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Konzertbericht: Fanta 4

Manchmal kommt es wundersamerweise vor, dass sich auf einem Konzert gleich mehrere von uns tummeln. Ob das von Haus aus als Gütesiegel zu sehen ist, überlassen wir mal euch. So wie auch in diesem Fall mal wieder zwei unterschiedliche Wahrnehmungen – wobei sich im Fall der Fantastischen 4 die Unterschiede eher in Grenzen halten …

Nummer 1:
25 Jahre Fanta 4. Ein Wahnsinn. Kompliment, dass die Besucher des ersten Nürnberger Konzertes im (ur)alten Kunstverein da auch noch gegrüßt wurden. Man sollte halt nicht vergessen wo man her kommt. Tun diese fantastischen vier auch nicht. Ganz im Gegenteil. Aber von vorne:

Zuerst kam Lary. Die Gewinnerin des letztjährigen New Music Award machte bei ihrem etwa 30-minütigen Liveset neugierig auf die komplette Show, die es in Nürnberg am 19. März im Club Stereo zu sehen gibt. Wirklich eine tolle Stimme und knappe, punktgenaue Arrangements, irgendwo zwischen rauchigem Soul und modernem R’n’B à la FKA Twigs.

Dann kamen die Fantas. Und zwar nicht auf der eigentlichen Bühne, sondern gegenüber. Von Knall und Konfetti begleitet, nahmen sie gleich zu Beginn ein Bad in der Menge und ließen, drüben auf der Bühne angekommen, auch wirklich keinen ihrer großen Hits aus. Von Old School zu Nu School zu Old School zu Nu School und das begleitet von einer monströsen Licht- und Videoshow, im Rahmen derer der jeweils rappende Teil der Band auch mal in Übergröße in die proppevolle Arena projiziert oder mit den Handy-Taschenlampen-Apps der Besucher (Merke: das Handy ist das Feuerzeug der Neuzeit) Videokunst auf einer riesigen Projektionsfläche gezaubert wurde.

Immer wenn es Old School wurde, war das richtig toll. Immer wenn es Nu School wurde, hatte man Zeit zum Durchschnaufen. (Merke: Nu School ist die neue Hintergrundmusik zum Bierchen holen und Schwätzchen halten). Smudo, Michi Beck und Thomas D zeigten sich in Höchstform. Und And.Ypsilon, der gehört halt auch dazu, wirkte aber (wie immer eigentlich) eher wie einer, der gerne als Teil von Kraftwerk geboren worden wäre und nun nach all den Jahren merkt, dass irgendwas nicht stimmt, ihn aber trotzdem Tausende cool finden.

Dass die begleitende Liveband allererste Sahne war, versteht sich von selbst. Sowie auch mehrere Zugabenblöcke inklusive „MfG“, „Troy“ oder „Populär“. Dann entließen die Fantas ihr glückliches Publikum. irgendwo zwischen Dreizehn und Dreiundsechzig alt, in die Montagnacht.

In der Summe: saubere Leistung!

/dl/

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Nummer 2:
„Danke“, sagt der Michi Beck, „dass ihr nach so langer Zeit diese komische Musik immer noch hört.“ Da muss man dann aber schon mal sagen: Gemach! Schließlich verhält es sich wohl eher so, dass wir vor allem damals, vor 25 Jahren, komische Musik gehört haben, als diese witzige Schwabentruppe urplötzlich begann, deutschen Sprechgesang mit dreister Selbstverständlichkeit auf jungfräuliche Ohren zu werfen. Doch dann folgten neun Studioalben, Unplugged-Legenden, unzählige Auszeichnungen und dann eben nochmal eine Tour, deren Show denkbar weit entfernt von „komisch“ ist.

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Und mit einem Geschenk beginnt – zumindest für diejenigen, die sich’s in der rappelvollen Arena eher hinten gemütlich gemacht haben. Da spuckt sie das feine Tunnelsystem der Halle nämlich aus, die Fanta 4, rauf auf eine Bühne, einmal kurz Ekstase zum Einstieg für alle, Bad durch die Menge nach vorne, Konfetti, Feuerwerk, Furiosum, Stimmung nach fünf Minuten: maximal. Wer so ungefähr 158490 Songs im Repertoire hat, der braucht nicht viel zu labern zwischendurch, die Stücke transportieren alles, was man wissen muss, Auf- und Abstieg (so es den denn gegeben hätte, zumindest bandseitig), wir hatten gute Zeiten und ihr wart auch dabei, wir hatten schlechte Zeiten, wir bleiben troy! Das Bühnenbild ein einziges großes MTV-Musikvideo – aber das passt ja nur zur anwesenden Generation – weiß locker über den einzigen Wermutstropfen hinwegzutrösten, nämlich, dass man sich gewünscht hätte, die Bühne wäre so ungefähr zwei Meter höher.

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Aber unter, vor und zwischen riesigen LED-Zauberwürfeln, transparenten Leinwänden und reflektierenden Vorhängen machen Thomas D, Michi Beck, Smudo und And.Ypsilon Show als wäre da irgendwann mal ein Vorfall mit einem Jungbrunnen gewesen – nun ja, zumindest , was Bühnenpräsenz betrifft. So ganz spurlos sind die letzten Jahre dann doch nicht vorübergegangen an den Herren jenseits der Vierzig, von denen insbesondere der eine stets im Hintergrund agierende frappierend an Philip Seymour Hoffman zu seinen nicht mehr ganz so frischen Zeiten erinnert. Egal, weil: immer locker bleiben!

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Eine große, zweistündige Zeitreise wird kredenzt, je älter die Songs, desto textsicherer die Jünger, ins aktuelle, überraschend kraftvolle Album „Rekord“ hat man sich offenkundig gemeinhin noch nicht so reingehört, alles vorhergehende reicht aber völlig, um die Arena geschwind in eine Sauna zu verwandeln – oder in eine riesige, schimmernde Muschel, in die sich alle legen und wiegen und träumen vom Tag am Meer. Thomas D kriegt seine Hymnen, aber irgendwohin muss er ja dürfen mit seinem Hang zum Pathos, Smudo highspeedrappt sich bis kurz vorm Zungenknoten, Michi Beck spitzbubt in die Kamera, And.Ypsilon macht das gleiche wie schon immer, nämlich leise im Hintergrund die lauten Töne. Spätestens beim großen Picknick knirscht dann auch die letzte Bandscheibe im Sprung – aber was soll man machen? Die sind gut, und deshalb populär.

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