stadt. Den Strand. Der Wal strandet und vermittelt mit seinem letzten Blick nur noch eine Botschaft. Liebe Menschen, ich verspüre keinen Optimismus was eure Spezies betrifft, aber vielleicht könnt ihr eure undurchdachten Spielereien mal kurz pausieren. Ich möchte mich ausruhen. Nur für einen Moment.

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Ein kleines Verweisschlusswort. Das Sonderprogramm zu den 68ern ist ebenfalls empfehlenswert und bietet eine Mischung aus experimentellen, progressiven und politischen Ansätzen die vielen Bereichen des aktuellen Filmetablissements den Rang ablaufen. Früher war nicht alles besser, aber auch nicht alles schlechter.

Spielzeiten & Programm: hier

www.berlinale.de/

/ Text: Mentor Osmanaj & Leo Zimmermann / Bilder: Internationale Filmfestspiele Berlin/